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Die Putzfrau eines Elektronikmarktes in Würzburg entstaubt am 14.3.2003 den Bildschirm eines Fernsehgerätes in einer TV-Wand

28.9.2018 | Von:
Wolfgang Seufert

Medienkonzentration und Medienvielfalt

Wer verfügt über wieviel Meinungsmacht?

Im Medienvielfaltsmonitor werden Daten zum medienübergreifenden Einfluss der größten deutschen Medienunternehmen auf das Medienangebot seit 2009 regelmäßig veröffentlicht.[7] Die dort angewandte Berechnungsmethode ihres Gesamteinflusses wurde auf Initiative der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) entwickelt. Vorausgegangen war 2006 die Ablehnung der Fusion des Axel-Springer-Verlags mit ProSiebenSAT.1 durch die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), die für alle Lizenzierungen bundesweiter TV-Programme zuständig ist. Die von der KEK vorgenommene Berechnung des medienübergreifenden Meinungseinflusses wurde von der BLM als willkürlich angesehen.[8]

Der Medienvielfaltsmonitor geht zweistufig vor. In einem ersten Schritt werden die Marktanteile einzelner Medienunternehmen für fünf Mediengattungen berechnet, die aufgrund ihrer hohen Anteile an aktuellen Informationen als besonders meinungsrelevant angesehen werden: Fernsehen, Radio, Zeitschriften, Zeitungen sowie Online-Informationsmedien. Da diese Marktanteile das jeweilige Wirkungspotenzial abbilden sollen, werden keine Umsatz- sondern Nutzungsanteile berechnet: Anteile von TV- beziehungsweise Radio-Programmen an der Seh- oder Hördauer, Leseranteile von Zeitungs- und Zeitschriftentiteln und unique users von Webseiten. Sofern Unternehmen mehrere Medienprodukte anbieten (berücksichtigt werden alle Kapitalbeteiligungen ab 25 Prozent), werden die Nutzungsanteile addiert.[9] In einem zweiten Schritt werden dann für alle Medienunternehmen die Marktanteile auf den fünf Einzelmärkten zum "Anteil am Meinungsmarkt" aggregiert. Die einzelnen Medien bekommen dabei je nach "Meinungsbildungsrelevanz" ein unterschiedliches Gewicht. Grundlage dieser Gewichtung sind repräsentative Befragungen zum Informationsverhalten, die für den Medienvielfaltsmonitor regelmäßig durchgeführt werden. Die Umfrageteilnehmer_innen werden danach gefragt, ob sie am Vortag Informationsangebote der fünf Mediengattungen genutzt haben und welche Mediengattung sie dabei persönlich für die wichtigste Informationsquelle halten.

Der aktuellsten Befragung zufolge war 2017 in Deutschland das Fernsehen das Informationsmedium, dem am meisten Gewicht zugesprochen wurde (34 Prozent).[10] Online-Informationsangebote (26 Prozent) sind aber bereits einflussreicher als Radioprogramme und Zeitungen (je 19 Prozent), während der Gesamteinfluss der Zeitschriften einschließlich der Nachrichtenmagazine und Wochenzeitungen sehr gering ist (2 Prozent). Für alle TV- und Radio-Programme sowie Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF errechnet sich ein medienübergreifender Meinungsbildungseinfluss von 29 Prozent, das heißt Chefredakteur_innen aus privaten Medienunternehmen entscheiden über rund 70 Prozent aller meinungsbildenden Medieninhalte.

Die drei privaten Medienkonzerne mit dem größten Meinungseinfluss sind Bertelsmann (12 Prozent), Axel Springer (8 Prozent) und ProSiebenSAT.1 (7 Prozent). Der Axel-Springer-Verlag ist Marktführer bei den Tageszeitungen. Bertelsmann und ProSiebenSAT.1 sind mit weitem Abstand Marktführer im Privatfernsehen. Bertelsmann gehört gleichzeitig noch zu den Markführern im privaten Hörfunk und bei den Publikumszeitschriften. Einen bereits deutlich geringeren Einfluss haben aktuell vier Medienunternehmen mit Schwerpunkt im Printbereich: Burda Verlag (4 Prozent), Medien Union (3 Prozent), Funke-Gruppe und Bauer Verlag (beide 2 Prozent). Burda Verlag, Funke-Gruppe und Bauer Verlag gehören zwar zu den Top 5 der Zeitschriftenverlage, wegen der sehr geringen Meinungsbildungsrelevanz der Zeitschriften spielt dies aber nur eine geringe Rolle. Für alle anderen privaten Medienunternehmen liegt der aggregierte Meinungseinfluss unter 2 Prozent.

