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17.12.2004 | Von:
Hans-Joachim Lenz

Männer als Opfer von Gewalt

Die Pilotstudie "Gewalt gegen Männer"

Ein positives Zeichen dafür, dass seit kurzem das Interesse für die Viktimisierung von Männern auf einer politischen Ebene geweckt ist und die zuvor benannten verhindernden Strukturen und Mechanismen offen für langsame Veränderung zu sein scheinen, ist die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugend und Frauen (BMFSFJ) institutionell betreute Pilotstudie Gewalt gegen Männer.

Pilotstudie - warum jetzt?

Die Gründe dafür, dass die Studie vor drei Jahren ausgeschrieben und dann von November 2002 bis März 2004 durchgeführt wurde, sind vielschichtig und miteinander verwoben:

- Zentraler Beweggrund ist die Öffnung des bis dahin verschlossenen feministischen Blicks.[38] Die "Veränderungen der feministischen Gewaltdebatte in den letzten 30 Jahren"[39] ist eine dramatische und konflikthafte Denkgeschichte.[40] Diese hat den Boden dafür bereitet, alle Klassifizierungen, die auf biologischen Definitionen des Menschen beruhen, als Gewaltakte zu diagnostizieren, "als eine Gewalt, mit der das der jeweiligen Norm nicht zugehörige ,Andere` aussortiert wird"[41]. Damit wurde ideologisch der Boden bereitet, das "Opfermonopol" von Frauen aufzulösen und genauer auf das andere Geschlecht zu schauen.

- Eine Folge der Ausdifferenzierung der Lebenslagen und Orientierungen von Frauen und Männern und der veränderten ideologischen Überzeugungen ist ein Perspektivenwechsel, "der Männer als Zielgruppe und Verantwortliche in die Geschlechterpolitik miteinbezieht - auch, aber nicht nur, als 'Neue Väter' "[42]. Der Begriff "Gender Mainstreaming" wurde in die Politik eingebracht[43] und dient als neue Leitlinie zur Realisierung der Gleichstellung der Geschlechter.[44]

- Das vor zwei Jahren eingeführte Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt hat insbesondere bei Männern, die in häuslichen Konflikten leben oder lebten, zu einem starken Aufmerksamkeitsschub für die Perspektive auf männliche Opfer geführt.[45] Die dadurch ausgelöste wichtige Diskussion über Gewalt von Frauen gegen Männer im Rahmen von Partnerschaften greift allerdings nur einen kleinen Ausschnitt der Gewalt auf, der Männer ausgesetzt sind, und überinterpretiert diesen. So entsteht der Eindruck, dass es eher um einen antifeministischen Impuls zu gehen scheint als um wirkliche Anteilnahme an der Viktimisierung von Männern.

- Ein weiterer wichtiger zeitgeschichtlicher Anstoß ist darin zu sehen, dass es hinsichtlich der NS-Zeit lange eine kollektive Verdrängung der Auseinandersetzung mit den Opfern dieser Zeit gab. Zugleich war die Beschäftigung mit der Perspektive auf Deutsche als Opfer obsolet, da viele als Täter im Faschismus agierende Personen sich hinter einer Opferrolle versteckten und keine Verantwortung für ihr eigenes Tun übernehmen wollten. Mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Geschehen und dem Lautwerden nichtdeutscher Opfer kam es zu einer Ausdifferenzierung der Perspektive.[46] Inzwischen sind auch die Opfer des Zweiten Weltkrieges sowohl in der Zivilbevölkerung (Luftangriffe und Vertreibung) als auch beim Militär (Kriegsgefangenschaft und Desertion) ein Thema, dem Aufmerksamkeit zukommt.[47]

- In den neunziger Jahren nahm in den Medien (insbesondere im Fernsehen) die Berichterstattung über verdeckte und verborgene Seiten der menschlichen Existenz zu. Teilweise mit voyeuristischem Beigeschmack (z.B. in Talkshows) fand eine mehr oder weniger seriöse Auseinandersetzung über deren Schattenseiten statt. Das dadurch entstandene Klima, in dem Verdrängtes ausgesprochen werden kann und das Interesse anderer Menschen geweckt wird, begünstigte die Veröffentlichung der gegen Männer gerichteten Verletzungen.

