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17.12.2004 | Von:
Alexandra Geisler

Hintergründe des Menschenhandels in die Prostitution mit Frauen aus Osteuropa

Formen der Anwerbung

Bei allen interviewten Frauen fungierten Bekannte, FreundInnen und ArbeitskollegInnen als ein bedeutsamer migrationslenkender Faktor. Charakteristisch für die Frauen war, dass sie bereits vor ihrer Ausreise Kenntnisse über die Möglichkeit und Gefahren des Menschenhandels hatten. Dies führte zu einer verstärkten Vorsicht gegenüber betrügerischen Angeboten. Offerten in Zeitungen, Bars, Diskotheken oder von Agenturen wurden von den Frauen nicht angenommen. Doch die HändlerInnen bedienten sich privater und freundschaftlicher Netzwerke. Ferner wurden zur Anwerbung primär Frauen eingesetzt, die in einigen Fällen auch der second wave[21] zuzuordnen sind. Insbesondere diesen privaten Netzwerken wurde von Seiten der Frauen Vertrauen entgegengebracht.[22] Es stellt sich die Frage, ob zukünftig in dieser Form der Anwerbung, d.h. dem Missbrauch von freundschaftlichen Netzwerken, ein Anstieg zu verzeichnen sein wird und ob sie mit der steigenden Aufklärung und Vorsicht der Frauen korreliert.

Organisierte Kriminalität

Obwohl das Phänomen des Menschenhandels von staatlicher Seite hauptsächlich aus der Perspektive der Bekämpfung organisierter Kriminalität gesehen wird, dominierten bei den interviewten Frauen organisierte kriminelle HändlerInnenringe nicht. Besonders auffällig war die starke Involviertheit der Bevölkerung aus dem näheren Bekanntenkreis der Frauen in den Herkunftsländern, entweder als HändlerInnen oder als Opfer.[23] Auch wenn die organisierten MenschenhändlerInnengruppen weiter existieren, scheint die Entwicklung eines reaktionären Frauenbildes die massenhafte Anwerbung von Frauen zur Ausbeutung in der Prostitution im Ausland als individuelle Überlebensstrategie forciert zu haben. Ferner muss eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz unterstellt werden, denn es ist wenig wahrscheinlich, dass sich diese Entwicklungen, insbesondere in ländlichen Gebieten, aus denen die Mehrheit der interviewten Frauen kam, unbemerkt von der Öffentlichkeit vollziehen. Da die tatsächlichen Aufwendungen und das Risiko einer Strafverfolgung gering sind, besteht ein ökonomischer Anreiz, mit Zwangsprostitution sein Einkommen zu sichern.

Zwang und Freiwilligkeit

Der Menschenhandel setzt gemäß Definition des Menschenhandelsprotokolls keinen "Handel" im eigentlichen Sinne voraus, sondern bezeichnet die Anwerbung, den Transport oder den Empfang einer Person, wobei das primäre Definitionsmerkmal nicht die Art der Tätigkeit der gehandelten Person, sondern die Art der Anwerbung ist: durch Androhung von Gewalt, durch Täuschung, Autoritätsmissbrauch oder Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, Das Ziel besteht darin, die betreffende Person auszubeuten.[24]

Per Definition spielt es keine Rolle, welcher Tätigkeit die Frauen nachgehen müssen. In der Realität muss jedoch beachtet werden, welchen spezifischen Platz Prostitution und die weibliche Sexualität in verschiedenen Gesellschaften einnehmen, da dies einen Einfluss auf die tatsächliche Behandlung von gehandelten Frauen hat. Theoretisch ist die Zwangsprostitution von der Arbeit der Prostituierten klar zu differenzieren. In der Realität fällt diese Unterscheidung mitunter nicht leicht, wenn z.B. die offenkundigen Zwangsmechanismen wegfallen oder die gehandelte Frau sich in die Arbeit als Prostituierte fügt. Die Trennlinien verschwimmen und es kann zu Fehlbeurteilungen kommen.

Insbesondere Prostituiertenvereinigungen und einige Frauenorganisationen instrumentalisieren gehandelte Frauen oftmals für ihre eigenen Zwecke, d.h. für den Kampf um die Legalisierung der Prostitution als "normale" Dienstleistung und die Anerkennung als Beruf. So wird davon ausgegangen, dass die meisten Frauen sich selbstbestimmt für eine Arbeit in der Prostitution anwerben lassen.

Dem steht entgegen, dass den interviewten Frauen Arbeit in der Gastronomie, Kinderbetreuung etc. versprochen wurde und ihnen bei der Anwerbung nicht bewusst war, dass sie in der Prostitution arbeiten müssen. Den TäterInnen gelang es in jeweils unterschiedlichem Ausmaß, Besitz von den Frauen zu ergreifen, z.B. durch Betäubungsmittel, das Druckmittel der Schuldenrückzahlung, Schläge, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, Drohungen gegen die Familie im Herkunftsland, Wegnahme der Pässe und Verdienste sowie permanenten Ortswechsel. So erlebten einige den totalen Verlust persönlicher Kontrolle, während anderen noch Handlungschancen blieben, wenn auch minimiert aufgrund der Desorientierung, der unbekannten Kultur und Sprache sowie der kontrollierten Außenkontakte.[25]


Fußnoten

21.
Die "second wave" wird durch Frauen gebildet, die zuvor selbst ins Ausland gehandelt wurden und nun in ihr Herkunftsland zurückgekehrt sind, oftmals mit ihrem früheren Zuhälter, um weitere Frauen anzuwerben.
22.
Vgl. A. Geisler (Anm. 17), S. 96 - 98.
23.
Vgl. ebd., S. 99 f.
24.
Vgl. Global Alliance Against Traffic in Women u.a., Menschenrechtsnormen für den Umgang mit Betroffenen des Menschenhandels, Bangkok 1999, S. 2.
25.
Vgl. A. Geisler (Anm. 17), S. 103 - 109.