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17.12.2004 | Von:
Hans-Joachim Lenz

Männer als Opfer von Gewalt

Die soziale und politische Verleugnung der männlichen Verletzbarkeit

Gesellschaftsstrukturelle Mechanismen bewirken, dass männliche Opfer hinter der vermeintlichen Normalität verschwinden. Der Mann als Individuum steht in Konkurrenz zu anderen Männern. Innerhalb der "Siegerkultur" geht es um wenige Sieger und viele Verlierer.[21] Schamhaft verbirgt sich der Verlierer. Das Schweigen vieler Männer über die ihnen widerfahrenen Gewaltübergriffe korrespondiert mit der Schwere der Tat und dem Grad des Ausgeliefertseins. Je schlechter die soziale Position des Mannes ist, der in diesen Verhältnissen agiert, desto größer sind die Risiken, Übergriffen und Verletzungen ausgesetzt zu werden. Die "Unterlegenen" werden ihrem Schicksal überlassen und stigmatisiert.[22]

In dieser Logik stellt der Begriff des "männlichen Opfers"[23] ein kulturelles Paradox dar: Entweder gilt jemand als Opfer oder er ist ein Mann.[24] Beide Begriffe werden als unvereinbar gedacht. In einer patriarchalischen Gesellschaft scheint es strukturell widersinnig, von Männern als Opfer zu reden. Wie am Beispiel des Krieges deutlich wird, werden Männer gesellschaftlich dafür belohnt, wenn sie Gewalt anwenden, und bestraft, wenn sie sich dem entziehen.[25] "Im Kriege sprach und spricht man von 'Verlusten', wenn von gefallen Männern die Rede ist, die 'Opfer' sucht man bei den Frauen, Kindern und Alten in der Zivilbevölkerung."[26]

Obwohl Männer in der Männerkultur sich in Strukturen bewegen, die ihr Geschlecht privilegieren, sind sie - im Unterschied zur Frauenbewegung - von einer Anteilnahme am Los viktimisierter Mitmänner - Männer, die das Opfer von Gewalt wurden - weit entfernt. Es scheint vielen leichter zu fallen, sich für die Gleichberechtigung von Frauen oder die Bekämpfung der gegen Frauen gerichteten Gewalt einzusetzen als für das eigene Geschlecht.[27] Die Konfrontation mit der Erfahrung von Ohnmacht, Passivität und Opfersein von anderen Männern würde ein radikales Infragestellen des eigenen Mannseins bedeuten, was abgewehrt wird.

An der Verleugnung der Problematik beteiligen sich auch Professionelle aus dem psycho-sozialen Feld (Berater, Ärzte, Pädagogen, Sozialarbeiter und Psychotherapeuten), aber auch aus Männerprojekten.[28] "Das Tätertrauma, das der radikale Feminismus den Männerforschern und -therapeuten eingeimpft hat, schlägt so auf die männlichen Opfer zurück." [29]

Derzeit werden öffentliche Mittel allenfalls für die Arbeit mit Gewalttätern zur Verfügung gestellt. Die Opfer dieser Verhältnisse bleiben - Preis der restriktiven Gesellschaftspolitik - verborgen. Problematisch ist zudem eine Arbeit mit Opfern, die nicht die Not der Opfer zum Ausgangspunkt macht, sondern die unterstellte potenzielle Täterschaft der Opfer.


Fußnoten

21.
Diese "Siegerkultur" funktioniert unter den bestehenden Herrschaftsverhältnissen auf der Basis kapitalistischer Vergesellschaftung. Für den australischen Geschlechterforscher Robert W. Connell differenziert sich Männlichkeit in verschiedene Formen aus. Er spricht von Männlichkeiten und unterscheidet: Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung (vgl. Robert W. Connell, Der gemachte Mann - Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 1999).
22.
Im Spielfilm, der an der vorhandenen Bewusstseinslage anknüpft und diese widerspiegelt, wird im Allgemeinen der vermeintlich "schwache" Mann der Lächerlichkeit preisgegeben (z.B. Der bewegte Mann). Inzwischen gibt es Ausnahmen, beispielsweise Das Fest, einen dänischen Film, in dem es aus Anlass eines Familienfestes um eine vom Sohn vollzogene Aufdeckung des vom Vater während seiner Kindheit begangenen sexuellen Missbrauchs geht.
23.
Der Opferbegriff ist im Kontext des Diskurses um Gewalt generell umstritten. Vgl. Hans-Joachim Lenz (Hrsg.), Männliche Opfererfahrungen. Problemlagen und Hilfeansätze in der Männerberatung, Weinheim 2000, S. 21 - 24.
24.
Vgl. ders., Spirale der Gewalt. Jungen und Männer als Opfer von Gewalt, Berlin 1996.
25.
Die lange Geschichte der Anerkennung der Deserteure aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt dies.
26.
Lothar Böhnisch, Männer als Opfer - ein paradigmatischer Versuch, in: H.-J. Lenz (Anm.23), S. 70.
27.
Probleme, die mit dem Geschlecht in Zusammenhang stehen, gelten kulturell weitgehend als Probleme von Frauen. Bevor Geschlechterfragen Männer erreichen können, delegieren viele Männer diese an Frauen.
28.
Vgl. Hans-Joachim Lenz, " ... und wo bleibt die solidarische Kraft für die gedemütigten Geschlechtsgenossen?" Männer als Opfer von Gewalt - Hinführung zu einer (noch) verborgenen Problemstellung, in: ders. (Anm. 23).
29.
Lothar Böhnisch, Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang, Opladen 2003, S. 143. Vgl. auch: H.-J. Lenz (Anm. 23), S. 285ff., und ders., Spirale der Gewalt - Jungen und Männer als Opfer von Gewalt, Berlin 1996, S. 176ff.