- Bildungseinrichtungen wie die Heinrich-Böll-Stiftung[48] und die Evangelische Akademie Tutzing[49] nahmen sich in den vergangenen drei Jahren der Thematik der männlichen Verletzbarkeit an und zeigten, dass in einer seriösen Weise damit umgegangen werden kann.

- Bei allem ideologischen Wandel ist eine im Durchschnitt höhere Sensibilität von Frauen gegenüber der männlichen Opferperspektive geblieben. Daran zeigt sich, dass der Abbau von patriarchalen Strukturen und Mechanismen ein zivilisatorischer Fortschritt ist und Männern die Möglichkeit bietet, mit ihrer verletzlichen Seite ernst genommen zu werden.

- Traditionelle Männlichkeit entleert sich zunehmend ihres Sinnes und wird durch gesellschaftliche Entwicklungen überholt. Männlichkeit (z.B. in der Rolle als Ernährer und Erzeuger) wird immer weniger gebraucht. Der damit einhergehende Bedeutungsverlust führt zu Verunsicherungen, ohne dass sich Männer bislang in breitem Umfang damit auseinander setzten. Die damit assoziierte Schwäche wird schamhaft abgewehrt. Eine Folge davon ist, dass bislang erst wenige Männer bereit sind, sich der gegen das eigene Geschlecht gerichteten Gewalt zu stellen. Einige wenige selbst verantwortete Angebote bieten Ansätze für Orientierung wie z.B. Projekte der Selbsthilfe.[50]

Ziel der Pilotstudie

Das Ziel der Pilotstudie besteht darin, Daten über die Gewalterfahrungen von Männern im häuslichen wie im außerhäuslichen Bereich durch die Befragung von in Deutschland ansässigen Männern zu gewinnen. Es wurde in mehreren Schritten realisiert:

Nach einer Phase der Literaturauswertung fanden bundesweit 23 qualitative Interviews mit Experten und Expertinnen aus Beratungs- und Hilfsangeboten statt. In leitfadengestützten mehrstündigen Interviews wurden 32 Männer befragt, die zur Hälfte zufällig und zur anderen Hälfte gezielt ausgewählt waren. Den Abschluss bildeten 266 quantitative Interviews mit zufällig ausgewählten Männern. Die quantitative Befragung wurde mündlich durchgeführt. In einem schriftlichen Zusatzbogen, den 190 Befragte ausfüllten, wurde spezifisch häusliche Gewalt erhoben.

Die Durchführung der Studie wurde einem außeruniversitären Forschungsverbund "Gewalt gegen Männer" übertragen.[51] Seit kurzem liegen nun die Ergebnisse unter dem Titel Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland - Abschlussbericht der Pilotstudie vor.[52]

Einblicke in die Ergebnisse der Pilotstudie

Allgemein lässt sich sagen, dass sich in der Normalität des Alltags von Männern vielfältige Zwänge finden, deren Übergänge zur Gewalt fließend sind. Das Verständnis von Gewalt[53] umfasst die Bereiche physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt, wobei die Grenzen zwischen den einzelnen Ebenen nicht eindeutig zu ziehen sind.

Im Rahmen der Studie wurden durch die Kombination der beiden Dimensionen Lebensphasen und Kontexte die in der Tabelle aufgeführten Gewaltfelder identifiziert.

Einige Detailergebnisse:

- Männer sind vor allem in der Öffentlichkeit gefährdet, Opfer von körperlicher Gewalt, vorrangig durch andere Männer, zu werden.

- In der Arbeitswelt ergaben sich auffällig hohe Zahlen bei psychischer Gewalt durch Vorgesetzte und Kollegen. Auch hier sind vorrangig Männer die Täter.

