Die Putzfrau eines Elektronikmarktes in Würzburg entstaubt am 14.3.2003 den Bildschirm eines Fernsehgerätes in einer TV-Wand

28.9.2018 | Von:
Wolfgang Hagen

Facebook & Google entflechten? Warum digitale Medien-Monopole eine Gefahr für Demokratien sind - Essay

Das eigentliche Problem: Datenarbeit & Dateneigentum

In ihrer Regierungserklärung fragt Merkel: "Wird der Einzelne auf neue Weise ausgebeutet, weil die Daten privaten Monopolen (…) gehören?"[16] Sprachlich schiebt die Kanzlerin das Problem der Ungerechtigkeit damit auf das Feld wirtschaftlicher Nutzung. "Die Frage, ob und wie ein Eigentum an Daten ausgestaltet sein kann, müssen wir zügig angehen",[17] heißt es im Koalitionsvertrag. Das Posten von Werbung auf die Ergebnisseiten einer Suche oder in "Facebook-Home"-Spalten wird allein durch die NutzerInnen möglich, aber was ist das für eine Tätigkeit? Arbeiten sie? Spielen sie? Sind sie Unternehmer? Oder muss die Frage lauten: Was veräußern sie?

Datenarbeit
"Facebook ist mehr als eine Plattform für Sozialität oder eine bestimmte Organisationsform der Infosphäre. Im Wesentlichen ist es eine Produktionsweise – eine Art und Weise, Menschen zum Arbeiten zu bringen, die den Wert generieren, der es der Plattform erst ermöglicht, all die anderen Funktionen zu erfüllen, die man ihr zuschreibt."[18] Der Medienwissenschaftler Mark Andrejevic fasst in diesem Satz eine Diskussion zusammen, die, weit entfernt von Merkel, seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten unter dem Stichwort "immaterielle Arbeit" geführt wird. Der Begriff wurde vom italienischen Soziologen Maurizio Lazzarato 1996 geprägt[19] und beschreibt, wie Wert aus affektiven und kognitiven Aktivitäten erzeugt wird – beim Filmeschauen, bei der Serienrezeption, auf Spielekonsolen, auf Fan-Seiten etc. "Arbeit" also, die auf verschiedene Weise in kapitalistischen Ökonomien kommerzialisiert wird. Was Facebook betrifft, spitzte es die Kunstkuratorin Laurel Ptak in ihrem Manifest "Wages for Facebook" (Löhne für Facebook), das sich an Silvia Federicis Text "Löhne für Hausarbeit" von 1975 anlehnt, vor einigen Jahren so zu: "Sie sagen, es ist Freundschaft. Wir sagen, es ist unbezahlte Arbeit. Mit jeder Art von Chat, Tag oder Anstupser verhilft Ihnen unsere Subjektivität zu einem Gewinn. Sie nennen es teilen. Wir nennen es Diebstahl."[20] Eine antikapitalistische Kritik, die mit dem marxschen Argument der Entfremdung operiert, dabei aber durchaus klug den Finger auf die faktische Umdeutung legt, die die Nutzerdaten durch die Algorithmen von Facebook erfahren: "Löhne für Facebook zu fordern heißt sichtbar machen, dass unsere Meinungen und Emotionen im Internet für eine spezifische Funktion verdreht wurden, und dann als Modell auf uns zurückgeworfen wurden, dem wir uns anpassen sollen, wenn wir in dieser Gesellschaft akzeptiert werden wollen." Diesen Punkt übersehen die vielen Diagnosen des double sharing, des doppelten Teilens von Daten (mit Freunden/mit Facebook):[21] nämlich, dass die Daten, die auf der Nutzeroberfläche geteilt werden, sehr unterschiedlich sind von denen in den Algorithmen, es sind gewissermaßen Daten in verschiedenen Aggregatszuständen. Gleichwohl geht Ptak nicht über eine künstlerisch-aktivistische Symbolik hinaus. Konkrete Formen der Entlohnung schlägt sie nicht vor.

"In der fordistischen Epoche der kapitalistischen Produktion, also in der Zeit der industriellen Fließbandarbeit, war Arbeitszeit Zeit der Mühen (…), während die Freizeit, wie Herbert Marcuse in den 1950er Jahren festhielt, ‚die Zeit des Eros‘ war. Im zeitgenössischen Kapitalismus laufen Spiel und Arbeit, Eros und Thanatos, Lustprinzip und Todestrieb mehr und mehr zusammen, indem von Arbeitern erwartet wird, dass sie während der Arbeit Spaß haben, während das Spielen produktiv und arbeitsähnlich wird. Spiel- und Arbeitszeit überschneiden sich, und die ganze menschliche Zeit der Existenz wird tendenziell für die Kapitalbildung ausgenutzt. Die Ausbeutung von Facebook-Arbeit ist ein Ausdruck dieser Veränderungen in der kapitalistischen Produktion und der damit verbundenen Transformation der Triebstruktur."[22] Deshalb nannte der Medienwissenschaftler Julian Kücklich diese arbeitenden Spieler schon 2005 "Playbours".[23]