Ein methodischer Schwachpunkt des Medienvielfaltsmonitors ist die Vernachlässigung des Unterschiedes zwischen Medienprodukten mit nationaler und lokaler Verbreitung. Die Lesermarktanteile der einzelnen Tageszeitungen sind jeweils auf eine bundesweite Leserschaft bezogen. Die Marktanteile der in Deutschland überwiegend regional aktiven Zeitungsverlage sind deshalb entsprechend niedrig. Tageszeitungen werden in Deutschland aber vor allem als Hauptinformationsquelle für Lokalinformationen genutzt. Andere Studien, die die Medienkonzentration auf Lokalmärkten untersucht haben, kommen deshalb zu wesentlich kritischeren Ergebnissen im Hinblick auf die lokale Medienvielfalt: In fast 95 Prozent aller Kreise und Städte in Deutschland werden entweder nur eine oder zwei Lokalzeitungen angeboten.[11] Außerdem dominieren die Monopol- beziehungsweise Erstzeitungen meist auch das Angebot der anderen Lokalmedien im gleichen Verbreitungsgebiet (Lokal-TV, Lokalradios, lokale Internetportale).[12]

Traditionelle Medien, Online-Informationsmedien

Fast alle bundesweit aktiven traditionellen Medienunternehmen sind gleichzeitig wichtige Online-Informationsanbieter, wobei nach dem Medienvielfaltsmonitor 2017 der Burda Verlag überraschenderweise Online-Marktführer war. Dies erklärt sich dadurch, dass in der Studie als informierende Internetnutzung nur die Nutzung von Online-Portalen sowie der Online-Auftritt von Verlagen und Rundfunkveranstaltern berücksichtigt werden. Es erscheint zweifelhaft, dass diese 2009 entwickelte Methodik zur Berechnung der Internet-Marktanteile noch adäquat ist. Vor allem die wachsende Bedeutung von Medienplattformen, die keine eigenen Inhalte produzieren, sondern diese zu einem Internetgesamtangebot bündeln, sowie von Intermediären im Internet, über die ein großer Teil des Zugangs zu Online-Inhalten läuft (Suchmaschinen, soziale Netzwerke etc.), wird nicht ausreichend berücksichtigt.

Fußnoten

7.
Vgl. Die Medienanstalten, MedienVielfaltsMonitor. Ergebnisse 2. Halbjahr 2017, Anteile der Medienangebote und Medienkonzerne am Meinungsmarkt der Medien in Deutschland, April 2018, http://www.blm.de/files/pdf1/mvm_pp_17-2.pdf«.
8.
Siehe TNS Infratest Media Research, Beurteilung der Rechenmethode der KEK zur Bestimmung von Meinungsmacht als Grundlage für die Ablehnung der Übernahme der ProSieben-Sat.1 Media AG durch die Axel Springer AG, 25.1.2006, http://www.blm.de/files/pdf1/gutachten_rechenmethode_kek.pdf«.
9.
Die auf den fünf Teilmärkten zur Marktanteilsberechnung benötigten Nutzungsdaten stammen aus der Mediaforschung. Damit Werbungtreibende bei ihrer Kampagnenplanung wissen, mit welchen Reichweiten sie bei der Platzierung von Werbespots oder Anzeigen in einzelnen Medienprodukten rechnen können, werden entsprechende Daten regelmäßig erhoben.
10.
Vgl. die medienanstalten, Gewichtungsstudie zur Relevanz der Medien für die Meinungsbildung in Deutschland MedienGewichtungsStudie 2017 II, Januar 2018, http://www.blm.de/files/pdf1/dlm_mediengewichtungsstudie_17.pdf«.
11.
Vgl. Walter J. Schütz, Deutsche Tagespresse 2012. Ergebnisse der aktuellen Stichtagssammlung, in: Media Perspektiven 11/2012, S. 570–593.
12.
Vgl. Horst Röper, Multimediale Angebotsstrukturen auf lokaler Ebene. Ergebnisse einer Erhebung in 49 Regionen, in: Media Perspektiven 12/2012, S. 648–662.
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