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17.12.2004 | Von:
Hans-Joachim Lenz

Männer als Opfer von Gewalt

Gewalt als Geschlechterfrage

Ohne die Frauenbewegung und deren langen Kampf um die gesellschaftliche Wahrnehmung der gegen Frauen gerichteten Gewalt und die parallel verlaufende Kinderschutzbewegung gäbe es die öffentliche Beschäftigung mit der Gewalt gegen Männer nicht. Mehr als dreißig Jahre der Skandalisierung dieses Problems haben nicht nur Frauen, sondern die gesamte Gesellschaft sensibler für das Geschlechterverhältnis gemacht, speziell auch für geschlechtsbezogenes Herrschaftsgebaren, Machtmissbräuche sowie Übergriffe - und langsam nun auch für die Gewalt, der Männer ausgesetzt sind. Die Frauenbewegung ist die Initiatorin dieses Gewaltdiskurses, den sie zugleich einengt.

Selbst wenn frühe Studien zur geschlechtsbezogenen Gewalt sich nicht auf Frauen und Mädchen als Betroffene beschränkten, setzte sich im Kontext der Frauenbewegung ein Diskurs um Männergewalt an Frauen durch.[12] Insbesondere die feministische Variante der Frauenbewegung griff dabei sowohl auf universalisierende ("Alle Männer sind gewalttätig") als auch auf naturalistisch-biologisierende Denkmuster ("Frauen sind gut" und "Männer sind böse") zurück, was von einzelnen Geschlechterforscherinnen immer kritisiert worden war und noch wird.[13] Die sich vormals gesellschaftspolitisch verstehende Frauenbewegung ist inzwischen zu einer Projektebewegung[14] mutiert, deren berufspolitische Interessen um den Erhalt des Arbeitsplatzes zunehmende Bedeutung erhält. Dabei wird auf geschlechterdualistische Vorurteile zurückgegriffen, die eine vehemente Beharrungskraft zeigen und sich inzwischen auch auf der politischen Ebene finden. Das Opfer-Täter-Schema gehört "zum selbstverständlichen Grundmuster der Wahrnehmung des Geschlechterverhältnisses und seiner regierungsamtlichen Bearbeitung"[15]. So wird durch den "Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen" vom Dezember 1999[16] nur der weibliche Teil der Gesellschaft für schützenswürdig gehalten. Der Teil des Planes, der Männer in den Blick nimmt, bezieht sich auf deren Täterschaft.

An dieser Ungleichbehandlung der Geschlechter zeigt sich, wie im Rahmen des kulturellen "Systems der Zweigeschlechtlichkeit"[17] mit dem Ziel, ein Geschlecht zu schützen, neuerlich alte Geschlechterzuschreibungen (der "schützenswerten Frau") konstruiert und stabilisiert werden, weil männlich und Tätersein gleichgesetzt werden. Gewalt tritt zwar empirisch überwiegend als eine männliche auf. Im Diskurs um Gewalt und Geschlecht wird aus dieser Erkenntnis jedoch die Unterstellung abgeleitet, dass alle Männer potenziell gewalttätig seien. Dieses Potenzial erhält einen Wirklichkeitsstatus: Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird die männliche Gewalttätigkeit erwartet.

In der Perspektive der Gleichstellung der Geschlechter ergibt sich aus dem zugrunde liegenden Denk- und Handlungsmuster, das - trotz des sehr erfolgreichen frauenpolitischen Engagements während der vergangenen 35 Jahren[18] - zunehmend sexistische Züge annimmt,[19] eine verhängnisvolle Konsequenz. Im öffentlichen Diskurs um Gewalt und Geschlecht verhindern blinde Flecken, dass die Verletzbarkeit von Männern eine Chance erhält, erkannt zu werden; zudem bleiben Frauen als Täterinnen (noch) weitgehend ausgeblendet.[20]


Fußnoten

12.
Vgl. Carol Hagemann-White, Gender-Perspektiven auf Gewalt in vergleichender Sicht, in: Wilhelm Heitmeyer/John Hagan (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden 2002, S. 127.
13.
Vgl. den Vortrag von Frigga Haug aus dem Jahre 1980: Frigga Haug, Frauen - Opfer oder Täter? Über das Verhalten von Frauen, in: dies., Erinnerungsarbeit, Hamburg 2001; Christina Thürmer-Rohr, Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung. Zur Mittäterschaft von Frauen, in: dies. (Hrsg.), Vagabundinnen - Feministische Essays, Berlin 1987.
14.
Zum Schutz von vergewaltigten Frauen und zur Frauengesundheit.
15.
Jörg Lau, Männerhaß und Männerselbsthaß als kultureller Mainstream, in: Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 58 (2004) 665/666, S. 934 - 943.
16.
Der Plan ist inzwischen weitgehend umgesetzt. (Quelle: http://www.bmfsfj.de/ 24.10.2004)
17.
Vgl. Carol Hagemann-White, Sozialisation: weiblich - männlich, Opladen 1984.
18.
Dies zeigt sich darin, dass es inzwischen in Deutschland 440 Frauenhäuser gibt. Sie bieten Beratung und Hilfe für jährlich 45 000 misshandelte Frauen und deren Kinder an; vgl. Carol Hagemann-White, Die Geschichte der Frauenhausbewegung - eine Erfolgsgeschichte, in: Frauenhauskoordinierung e. V. (Hrsg.), Frauenhäuser im Mainstream, Dokumentation des 5. Fachforums Frauenhausarbeit vom 6. bis. 8. Mai 2003 in Erkner. Entsprechende Angebote für Männer gibt es nicht, inbesondere auch keine staatlich alimentierten.
19.
M.E. wäre es an der Zeit zu prüfen, ob sich im Rahmen der sich verändernden Verhältnisse zwischen den Geschlechtern nicht erneut die Ideologie des Sexismus durchsetzt, nur eben jetzt unter gewandelten Bedingungen. Die Minder- und Abwertung der männlichen Verletzbarkeit aufgrund des Geschlechts legt dies nahe. "Sexismus ist ein anstößiger Begriff, weil er sein Gegenteil anmahnt: Er deutet Kritik an einem ,ungerechten` Zustand an und Bemühungen um dessen Aufhebung. Grundsätzlich wäre er, lägen andere Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern vor, auch auf Männer anwendbar. ... Der Begriff Sexismus ist dem des Rassismus nachgebildet (...). Er meint die Unterdrückung aufgrund des Geschlechts und wurde bisher ausschließlich reserviert für die Missachtung und Ausbeutung von Frauen (durch Männer)." Sigrid Metz-Göckel, Sexismus, in: Anneliese Lissner/Rita Süssmuth/Karin Walter (Hrsg.), Frauenlexikon - Wirklichkeiten und Wünsche von Frauen, Freiburg 1988, S. 990ff.
20.
Vgl. Ulrike Popp, Das Ignorieren "weiblicher Gewalt" als "Strategie" zur Aufrechterhaltung der sozialen Konstruktion von männlichen Tätern, in: Siegfried Lamnek/Manuela Boatca (Hrsg.), Geschlecht-Gewalt-Gesellschaft, Opladen 2003. Siehe auch die vor kurzem erschienene Arbeit von Hilke Gerber, Frauen, die Kinder sexuell missbrauchen - eine explorative Studie, Berlin 2004.