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17.12.2004 | Von:
Alexandra Geisler

Hintergründe des Menschenhandels in die Prostitution mit Frauen aus Osteuropa

Blick auf die Opfer

Das Phänomen des Menschenhandels in die Prostitution mit Frauen aus Osteuropa ist lange Zeit vernachlässigt worden und erfuhr erst in den letzten Jahren - im Zuge der Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union - verstärkte Beachtung. Dass dies eine Menschenrechtsverletzung darstellt, ist gemeinhin politischer Konsens. International steigt die Zahl der Resolutionen, Gremien, Konferenzen und Absprachen. Doch ganz offensichtlich hat dies alles bisher nicht dazu beigetragen, den Menschenhandel mit Frauen zu stoppen oder einzudämmen. Ein Grund dafür ist, dass die Hauptursachen des Menschenhandels, wie die Perspektivlosigkeit bzw. die Armut der Frauen in den Herkunftsländern, durch behördliche oder juristische Maßnahmen kaum tangiert werden. Ferner besteht Dissens über die zu ergreifenden Maßnahmen. Sobald es um die Strategien zur Verhinderung und Bekämpfung des Menschenhandels geht, wird schnell deutlich, dass es verschiedene Interessengruppen gibt, die unterschiedliche und manchmal sich widersprechende Ziele verfolgen. Das Dilemma ist: Auch wenn eine Vielzahl von Konventionen die Nationalstaaten verpflichtet, gegen Menschenrechtsverletzungen vorzugehen, so gelten die Frauen doch in der Realität entweder als Kriminelle, die strafrechtlich verfolgt werden, oder als wehrlose Opfer, denen mit einer Rückführung geholfen werden soll.

In der Fachdiskussion wird immer wieder der Standpunkt vertreten, dass es notwendig sei, die betreffenden Frauen nicht als passive Wesen oder als Opfer zu begreifen. So wird z.B. davon ausgegangen, dass Migrantinnen auch Pionierinnen sind, die Grenzen überwinden und eine enorme Mobilitäts- und Risikobereitschaft besitzen.[5] Insofern wird den Frauen, oftmals aufgrund von wirtschaftlicher Not in den Herkunftsländern, eine Migrationsbereitschaft unterstellt, und es wird davon ausgegangen, dass individuelle Migrationsprojekte nicht aufgrund verschärfter Grenzkontrollen und Zulassungsbeschränkungen aufgegeben werden. Doch selbst wenn Frauen bei der Anwerbung wirklich wissen, welcher Arbeit sie im Zielland nachgehen müssen, kann Zwang vorherrschen.

Im Gegensatz zu diesen Vorstellungen dominiert in den osteuropäischen Ländern die Einschätzung, dass gehandelte Frauen aufgrund der Annahme, dass sie "wussten", was sie erwartete, und somit verdienten, was sie "bekamen", ihrer Rechte beraubt werden dürfen. Demgegenüber werden die Frauen von staatlichen Instanzen und auch einigen Nichtregierungsorganisationen in den westlichen Zielländern als verletzliche und passive Objekte behandelt, die nicht zu abgewogenen Beurteilungen in der Lage sind und konsequenterweise gerettet und zurückgeführt werden müssen. Der Dreh- und Angelpunkt ist die einseitige Viktimisierung von Frauen, die nicht mehr als Subjekte, sondern nur als Opfer ohne eigenen Willen dargestellt werden.

Menschenhandel und Migration sind separate, aber miteinander verbundene Themen.[6] Die Ansicht, dass gehandelte Frauen starke, risikofreudige Charaktere sind, die eine rationale Wahl getroffen und sich entschieden haben, zu emigrieren, ist jedoch genauso insuffizient wie die Opferrethorik, welche die komplexe Entscheidungsfindung vieler Frauen auf einen zentralen Beweggrund minimiert und den Frauen geringfügige Handlungskompetenzen unterstellt.


Fußnoten

5.
Vgl. Mirjana Morokvasic, Fortress Europe and Migrant Women, in: Feminist Review, No. 39, Hampshire 1991, S. 69 - 84.
6.
Vgl. Mike Kaye, The migration-trafficking nexus - combating trafficking through the protection of migrants human rights, London 2003, S. 3.