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17.12.2004 | Von:
Barbara Kavemann

Kooperation zum Schutz vor Gewalt in Ehe und Beziehungen

Neue Entwicklungen und Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis

Perspektivenwechsel eröffnen neue Blickwinkel

Die neue Strategie, die auf Kooperation setzt, geht davon aus, dass alle Einrichtungen und Institutionen immer nur einen berufsspezifischen Ausschnitt der Wirklichkeit der Gewaltverhältnisse zu sehen bekommen - einige einen größeren, andere einen kleineren. Kooperation und Austausch ermöglichen es den verantwortlichen Professionellen, sich daraus ein vollständigeres Bild zusammenzusetzen und dadurch viel über die Unterschiedlichkeit der Gewaltverhältnisse und Unterstützungsbedürfnisse zu lernen und die Praxis zu optimieren. Den Frauenprojekten fällt dabei die Rolle zu, die Sichtweise der von Gewalt betroffenen Frauen in den Mittelpunkt zu stellen und darauf zu achten, dass ihre Rechte und Bedürfnisse nicht hinter institutionellen Regeln und Hürden verschwinden.

Das Ergebnis dieser Wende in der Diskussion über Gewalt im Geschlechterverhältnis war die Gründung von Interventionsprojekten. Als Interventionsprojekte werden institutionalisierte Kooperationsbündnisse bezeichnet, die interinstitutionell und interdisziplinär tätig sind. In ihnen sind im Optimalfall Vertreterinnen und Vertreter aller Einrichtungen, Institutionen, Projekte und Professionen einer Region aktiv, die explizit gegen häusliche Gewalt arbeiten oder dafür gesellschaftliche Verantwortung tragen. In der Regel finden wir hier Frauenhäuser und (Frauen-) Beratungsstellen, Polizei, Justiz, Jugendamt, Kinderschutz, Täterarbeit und Politik. Sie gründen sich in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre. Wir haben es also mit einer noch relativ jungen Entwicklung zu tun.

Im Zentrum ihrer Aktivitäten steht in der Regel ein zentrales Kooperationsgremium, wie z.B. ein Runder Tisch. Dieser unterscheidet sich von bereits bekannten und vielerorts aktiven fachspezifisch arbeitenden Runden Tischen dadurch, dass die hieran Beteiligten nicht in erster Linie als individuelle, interessierte Fachleute, sondern als Delegierte mit einem Auftrag ihrer Institution teilnehmen. Es geht langfristig darum, dass nicht nur Einzelne ihre Praxis verbessern, sondern dass ganze Institutionen ein gleiches Verständnis von häuslicher Gewalt und gleiche Ziele entwickeln und auf dieser Grundlage ihre Verfahrensweisen aufeinander abstimmen. Das gemeinsame Ziel ist ein verbesserter Opferschutz und die konsequente Inverantwortungnahme der Täter.[4] Gewalt im Geschlechterverhältnis wird nicht mehr nur in moralischen oder psychologischen Termini diskutiert, sondern als Rechtsbruch ernst genommen.


Fußnoten

4.
Vgl. Barbara Kavemann/Beate Leopold/Gesa Schirrmacher/Carol Hagemann-White, Modelle der Kooperation gegen häusliche Gewalt, BMFSFJ (Hrsg.), Schriftenreihe Band 193, Stuttgart 2001.