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16.11.2004 | Von:
Christine Schirrmacher

Frauen unter der Scharia

Zentrum der Scharia: das Ehe- und Familienrecht

Zwar ist in der Theorie der Korpus an Schariabestimmungen zum Thema Ehe und Familie für alle islamischen Länder relativ einheitlich - abzüglich differerierender Auffassungen der einzelnen Rechtsschulen -, in der Praxis werden diese Schariabestimmungen jedoch von Land zu Land sehr unterschiedlich gehandhabt. Dazu kommen die vor Ort gelebten kulturellen Normen, die teilweise im Islam wurzeln, teilweise auch im nichtislamischen Bereich vorhanden sind. Auch der Grad der Frömmigkeit einzelner Familien ist von großer Bedeutung sowie die Frage, ob eine Frau und ihre Angehörigen im ländlichen oder städtischen Bereich leben, denn ein städtisches, günstigstenfalls wohlhabendes, Bildung und Fortschritt gegenüber aufgeschlossenes Familienumfeld bietet einer Frau bessere Entfaltungsmöglichkeiten.

Gleichberechtigung oder Gehorsam?

Über der muslimischen Apologetik zum Rollenverständnis von Mann und Frau steht die Prämisse, dass nur die Scharia Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern und der Frau wahre sowie Würde und Ehre verleihen kann. Die Gleichberechtigung der Frau gehe - so die muslimische Apologetik - aus dem koranischen Schöpfungsbericht ebenso hervor (Sure 39,6; 49,13) wie aus der Verpflichtung von Mann und Frau zur Erfüllung der Gebote des Islam (vor allem der "Fünf Säulen"), in der die Frau dem Mann in nichts nachstehe. Beide, Männer und Frauen, seien "aus einem einzigen Wesen" erschaffen worden (4,1), einander zu "Beschützern" oder "Freunden" (9,72) bestimmt, und beiden werde gleichermaßen das Paradies verheißen, wenn sie "Gott demütig ergeben" seien (33,35) und "glauben und das Rechte tun" (16,97).

Ungeachtet des Schöpfungsberichtes begründet der Koran jedoch an anderer Stelle ebenso wie die Überlieferung eine deutliche Überordnung des Mannes über die Frau. Als Koranvers von großer rechtlicher wie gesellschaftlicher Tragweite ist Sure 4,34: "Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind demütig ergeben (oder: gehorsam)...". Und ähnlich Sure 2,228: "Die Männer stehen eine Stufe über ihnen." Muslimische Theologen kommentieren diese Verse nicht selten so: "Männer und Frauen haben als Menschen nicht denselben Wert"[5] oder: "Männer sind Frauen überlegen, und ein Mann ist besser als eine Frau."[6]

Insbesondere aus Sure 4,34 werden zwei Grundkomponenten des islamischen Eherechts abgeleitet: Die Überordnung des Mannes über die Frau wird dadurch begründet, dass Gott den Mann über die Frau gestellt habe (Sure 2,228) und dass der Mann "Ausgaben" für die Frau tätige (4,34). Damit ist nach weitgehend übereinstimmender Auffassung die Pflicht des Mannes zum Unterhalt seiner Frau gemeint, während sie ihm "demütig ergeben" oder "gehorsam" zu sein hat (4,34). Dieser Gehorsam wird in erster Linie auf den Bereich der Sexualität bezogen, denn der Mann erwirbt mit Abschluss des Ehevertrages und der Aufnahme der Unterhaltszahlungen das Recht auf den Körper seiner Frau (vgl. Sure 2,223; 2,187). T. Akinola Aguda formuliert: "Nach diesem Vers soll eine Ehefrau ihrem Mann immer zur Verfügung stehen, wenn er es wünscht."[7]

Die beiden Säulen des islamischen Eherechts lauten also "Unterhalt" und "(sexueller) Gehorsam". Das Unterhaltsrecht der Frau bezieht sich auf den täglichen Lebensunterhalt (Nahrung, Kleidung, Wohnung), nach Meinung der malikitischen Rechtsschule auch auf die medizinische Versorgung der Ehefrau im Krankheitsfall. Versäumt der Ehemann seine Unterhaltspflicht, erhält seine Frau als Folge das Recht zum Ungehorsam: Ist sie ungehorsam (indem sie z.B. gegen seinen Willen das Haus verlässt), kann der Ehemann seine Unterhaltszahlungen einstellen. Diese Grundlage des islamischen Eherechts von Überordnung und Unterordnung zieht eine Reihe von Folgerungen nach sich. Dies soll an folgenden Beispielen gezeigt werden:

