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16.11.2004 | Von:
Kai Hafez

Arabisches Satellitenfernsehen - Demokratisierung ohne politische Parteien?

Der arabische Satellitensender Al-Jazeera hat sich in der arabischen Welt eine legendären Ruf erworben. Ob durch ihn alleine eine Demokratisierung dieser Gesellschaften erfolgen kann, scheint fraglich. Zivilgesellschaftliche Komponenten müssen gleichzeitig gestärkt werden.

Einleitung

Der arabische Fernsehsender Al-Jazeera ist als die bedeutendste "arabische Partei" bezeichnet worden. In Ermangelung funktionierender Demokratien und Institutionen übernimmt das grenzüberschreitende arabische Satellitenfernsehen die Funktion eines Mittlers zwischen Staat und Gesellschaft. Zugleich werden die Medien immer mehr in die Rolle einer panarabischen Stimme des Widerstandes gegen die Vereinigten Staaten und Israel gedrängt. Angesichts der großen Verdienste, die sich gerade Al-Jazeera um die Liberalisierung der arabischen Öffentlichkeit erworben hat, beschränkte sich Kritik an dem Sender lange Zeit im Wesentlichen auf die US-Regierung. Zunehmend aber ist auch bei Wissenschaftlern und Journalisten umstritten, inwieweit nicht im arabischen Satellitenfernsehen seit dem 11. September 2001 schrittweise eine ideologische Deformation erkennbar wird. Das Schlagwort, das Al-Jazeera als "CNN der arabischen Welt" bezeichnet, erklärt in Wahrheit wenig, zumal sich auch amerikanische Medien im Irakkrieg 2003 massiv parteilich gezeigt haben.[1]




Die große Widersprüchlichkeit in der Debatte über das arabische Satellitenfernsehen resultiert nicht zuletzt aus einer theoretischen Verunsicherung. Woran soll man die Funktion der Neuen Medien im Kontext politischer Transformation eigentlich messen? Medien operieren in autoritären arabischen Systemen unter ganz anderen Bedingungen als ihre Counterparts in konsolidierten Demokratien. In den wenig entwickelten politischen Landschaften müssen sie neben der Aufgabe, über politische Sachverhalte neutral und objektiv zu berichten, auch Teilaufgaben politischer Parteien übernehmen. Den Bürgerwillen zu artikulieren und zum Teil sogar mobilisierend auf politische Bewegungen zu wirken, ist Bestandteil der Faszination und der demokratischen Erneuerungswirkung, die von den Medien ausgeht.

Wenn es insofern falsch ist, das arabische Satellitenfernsehen an den Maßstäben westlicher Professionsethik zu messen, stellt die ureigene Funktion der arabischen Medien dennoch eine Gratwanderung dar. Die Gefahr, zentrale Aufgaben im Prozess der Demokratisierung nicht zu erfüllen, ist ebenso groß wie die einer populistischen Indienststellung der Medien, die letztlich die bestehenden Regimes eher stabilisiert als sie zu reformieren. Gelingt es mit dem arabischen Satellitenfernsehen vielleicht erstmals in der Geschichte, ein großes Massenmedium zu einer Avantgarde der Demokratisierung zu entwickeln? Oder verliert es seine kritische Funktion aus Überforderung, kaum dass es sie gefunden hat?


Fußnoten

1.
Vgl. Howard Tumber/Jerry Palmer, Media at War. The Iraq Crisis, London u.a. 2004; Danny Schechter, Embedded: Weapons of Mass Deception. How the Media Failed to Cover the War on Iraq, Amherst 2003.