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17.12.2004 | Von:
Christiane Howe

Milliardengeschäft illegale Prostitution

Handel mit Frauen aus Osteuropa

In diesem Text geht es um die (Arbeits-)Migration von Frauen aus den Ländern Osteuropas, um Geschlechter- und Machtverhältnisse, Sexualität und Geld, Konsumverhalten sowie Gewalt gegen Frauen.

Einleitung

Die Anzahl der Berichte sowohl über das Sexgewerbe selbst als auch über den so genannten Frauenhandel und den Prostitutionstourismus ist gestiegen. Es geht um die (Arbeits-)Migration von Frauen aus den Ländern Osteuropas, um Geschlechter- und Machtverhältnisse, Sexualität und Geld, Konsumverhalten sowie Gewalt gegen Frauen. Wir befinden uns an einer Schnittstelle von Sexismus und Rassismus.






Dabei bleibt vieles ausgeblendet, manches wird falsch dargestellt. Fallstricke liegen auch in den eigenen Erklärungsversuchen und -ansätzen sowie den Überlegungen zu Verbesserungen und den daraus resultierenden Forderungen. Dem Thema immanent sind folglich viele, äußerst emotionsgeladene und damit auch medienträchtige Aspekte, die eine differenzierte Darstellung nicht leicht machen.

Vorherrschend ist - und vielfach ausgemalt wird in diesem Kontext - das Bild der Ware Frau. Es impliziert, dass das Objekt jeden Handels die Ware ist, die ge- und verkauft wird, die - normalerweise - weder einen eigenen Willen noch eigene Wünsche besitzt. Der Verkaufspreis bestimmt sich nach den Regeln von Angebot und Nachfrage auf dem Markt. So wird in diesem Zusammenhang auch gerne von Sklaverei[1] gesprochen - ein schwieriger, wenn nicht gar falscher Begriff. Wenn Frauen als "Sklavinnen" beschrieben werden, schwingt dabei auch die Assoziation mit, sie seien "Sklavinnen der Lust". Die Frauen erscheinen als willenlose, passive und unwissende Geschöpfe, denen eine extrem gut organisierte, furchterregende und skrupellose Männermacht gegenübersteht. So werden sie "verraten und verkauft, erniedrigt und bedroht, gequält und abgeschoben"[2]. "Sie stehen Schlange für einen Job im goldenen Westen."[3]

Die Verantwortung dafür liegt dieser Argumentation zufolge allein bei den Händlern und Männern; den Frauen wird jedes Eigeninteresse und die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, abgesprochen. Sie sind in diesem Zusammenhang nur zur plastischen Verdeutlichung des Ausmaßes dieser "illegalen, männlichen und geldgierigen Machenschaften" relevant. Dass sie ihre guten Gründe haben, sich auf diesen Handel einzulassen, etwa auf das schwer verdiente Geld angewiesen sind, bleibt bei dieser Argumentation unberücksichtigt.

Folgerichtig wird nach der staatlichen Ordnungsmacht, nach stärkeren und restriktiveren Kontrollen gerufen. Das Problem scheint damit - zumindest theoretisch - gelöst: Täter und Opfer sind ausgemacht. Die Frauen werden aus den Fängen dieser monströsen Organisationen gerettet. Man muss sich um sie - die Opfer - kümmern, da sie als Zeuginnen - sprich "Beweismittel" - notwendig und in diesem Kontext unabdingbar und äußerst relevant sind.

Die Probleme der Arbeit suchenden Frauen bleiben dabei unberücksichtigt, die Gründe für ihre Migration werden nicht tangiert. Ebenso wenig thematisiert wird die Nachfrage nach den Frauen aus Osteuropa in Deutschland und anderen westlichen Ländern.

Die Folge ist, dass wichtige Diskussionen im eigenen Lande nicht geführt werden: etwa über die Notwendigkeit von und den Umgang mit billigen Arbeitskräften im informellen reproduktiven Bereich, über das veränderte Geschlechterverhältnis, die Vorstellungen von Beruf, Familie und Haushalt, über Sexualität und Beziehungswünsche und über die Veränderungen, die stattfinden.

Auch die rasch hergestellte Verbindung zu kriminellen Organisationen - so genannten Schlepperbanden, der Mafia und zum ganz großen Geld - lassen dieses Thema so vermeintlich einfach erscheinen, gleichzeitig reizvoll und völlig nebulös: ein Thema, dem man sich nur allzu bereitwillig unter dem Label von Sex, Crime und Exotik widmet.

Natürlich enthält jedes Klischee ein Körnchen Wahrheit; und es gibt sicher auch die beschriebenen extremen Fälle. Bei der Migration von Frauen aus Osteuropa in die Prostitution oder auch in andere illegale Arbeitsverhältnisse bleibt dabei allerdings allzu oft die Frage offen, inwieweit diereißerischen Darstellungen über geschlagene, gequälte und gezwungene Frauen der Realität zehntausender von Frauen, die in westeuropäischen Ländern im informellen Arbeitssektor - im Reproduktionsbereich - leben und arbeiten, gerecht werden. Die Situation dieser Frauen in Deutschland ist schwierig, und ihre persönliche Motivation, ihr Heimatland zu verlassen, ist weit komplexer, als vielfach wahrgenommen wird.

Eines kann an dieser Stelle bereits vorweggenommen werden: Das Kernproblem der Arbeitsmigration von Frauen aus Osteuropa ist die schwierige Situation in den Heimatländern in Verbindung mit den ausländerrechtlichen Regelungen und der Nachfrage in den Zielländern.


Fußnoten

1.
Vgl. Die verkaufte Frau, in: Journal Frankfurt, (Januar/Februar 1995); Cornelia Flitner/Bettina Filter, Reise ins Land der Vampire, in: Emma, (März/April 1995).
2.
Vgl. Handelsware Frau - Das Geschäft mit der Not. Dossier, in: Brigitte, (1994) 23; Wachstumsbranche Prostitution - Prostitutionsschub aus dem Osten, in: Der Spiegel, (1994) 46.
3.
Vgl. Stern, Ware Lust, (August 1995).