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17.12.2004 | Von:
Alexandra Geisler

Hintergründe des Menschenhandels in die Prostitution mit Frauen aus Osteuropa

Migrationsmotive

Im Rahmen qualitativer Forschungen habe ich 2003 problemzentrierte Interviews mit ehemals gehandelten osteuropäischen Frauen geführt. Ziel war die Evaluation des Zusammenhangs von selbstbestimmter Migration bis hin zur Zwangsprostitution sowie die Einschätzung der Rolle der organisierten Kriminalität oder auch der Veränderung der Geschlechterverhältnisse.

Auch wenn die gesellschaftliche Transformation sich von Land zu Land mitunter erheblich unterscheidet, weshalb bei Verallgemeinerungen Vorsicht geboten ist, kann als das zentrale Motiv der interviewten Frauen zum Verlassen des Herkunftslandes die Überlebensstrategie bezeichnet werden. Die Sicherung der physischen Existenz, welche die Frauen durch absolute Armut akut bedroht sahen, ließ sie die Angebote der HändlerInnen in Erwägung ziehen.[17] Im Mittelpunkt standen bei den gehandelten Frauen mit Kindern zudem die Haushaltsstrukturen. Ihnen wurde nicht nur die Verantwortung für die Familie im Bereich der unbezahlten Arbeit zugeschrieben, sondern es oblag ihnen auch noch der größte Teil der bezahlten Arbeit, um den Unterhalt für die Kinder zu sichern.[18] In der Analyse wurde deutlich, dass diese Feminisierung der Verantwortung von großer Tragweite war.

Zu den genannten wirtschaftlichen Faktoren traten im Einzelfall noch weitere hinzu. Hierzu zählen die gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten, die Angst vor der wirtschaftlichen Abhängigkeit von einem gewalttätigen oder alkoholabhängigen Partner, der Verlust des Vertrauens in die Mitmenschen und staatlichen Funktionsträger aufgrund der Entwicklung des kriminellen informellen Sektors sowie der Korruption, die Abnahme der Solidarität sowie die Suche nach Unabhängigkeit und einem selbst bestimmten Leben, frei von familiären Zwängen und Rollenvorstellungen. Diese Faktoren wurden zwar als zusätzlich belastend wahrgenommen, jedoch von keiner Frau ursächlich als Motiv zum Verlassen des Herkunftslandes genannt.[19]

Die aufgeführten Faktoren führten allerdings nicht automatisch zum Versuch der eigenständigen Migration. Die Motivbildung setzte erst mit der Anwerbung durch MenschenhändlerInnen ein und der durch diese erzeugten Illusionierung. Keine Frau hatte vorher selbst aktiv nach Möglichkeiten einer Migration gesucht beziehungsweise eigenständig legale oder illegale Migrationswege eingeschlagen. Die als belastend wahrgenommenen gesellschaftlichen Faktoren schufen somit erst die notwendigen Bedingungen für den Menschenhandel, aus denen kriminelle Elemente ihren Vorteil zogen. Das Zielland Deutschland wurde von den Frauen nicht mit Bedacht oder rational ausgewählt, sondern von den MenschenhändlerInnen.[20]


Fußnoten

17.
Vgl. Alexandra Geisler, Gehandelte Frauen - Menschenhandel zum Zweck der Prostitution mit Frauen aus Osteuropa, Berlin 2004, S. 84 f.
18.
Vgl. ebd., S. 85 - 87.
19.
Vgl. ebd., S. 88 - 90.
20.
Vgl. ebd., S. 91 - 96.