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17.12.2004 | Von:
Alexandra Geisler

Hintergründe des Menschenhandels in die Prostitution mit Frauen aus Osteuropa

Gesellschaftliche Positionen zurProstitution

Die gesellschaftliche Haltung gegenüber Frauen in der Prostitution und die mangelnde Einsicht in die Zwänge des Menschenhandels mit Frauen führt dazu, dass Frauen oftmals für die Taten verantwortlich gemacht werden, die gegen sie begangen wurden. So übertrugen die Frauen die in den Herkunftsländern vorherrschenden gesellschaftlichen Ansichten soweit auf sich selbst, dass sie der eigenen Person letztendlich die Schuld an der Situation zuschrieben, weil sie sich ursprünglich dazu entschieden hatten, ihr Land zu verlassen. Keine der Frauen konnte sich vorstellen, bei einer Rückkehr in ihr Herkunftsland jemandem von ihren Erlebnissen zu berichten, da sie weitere Diskriminierungen, Schuldzuweisungen und sexuelle Gewalt befürchteten.[26] Damit wird deutlich, dass die gesellschaftlichen Ansichten und Positionen zur Prostitution einen bedeutenden Faktor im TäterInnenschutz einnehmen können.

Menschenrechte gehandelter Frauen

Da gehandelte Frauen oftmals zugestimmt haben, im Ausland zu arbeiten, in manchen Fällen sogar als Prostituierte, werden sie derselben Kategorie wie illegalisierte MigrantInnen zugeordnet und als Mittäterinnen verantwortlich gemacht. Dadurch gelten sie in den Ziel- und Herkunftsländern unter Umständen als mitschuldig an ihrer eigenen Ausbeutung. Dies kann als politisches Kalkül interpretiert werden, müssen gehandelte Frauen - um bestimmte Rechte und Privilegien zu erhalten - doch als Opfer wahrgenommen werden. Dies bleibt vielen Frauen jedoch verwehrt, was meist zu einer direkten Abschiebung führt.

Die Zuerkennung des individuellen Opferstatus - als Resultat eines kriminellen Verbrechens - ist jedoch nur so lange wünschenswert, wie dieser Rechte und praktische Unterstützungsleistungen bietet und nicht eindimensional von staatlicher Seite konstruiert wird, so dass gehandelte Frauen als machtlos wahrgenommen werden.

Es ist notwendig, eine Unterscheidung zwischen dem rechtlichen Status der gehandelten Frauen als Opfer und ihrer eigenen Identität sowie ihren Bedürfnissen zu treffen. Da zur erfolgreichen Bekämpfung der organisierten Kriminalität, dem Hauptanliegen nationaler Regierungen, die Inanspruchnahme von Opfern des Menschenhandels als Zeuginnen vonnöten ist, stellt sich die Frage, was nach Beendigung der Strafprozesse geschieht - bzw. dann, wenn sich die Frauen nicht bereit erklären, als Zeuginnen auszusagen. Das "Lagebild Menschenhandel" des Bundeskriminalamtes aus dem Jahre 2002 gibt an, dass von den Frauen, deren Verbleib bekannt ist, 44,3 Prozent der Opfer von Menschenhandel abgeschoben oder ausgewiesen wurden; 23,9 Prozent kehrten freiwillig zurück, 5,5 Prozent der Opfer kamen in ZeugInnenschutzprogramme, 16,3 Prozent bekamen eine Duldung; bei 21,1 Prozent ist das Schicksal unbekannt.[27]