- Das Zeugenrecht: Nach Sure 2,282 kann die Zeugenaussage eines Mannes nur von zwei Frauen aufgewogen werden, denn "eine Frau allein kann sich irren" (2,282). Viele muslimische Theologen bescheinigen Frauen eine größere emotionale Labilität, Irrationalität und beschränkte Einsicht in intellektuelle Angelegenheiten. "Frauen stehen unter der Herrschaft ihrer Gefühle, wohingegen Männer ihrem Verstand folgen."[8] Eine Unterdrückung der Frau sei dies nicht - so die muslimische Apologetik; der Islam fordere lediglich nicht mehr von der Frau, als sie aufgrund ihrer biologischen Gegebenheiten zu leisten imstande sei. "Die geistige Überlegenheit des Mannes über die Frau ... ist einfach von der Natur so vorgegeben."[9]

- Der "Züchtigungsvers": Er gesteht dem Ehemann ein Erziehungsrecht an seiner Frau zu: "Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!" (Sure 4,34) Zwar ruft die Überlieferung Männer gleichzeitig dazu auf, ihre Frauen gut zu behandeln, und zahlreiche Theologen betonen, dass eine Frau niemals heftig oder ins Gesicht geschlagen werden dürfe, zumindest nicht so, dass sie eine Verletzung davontrüge. Die islamische Apologetik betont, Schläge seien nur ein letztes Erziehungsmittel. Da der Mann rationaler sei und das Oberhaupt der Familie, obliege es ihm, die Ordnung zu wahren und Rebellion und Unfrieden - notfalls mit Druck - zu beenden. Von Muhammad ist überliefert: "Der Prophet sagte: Schlagt nicht die Mägde Gottes. Da kam Umar der [zweite Kalif, regierte 634 - 644 n. Chr., C. S.] und sagte: 'O Gesandter Gottes, die Frauen rebellieren gegen ihre Gatten.' So erlaubt er, sie zu schlagen."[10]

- Das Scheidungsrecht: Die traditionelle Formel "Ich verstoße Dich" reicht heute in vielen Ländern nicht mehr aus, dennoch ist die Scheidung für den Mann bis heute erheblich einfacher als für die Frau, die immer einen Gerichtsprozess anstrengen und gerichtlich verwertbare Beweise für ein Fehlverhalten des Mannes vorlegen muss. Gleichzeitig wird sie eine Scheidung sozial stigmatisieren und wirtschaftlich in eine verzweifelte Lage bringen. Auch die "widerrufliche" Scheidung ist dem Mann allein erlaubt, indem er die Scheidungsformel nur einmal ausspricht und seine Frau wochen- und monatelang in einem Schwebezustand zwischen Scheidung und Ehe hält. Die Entscheidung, ob der Ehemann spätestens vor Ablauf des vollendeten dritten Monats die Scheidung zurücknimmt und die Ehe fortsetzt oder den letzten Tag der Zurücknahmemöglichkeit verstreichen lässt und die Frau als verstoßen gilt, liegt allein bei ihm. In den letzten Jahrzehnten haben allerdings etliche Länder die Scheidung für den Mann erschwert, z.B. indem das Gericht der Scheidung Versöhnungsversuche vorschaltet und einen Vermittler beruft.

- Das Kindschaftssorgerecht: Nach traditioneller Auffassung gehören nach einer Scheidung die gemeinsamen Kinder immer dem Mann, in dessen Familie sie nach dem Ende der Kleinkinderzeit aufwachsen. Sieht das klassische islamische Recht eine vorübergehende Personensorge für Jungen bis sieben, für Mädchen bis neun Jahre durch die Mutter vor, haben heute viele islamische Länder diese Fristen angehoben und erlauben der Mutter die Fürsorge bis zum Alter von 15 Jahren für Jungen und bis 18 für Mädchen, nicht selten auch bis zur Eheschließung. Allerdings werden in Gesellschaften, die Männern so eindeutig den rechtlichen Vorrang einräumen, nicht selten Mittel und Wege gefunden, Müttern dieses Recht zu entziehen.

