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17.12.2004 | Von:
Alexandra Geisler

Hintergründe des Menschenhandels in die Prostitution mit Frauen aus Osteuropa

Geschlechterdimensionen

Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen die in den ehemals staatssozialistischen Ländern des Ostblocks in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren auftraten, hatten insbesondere für Frauen einschneidende Konsequenzen. Die gesellschaftliche Transformation hin zur neoliberalen Marktwirtschaft manifestierte sich in einem Anstieg der Arbeitslosigkeit - in den neunziger Jahren gingen ungefähr 14 Millionen Arbeitsplätze für Frauen verloren[7] -, der Verarmung großer Teile der Bevölkerung - Ende der neunziger Jahre lebten 50 Millionen Menschen von weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag[8] - und dem Verlust zahlreicher sozialer Leistungen. Der Übergang zum Neoliberalismus wurde auch von einem Wiederaufleben traditioneller Geschlechterrollen in Bezug auf die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und verschiedenen Formen der Gewalt begleitet. Auch wenn Frauen vor 1989 auf formaler und politischer Ebene gleichgestellt und zu einem großen Teil als Arbeiterinnen in der Wirtschaft vertreten waren - allerdings in den unteren Hierarchieebenen und nur mit 70 bis 90 Prozent des Jahreseinkommens eines Mannes[9] -, konnte die "Frauenfrage" keinesfalls als gelöst gelten. Der Staatssozialismus gewährte den Frauen zwar gewisse legale und ökonomische Vorteile, stärkte jedoch den "Thermidor in der Familie"[10] und damit die Basis ihrer Unterdrückung. Auch herrschte aufgrund der offiziellen Rethorik der Geschlechtergleichheit Schweigen in Bezug auf Gewalt gegen Frauen. Wenngleich es bisher kaum repräsentative Statistiken gibt, machen die vorhandenen Daten doch deutlich, dass heute in vielen Ländern der Region Gewalt gegen Frauen stark verbreitet ist. Im Jahr 1997 wurden in Russland beispielsweise ungefähr die Hälfte aller Morde durch häusliche Gewalt verursacht.[11] Ferner ist ein erheblicher Anstieg allein erziehender Mütter zu verzeichnen, was mit einem Absinken familienpolitischer Leistungen zusammenfällt.[12] Der geringere gesellschaftliche und wirtschaftliche Status, physische und sexuelle Gewalt, Doppelbelastung, Abhängigkeit, Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeit, den Haushalt abzusichern, etc., stellen die gesellschaftlichen Ursachen für die Notlagen einer Mehrzahl von Frauen dar.


Fußnoten

7.
Vgl. UNICEF, Women in Transition, The MONEE Project CEE/CIS/Baltics, Regional Monitoring Report, No. 6, Florenz 1999, S. 27.
8.
Vgl. Jeni Klugman/John Micklewright/Gerry Redmond, Poverty in the transition, social expenditures and the working-age poor, UNICEF Innocenti Research Centre, Innocenti Working Papers, No.91, Florenz 2002, S. 8.
9.
Vgl. UNICEF (Anm. 7), S. 33.
10.
Das autoritäre Regime Stalins schob den Frauen wieder die alleinige Verantwortung für die Arbeit in der Familie zu, was im Gegensatz zur bolschewistischen Propagierung der Vergesellschaftung der Hausarbeit stand.
11.
Vgl. UNICEF (Anm. 7), S. 82.
12.
Vgl. ebd., S. 57.