- Innerhalb der Paarbeziehung ergab sich ein zwiespältiges Bild: Ein Viertel der Männer hat körperliche Gewalt in irgendeiner Form innerhalb der (heterosexuellen) Partnerschaft erfahren, wenige häufiger als zweimal. Dagegen ist der Bereich der sozialen Kontrolle durch die Partnerin vergleichsweise hoch.

- Deutlich wurde, dass viele Übergriffe verborgen bleiben und nicht aufgedeckt werden, weil sie entweder als "normal" gelten oder sich der Betreffende schämt. So hat keiner der Männer, die angaben, von ihrer Partnerin häusliche Gewalt erfahren zu haben, die Polizei gerufen. Es besteht die Vermutung, dass Männer über die ihnen widerfahrene Gewalt überwiegend schweigen.

- Auch über die im Kontext des Militärs erlittenen Übergriffe reden viele junge Männer nicht. Beim Militär sind im Vergleich zum zivilen Leben zahlreiche Mechanismen, die vor Gewalt schützen, eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt. Über spezielle Erziehungsprogramme wird die Tötungshemmung der Rekruten überwunden und ihre Bereitschaft geschaffen, sich in das System von Befehl und Gehorsamkeit einzufügen. Häufig ist diese Desensibilisierung eingebunden in Männlichkeitsrituale mit persönlichkeitsverändernder Wirkung.[54] "Fast ein Drittel der Befragten, die Wehrdienst geleistet haben, geben an, gezwungen worden zu sein, etwas zu sagen oder zu tun, was sie absolut nicht wollten."[55] Von vielen Soldaten wurden Gewaltübergriffe als "normal" erlebt.[56]

- Eines der für die Durchführenden der Studie bemerkenswerten Ergebnisse war die Häufigkeit und teilweise auch Intensität, mit der der Zweite Weltkrieg Spuren bei den Befragten hinterlassen hat.[57]

- Aus der Studie ergibt sich diesbezüglich eine weitere wichtige Erkenntnis: Männer sagen erst etwas zu ihren Gewalterfahrungen, wenn sie danach gefragt werden und wenn jemand bereit ist zuzuhören. Damit wird deutlich, wie wichtig private und professionelle Zuhörer sind.

Mit der Pilotstudie wurde weitgehend öffentliches Neuland betreten, indem die "andere" - verletzliche - Seite von Männern in den Blick gerät. Damit besteht eine Chance, das vorherrschende öffentlich gehandelte Klischee von Männlichkeit in Frage zu stellen und durch die gewonnenen Erkenntnisse eine vorurteilsfreiere Sicht auf Männer zu ermöglichen.

Für die Hauptstudie einer repräsentativen Stichprobe der männlichen Bevölkerung hinsichtlich ihrer Viktimisierung bedarf es nun eines politischen Willens, diese unter Bedingungen durchzuführen, die es ermöglichen, die Forschungsperspektiven angemessen und geschlechtergerecht weiterzuentwickeln.