Die Soziologin Carolin Wiedemann hat in ihrer Analyse des "Subjektivierungsregimes" auf Facebook den Aspekt stark gemacht, dass auf dieser Plattform alle User sich, ob sie wollen oder nicht, zu Unternehmern mausern müssen, um in ihren Profilen und Postings gut dazustehen. "Drücke dich aus: Richte dein Facebook-Profil ein. (…) Welche Informationen zeigen am besten, wer du bist?"[24] Facebooks Ideal ist eine neoliberal verstandene Welt, in der alles den (guten) Marktkräften unterworfen wird. Das heißt, Facebook will dafür "Sorge tragen, dass die Individuen ihre Freiheit in einer bestimmten Form gebrauchen: nämlich unternehmerisch (…) Prägnant wie eine Marke müssen sich die UserInnen präsentieren. Wie ein Produkt, das in der Werbung angepriesen wird."[25] Die Profilbildung auf Facebook komme insgesamt, so Wiedemann, dem "Modell der Prüfung von Persönlichkeitsmerkmalen" nahe, wie es etwa in Assessment-Centern in Einstellungsverfahren heute gang und gäbe ist. Die NutzerIn als sich selbst anpreisende UnternehmerIn wird mit dem internen Verwertungsraster von Facebook eins. Wenn ich mich selbst schon nach dem "Big Five"-Persönlichkeitsmodell in Facebook exponiere, braucht es kaum noch eine Umformung meiner Daten. Oder anders gesagt: Jeder, der sich konsequent im Sinne Facebooks profiliert, arbeitet nicht, spielt nicht, "playbourt" nicht, sondern "unternimmt" sich als zur Marke und Ware gewordenes Selbst auf einem Markt, auf dem er sich durch ihm gemäße Werbung und Konsumaufforderungen wieder begegnet. Ein vollendeter Zirkel in einem idealen neoliberalen Markt.

Dateneigentum
Angela Merkel geht es auch um neue Märkte, zur Lösung jenes "zentralen Gerechtigkeitsproblems" (erstaunlich: weder EU noch BMVI erwähnen diesen Aspekt). Allerdings: Daten sind keine Kartoffeln. Daten sind nichts Anfassbares, nichts Körperliches, keine Sachwerte mit "Habenstruktur"[26]. Daten sind Informationen, basierend, wie die Informationstheorie seit den 1940er Jahren weiß, auf Unterscheidungen. Ein Sachverhalt, der eine Unterscheidung macht, ist eine Information, ein Datum. Mein Name ist Müller, nicht Miller. Daten sind Unterscheidungen von Unterscheidungen. Eigentum dagegen ist eine Sache, über die man, wie Juristen sagen, "Herrschaftsmacht" erringt, wenn sie einem gehört.

Die Gutachter des BMVI wissen, trotz aller Befürwortung, wie juristisch prekär der Begriff des Dateneigentums bleibt. Ihnen geht es daher mehr um "Förderung des Bewusstseins, dass Daten ein marktfähiges Gut sind: Damit insbesondere Nutzer von Online-Diensten wirklich privatautonom über die Freigabe und Preisgabe ihrer Daten entscheiden können."[27] Dagegen sieht die Arbeitsgruppe "Digitaler Neustart" der Justizminister der Länder keinen Handlungsbedarf: Es sei "nicht erkennbar, dass der Datenhandel durch Einführung eines absoluten Rechts an Daten gefördert werden könnte."[28] Jede Einräumung eines Verwertungsrechts an personenbezogenen Daten ist auch mit dem heutigen Datenschutz schon möglich.

Fußnoten

16.
Deutscher Bundestag, Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Merkel, Plenarprotokoll vom 21.3.2018, S. 19.
17.
CDU/CSU, SPD, Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land, Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 12.3.2018, S. 129.
18.
Mark Andrejevic, Facebook als neue Produktionsweise, in: Oliver Leistert/Theo Röhle, Generation Facebook. Über das Leben im Social Net, Bielefeld 2011, S. 31–49, hier S. 31.
19.
Maurizio Lazzarato, Immaterielle Arbeit. Gesellschaftliche Tätigkeit unter den Bedingungen des Postfordismus, in: Antonio Negri et al. (Hrsg.), Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998, S. 39–52.
20.
Laurel Ptak, Wages for Facebook, 2014, wagesforfacebook.com.
21.
José van Dijck, Flickr and the Culture of Connectivity Sharing Views, Experiences, Memories, in: Memory Studies 4/2011, S. 401–415.
22.
Christian Fuchs, The Political Economy of Privacy on Facebook, in: Television & New Media 2/2012, S. 139–159, hier S. 146.
23.
Julian Kücklich, Precarious Playbour: Modders and the Digital Games Industry, in: The Fibreculture Journal 5/2005, http://five.fibreculturejournal.org/fcj-025-precarious-playbour-modders-and-the-digital-games-industry«.
24.
Facebook-Hilfe zit. nach Carolin Wiedemann, Selbstvermarktung im Netz – eine Gouvernementalitätsanalyse der Social Networking-Site ‚Facebook‘, Saarbrücken 2010, S. 65.
25.
Ebd.
26.
Karl-Heinz Fezer, Repräsentatives Dateneigentum. Ein zivilgesellschaftliches Bürgerrecht, Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2018, S. 59.
27.
BMVI (Anm. 9), S. 5.
28.
Arbeitsgruppe "Digitaler Neustart" (Anm. 7), S. 70.
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