APUZ Dossier Bild

16.11.2004 | Von:
Walter Posch

Von der Baath-Herrschaft zur Neo-Baath-Regierung

Nach dem Sturz Saddams

Die irakische Bevölkerung reagierte im Großen und Ganzen mit Freude auf den Sturz des Diktators. Am größten war die Begeisterung bei den Kurden im Norden des Landes, die sich eine baldige Unabhängigkeit erhofften, während in jenen Gegenden, in denen die regimefreundlichen Patronagenetzwerke am stärksten waren, die Sorge über die Zukunft überwog. Die kurdischen Parteien nutzten die Situation nach Saddams Sturz umgehend, um mit ihren Milizen über die Waffenstillstandslinie vorzurücken. Während sie Städte wie Khanaqin und die kurdische Region um Jabal Sanjar ohne Probleme einnehmen konnten, mussten sie aus Kirkuk auf amerikanischen Druck hin wieder abziehen. Nach dem Ende der Kampfhandlungen kehrten kurdische Flüchtlinge in die Gebiete zurück, aus denen sie zuvor von Saddam Hussein vertrieben worden waren. Dabei kam es teilweise zur Flucht und Vertreibung der arabischen Bevölkerung.[4] Am kompliziertesten und am gefährlichsten war die Situation in Kirkuk, wo es ohne massive amerikanische Präsenz wahrscheinlich zum offenen Bürgerkrieg gekommen wäre.[5] Die Lage bleibt explosiv und scheint sich im letzten Jahr aufgrund des unklaren Status der Erdölstadt noch verschärft zu haben. Außerdem werden mit Kirkuk auch türkische Empfindlichkeiten berührt: Einerseits sieht sich Ankara als Schutzmacht der Turkmenen in der Region (und Kirkuk als deren kulturelles und politisches Zentrum), andererseits wäre ein souveräner Kurdenstaat mit Kirkuk als Hauptstadt lebensfähig. In der Öffentlichkeit hielten sich die kurdischen Parteiführer Talabani und Barzani mit Äußerungen über eine mögliche Sezession zwar zurück und kooperieren eng mit den amerikanischen Besatzungsbehörden und der Regierung, der wichtige Vertreter beider Parteien angehören. Die kurdische Öffentlichkeit favorisiert naturgemäß ihre Unabhängigkeit vom Irak. Die Eingliederung Kirkuks in die kurdische Autonomieregion ist vor diesem Hintergrund eine Minimalforderung der kurdischen Nationalisten.

In den arabischen Gebieten warnten schiitische und sunnitische ulema vor Chaos und Anarchie, erließen fatwas gegen Plünderungen und gegen die willkürliche Ermordung ehemaliger Baathisten. In streng konservativen sunnitischen Städten wie Falluja, die von Baath-Anhängern sofort verlassen wurden, gelang es den Imamen der Moscheen, das gesellschaftliche Leben zu reorganisieren und - ähnlich wie im schiitischen Süden des Landes - für ein gewisses Maß an Ruhe und Ordnung zu sorgen. Der schiitische Klerus konnte in weniger als einem Monat die Macht in den wichtigsten Städten des Südens übernehmen. Auf Anweisung Ayatollah Sistanis wurden Nachbarschaftskomitees, die für Ordnung sorgen und islamische Gesellschaftsnormen durchsetzen, gegründet. Der Aufbau dieser Komitees ging rasch und ohne Zwischenfälle vonstatten. Sie existieren oft neben oder anstelle der von den Amerikanern eingesetzten Verwaltung, gegen die sie sich im Ernstfall ohne Probleme durchsetzen könnten.[6]

Den Amerikanern gegenüber verhielt sich die Bevölkerung eher skeptisch. Für kurze Zeit - zwischen dem Fall des Regimes am 9. April 2003 und der offiziellen Erklärung des Kriegsendes durch Präsident Bush am 1. Mai 2003 - bestand eine reelle Chance, die Bevölkerung für die amerikanischen Besatzer zu gewinnen, da die Freude über den Sturz Saddams noch überwog. Diese Chance wurde durch Missmanagement jedoch vertan. Die offensichtliche Unfähigkeit der Besatzungstruppen, für Sicherheit zu sorgen, und die Verschlechterung der materiellen Lage großer Teile der Bevölkerung trugen zur Desillusionierung bei. Die hohen Verluste der irakischen Zivilbevölkerung durch Bombardierungen und das harte Vorgehen der Amerikaner - vor allem die Demütigung der Familienväter vor ihren Töchtern und Frauen - führten rasch zu offener Feindseligkeit, die von in- und ausländischen Extremisten geschürt wurde.


Fußnoten

4.
Vgl. Human Rights Watch, Claims in Conflict, Reversing Ethnic Cleansing in Northern Iraq, Vol. 16/4, August 2004; dies., Iraq: Forcible Expulsion of Ethnic Minorities, Vol. 15/3, März 2003.
5.
Vgl. George Packer, The Next Iraqi War? What Kirkuk's struggle to reverse Saddam's ethnic cleansing signals for the future Iraq, in: The New Yorker vom 4. 10. 2004.
6.
So ignorierte die Bevölkerung von Najaf einen von den USA eingesetzten sunnitischen Bürgermeister. Vgl. William Booth, In Najaf, New Mayor is Outsider Viewed With Suspicion, in: The Washington Post vom 14. 5. 2003.