Ohne die Berücksichtigung der individuellen Wünsche der gehandelten Frauen werden die Anliegen des staatlichen Systems immer Priorität haben und die Frauen als Opfer "zweiter Klasse" behandelt. Auch wenn es in Deutschland verschiedene Formen des Schutzes und der sozialen Unterstützung gibt, so stehen diese hauptsächlich für gehandelte Frauen zur Verfügung, die mit den Behörden kooperieren, und sind meist bis zum Ende des Prozesses limitiert. Im Herkunftsland müssen die Frauen nach ihrer Rückkehr in materieller, psychischer und gesellschaftlicher Hinsicht oftmals mit einer schlechteren Situation als vorher fertig werden. Hinzu kommt die mögliche Verfolgung durch die HändlerInnen. Außerdem gibt es in den osteuropäischen Herkunftsländern kaum soziale Programme, und die geringen finanziellen Mittel der Projekte reichen bei weitem nicht für eine adäquate Hilfe aus. Die tatsächliche Hilfe für Opfer rangiert derzeit nicht an oberster Stelle, auch wenn das Menschenhandelsprotokoll die Unterzeichnerstaaten zu einem umfassenden Ansatz verpflichtet, der alle so genannten "3 P's"[28] gleichermaßen umfasst. Zwischen der Verantwortung von Seiten des Staates und dem, was dieser dafür im Gegenzug von den Gewaltopfern wirklich erwarten darf, muss eine Balance gefunden werden. Außerdem gilt es, den Druck auf die Vertragsstaaten zu verstärken, ihr Handeln den Menschenrechten anzupassen.

Ferner bedarf es in den westlichen Staaten einer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung über die im Menschenhandel mit Frauen auftretenden Rassismen und Sexismen. Die "Nachfrage" nach Frauen aus dem früheren Ostblock besteht real. Aufgrund von Klischees wie "weniger emanzipiert als deutsche Frauen" werden diese schon allein aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit diskriminiert und stigmatisiert. Frauen aus den Rromaminderheiten, deren größte Gemeinschaften sich in Osteuropa befinden, sollten zudem aufgrund der multiplen Problematik, geprägt durch Ausschluss und Diskriminierung von Seiten der Mehrheitsgesellschaften, als eine zentrale Risikogruppe für den Menschenhandel wahrgenommen werden. Bisher gibt es dafür jedoch kaum eine Öffentlichkeit.

Zwar kann den Freiern nicht unterstellt werden, ihr wesentliches Motiv, eine Prostituierte aufzusuchen, sei der Wunsch, Macht auszuüben; es ist aber doch davon auszugehen, dass die prekäre Lage von Zwangsprostituierten oft nicht zu übersehen ist. Dessen ungeachtet konnte nur eine einzige der interviewten Frau darüber berichten, dass ihr ein Freier seine Hilfe zur Flucht angeboten hat. Mehrheitlich wurden die Notlagen ignoriert oder sogar für eigene materielle bzw. persönliche Profite der Freier ausgenutzt.[29] Männer, welche die Dienste einer Zwangsprostituierten in Anspruch nehmen, tragen nicht nur zum Profit der TäterInnen bei, sondern auch zum Schaden der Opfer.

Letztendlich herrschen strukturelle Zwänge, die Frauen gesellschaftlich und individuell erst dazu veranlassen, sich zu prostituieren. Diskriminierende gesellschaftliche Verhältnisse werden festgeschrieben und normalisiert, wenn die Prostitution als von den gehandelten Frauen selbst bestimmt und selbst gewählt interpretiert wird. Das Phänomen des Menschenhandels mit Frauen steht somit in enger Verbindung zu Frauenrechten und dem ungleichen Status von Frauen - weltweit. Es ist schwer vorstellbar, dass ohne patriarchale Strukturen der Handel mit Frauen und ohne imperialistische Ausbeutungsmechanismen der Handel mit Menschen existieren würde.

Weiterführende Internetverweise:

Trafficking in Persons Annual Report 2004:
http://www.state.gov/g/tip/rls/tiprpt/2004/


Lagebild Menschenhandel 2004:
http://www.bka.de/lageberichte/mh.html


International Helsinki Federation for Human Rights:
http://www.ihr-hr.org

Nichtregierungsorganisation La Strada:
http://www.ecn.cz/lastrada/


Protection Project der John Hopkins University:
http://www.protectionproject.com


Anti-Slavery International:
http://www.antislavery.org


Fußnoten

26.
Vgl. ebd., S. 109 - 111.
27.
Vgl. Bundeskriminalamt, Lagebild Menschenhandel 2002, Wiesbaden 2003, S. 16.
28.
Die drei Aspekte prevention, prosecution und protection werden als integraler Bestandteil beschrieben.
29.
Vgl. A. Geisler (Anm. 17), S. 113.