- Die Eheschließung: Wird im traditionellen Rahmen geheiratet, wie es für die Mehrzahl der Eheschließungen noch üblich ist, wird auch heute die Mehrzahl der Frauen von ihrem Vormund "verheiratet", wobei sie häufig selbst kein Mitspracherecht bei der Wahl des Ehepartners hat. Traditionell gilt eine Eheschließung für Mädchen ab etwa neun Jahren für möglich - gemäß dem Vorbild Muhammads, der seine Lieblingsfrau Aisha mit rund neun Jahren zur Frau genommen haben soll. Heute haben jedoch etliche Länder zumindest gesetzlich das Mindesheiratsalter für Mädchen wie Jungen auf meist 16 bzw. 18 Jahre heraufgesetzt. Im städtischen Bereich ist die soziale Kontrolle weniger engmaschig, und "Liebesheiraten" sind häufiger. Dennoch: Nur eine Minderheit muslimischer Frauen ist in der Lage, eine eigene Wahl hinsichtlich einer Heirat und eines Partners zu treffen. Die Frau unterzeichnet in aller Regel nicht selbst ihren Ehevertrag, ja ist selbst nicht unbedingt anwesend - d.h., sie ist im rechtlichen Sinn nicht für sich selbst handlungsberechtigt -, sondern wird von ihrem Vater oder einem anderen männlichen Familienmitglied vertreten.

- Die Polygamie: Sie eröffnet dem Mann - ausgenommen in Tunesien und der Türkei - prinzipiell immer die Möglichkeit zu einer Zweit- oder Mehrehe (4,3), welche die Frau zur Zweit- oder Drittfrau degradieren kann, während umgekehrt eine Mehrehe für Frauen selbstverständlich nicht zulässig ist. Von Schiiten wird zudem die "Zeitehe" (oder "Genuss"-Ehe) praktiziert, eine Art Nebenehe, die über die erlaubten vier Frauen hinaus für einen begrenzten Zeitraum - z.B. für eine Reise - geschlossen werden kann.

- Das Erbrecht: Das überaus komplizierte muslimische Erbrecht billigt der Frau immer nur die Hälfte dessen zu, was ein männliches Familienmitglied an ihrer Stelle erhalten hätte.

- Die Ehre: Schließlich weisen auch die Familie, Gesellschaft und die nahöstlich-muslimische Kultur der Frau einen nachgeordneten Platz zu, wenn sie anordnen, dass eine Frau Sitte und Anstand zu wahren und sich bevorzugt im Haus aufzuhalten habe, um nicht durch ihren Umgang mit nichtverwandten Männern Anlass zur Unmoral zu geben. Sie hat sich zu verhüllen, und ihr Verhalten wird streng anhand dieser Normen kontrolliert. Zwar sehen Koran und Überlieferung in der Theorie für den Mann wie für die Frau dieselben Strafen für Unzucht bzw. Ehebruch vor. In der Praxis jedoch wird Männern vor und in der Ehe ein weitaus größerer Bewegungsspielraum zugestanden, da nur das Verhalten der Frau die Familie entehrt, nicht das des Mannes. Selbstverständlich fordern islamische Frauenbewegungen seit Jahrzehnten vermehrte Rechte ein. Aber dennoch: Frauenrechtlerinnen sind in aller Regel davon überzeugt, dass der Islam - wenn er nur richtig verstanden und gelebt würde - der Frau volle Rechte gewähre und sie in einer "wahrhaft islamischen" Gesellschaft glücklich und zufrieden leben könne. Daher fordern viele von ihnen lediglich die Rückkehr zum "wahren" Islam, wie ihn Muhammad verkündigt habe.


Fußnoten

5.
P. Newton/M. Rafiqul Haqq, The Place of Women in Pure Islam, Caney 19943, S. 2.
6.
Ibn Kathir, zit. in: ebd.
7.
Akinola T. Aguda (Hrsg.), The Marriage Laws of Nigeria. National workshop. Papers presented, held at the Nigerian Insitute of Advanced Legal Studies, Lagos 1981, S. 40.
8.
Murtada Mutahhari, The Rights of Women in Islam, Tehran 1981, S. 182, mit Bezug auf eine nichtmuslimische Psychologin.
9.
Ebd.
10.
Zit. in: Adel-Theodor Khoury (Übers.), So sprach der Prophet. Worte aus der islamischen Überlieferung, Gütersloh 1988, S. 268.