Fußnoten

38.
Constanze Engelfried unterscheidet drei problematische Aspekte des vorurteilsvollen feministischen Blicks auf Jungen und Männer: 1. Der Mann als Feindbild; 2. Der Mann als (potenzieller) Täter sexueller Gewalt; 3. Der Mann als illegitimer Partner (vgl. Constance Engelfried, Männlichkeiten. Die Öffnung des feministischen Blicks auf den Mann, Weinheim 1997). Engelfried referiert das von Lerke Gravenhorst Ende der 1980er Jahre formulierte "feministische Dilemma": Männer seien nicht auf patriarchale Verhältnisse zu reduzieren. "Für sie (H.-J. L. Gravenhorst) sind Männer Akteure des Patriarchats, die ebenso nicht-patriarchale Verhaltensweisen zeigten, die sie als begehrenswert und lebensförderlich für Frauen ansieht." (C. Engelfried, S. 33).
39.
Christina Thürmer-Rohr, Veränderungen der feministischen Gewaltdebatte in den letzten 30 Jahren, in: Antje Hilbig/Claudia Kajatin/Ingrid Miethe, Frauen und Gewalt. Interdisziplinäre Untersuchungen zu geschlechtsgebundener Gewalt in Theorie und Praxis, Würzburg 2003.
40.
Christina Thürmer-Rohr unterscheidet fünf Stationen: Frauen als Opfer von Gewaltverhältnissen, Frauen als Mittäterinnen an Gewaltverhältnissen, Deutsche Frauen als Mittäterinnen und Täterinnen im Nationssozialismus, Westliche/weiße Frauen als Täterinnen in der westlichen Moderne, Gewalt des Klassifizierens - Geschlecht als totalitäres Konstrukt.
41.
Christina Thürmer-Rohr, Geschlechterdemokratie, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) Geschlechterdemokratie - Vielfalt der Visionen, Visionen der Vielfalt, Berlin 2001, S. 31.
42.
Heinrich-Böll-Stiftung, ebd.
43.
Vgl. http://www.gender-mainstreaming.net/ (27.10.2004).
44.
Vgl. http://www.genderkompetenz.info/ (27.10.2004).
45.
Vgl. Gerhard Amendt, Scheidungsväter, Bremen 2003; Ralf Ruhl, Väter-Opfer bei Trennung und Scheidung?, in: H.-J. Lenz (Anm. 23), S. 149 - 166.
46.
Zuletzt im Zusammenhang mit den jahrelangen Verhandlungen um die Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeit. Vgl. H.-J. Lenz (Anm. 23), S. 52 - 55.
47.
Vgl. Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945, München 2002.
48.
Vgl. beispielsweise die Fachtagung Mann oder Opfer?, die zusammen mit dem "Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse" am 12./13. Oktober 2001 in Berlin stattfand. Siehe: http://www.boell.de/downloads/gd/MannoderOpfer.pdf.
49.
Vgl. die Tagung "Männliche Opfererfahrungen" in Heilsbronn vom 1. bis 3. März 2003. Vgl. H.-J. Lenz/Chr. Meier (Anm.32).
50.
Vgl. Thomas Schlingmann und andere Mitarbeiter, Selbsthilfe - Ein taugliches Konzept für Männer, die als Junge Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind? Erfahrungen der Anlaufstelle Tauwetter, Berlin, in: H.-J. Lenz (Anm. 23).
51.
Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde die Studie erarbeitet durch die Kooperation von Dissens Berlin, GeFoWe Eckenhaid und Soko Bielefeld. Das Forschungsteam bestand aus Ludger Jungnitz, Hans-Joachim Lenz, Ralf Puchert, Henry Puhe und Willi Walter. (GeFoWe = Praxis für Geschlechterforschung, Beratung und Weiterbildung Eckenhaid; Soko = Soku-Institut GmbH - Sozialforschung und Kommunikation Bielefeld.)
52.
Vgl. Forschungsverbund "Gewalt gegen Männer", Gewalt gegen Männer - Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland - Abschlussbericht der Pilotstudie, Berlin 2004. Es sind eine deutsche und englische Kurzfassung und eine deutsche Langfassung abrufbar. Sie können im Internet eingesehen bzw. heruntergeladen werden über: http://www.bmfsfj.de/
53.
Die zugrunde gelegte Definition lautet: "Personale Gewalt ist jede Handlung eines anderen Menschen, die mir Verletzungen zufügt und von der ich annehme, dass sie mich verletzen sollte oder zumindest Verletzungen billigend in Kauf genommen wurden." (Forschungsverbund, ebd., S. 18)
54.
Vgl. Christian Herz, Kein Frieden mit der Wehrpflicht. Entstehungsgeschichte, Auswirkungen und Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht, Münster 2003.
55.
Forschungsverbund 2004 (Anm.52), S.149.
56.
Dies scheint der wesentliche Grund zu sein, warum die Misshandlungen während der Grundausbildung in Coesfeld von den Rekruten widerspruchslos hingenommen worden sind. Zugleich wird der Zusammenhang von Männlichkeit und legalisierter Gewaltausübung kaum reflektiert (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.11. 2004, S.2).
57.
Sei es als Kriegskind im Bombenhagel, auf der Flucht, als Soldat oder Zivilist.