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16.11.2004 | Von:
Walter Posch

Von der Baath-Herrschaft zur Neo-Baath-Regierung

Widerstand

Die geheimen Patronagenetzwerke des gestürzten Regimes waren noch so stark, dass Saddam erst nach mehr als einem halben Jahr festgenommen wurde und andere wichtige Baathisten wie der ehemalige Innenminister Izzat ad-Din Ibrahim ad-Duri sich noch immer verstecken können. Das spricht für die These, dass das Regime gewisse Vorbereitungen zur Flucht in den Untergrund getroffen haben musste.[20] Dabei soll es sich vor allem um Teile des Sicherheitsapparates wie zum Beispiel ausgewählte Einheiten der Republikanischen Garden und die Nachrichtendienste handeln.[21]

Die Plünderungen nach dem Sturz Saddams wurden zum größten Teil im Rahmen der organisierten Kriminalität begangen. Dadurch wurde das Bild von der allmächtigen amerikanischen Armee nachhaltig zerstört und potentielle Widerstandskämpfer ermutigt, zu den Waffen zu greifen. Der sunnitische Widerstand ist bis dato noch nicht wirklich erforscht. Listen verschiedener Organisationen sind mit Vorsicht zu behandeln, da sich viele Gruppen ad hoc für einen Anschlag bilden.[22] Einige wenige Gruppen, von deren Existenz mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ausgegangen werden kann, lassen sich dennoch identifizieren.

Ehemalige Mitarbeiter des Sicherheitsapparates gründeten "Al-Awdah - die Rückkehr", das erste Netzwerk verschiedener Zellen im Widerstand.[23] Sie verfügten und verfügen über ausreichend Waffen, Munition und Geld, das sie an Freiwillige weitergaben. Im Allgemeinen geht man von einer Pyramidenstruktur aus: Baathisten liefern Geld und Waffen oder stellen Experten zur Verfügung, und Freiwillige, die keine Baathisten sein müssen, führen die Anschläge aus. Oder sie unterstützen einfach eine Gruppe, die ihnen ideologisch sogar fern sein mag, mit der sie aber der Widerstand gegen die USA eint.

Auf dem Land ging der Widerstand jedoch von den Moscheen und radikalen Islamisten aus. Islam und Nationalismus sind hier die treibenden Kräfte. Die "Brigaden der Revolution von 1920", auch Irakischer Nationaler Islamischer Widerstand, die "Nationale Front zur Befreiung des Irak" und die "Irakische Islamische Widerstandsfront" agieren großenteils unabhängig von den Baathisten und sind jene Netzwerke des Widerstandes, welche die meisten Anschläge auf die Besatzungstruppen zu verantworten haben. Auf lokaler Basis gibt es noch einige kleinere Gruppen, die oft um eine gewisse Moschee herum gebildet wurden.[24] In Falluja zum Beispiel wurde ein Mudjahedin-Rat eingerichtet, der die Aktionen der verschiedenen "Bataillone" koordiniert und das Verhältnis zu den arabischen Freiwilligen regelt. Im Kampf gegen die Besatzungsmacht anerkennen sie gewisse Grenzen: Bis zum Herbst 2004 konnte man ihnen keine Entführungen nachweisen.

Die Entführungen waren anfangs eher kriminell als politisch motiviert, da vor allem irakische Schulkinder, meist Mädchen, entführt wurden, um von den Eltern Lösegeld zu erpressen. Später begannen kleinere, besonders radikale sunnitische Widerstandsgruppen mit der Entführung von Ausländern, da ihnen dadurch ein größeres Medienecho zuteil wurde. Die Entführungen und die grausamen Ermordungen wehrloser Ausländer werden von der irakischen Öffentlichkeit abgelehnt. Die gefährlichsten Gruppen sind jene ausländischen oder von Ausländern geleiteten Organisationen, deren Aktivisten seit Jahren in der internationalen islamistischen Terrorszene tätig sind (wie zum Beispiel die "Islamische Armee in Irak", die Gruppe von Abu-Mus'ab al-Zarqawi, "Al-Tawhid wa al-Jihad" und "Ansar al-Sunnah"). Von 12000 Gefangenen Anfang Dezember 2003 waren 350 ausländische arabische Kämpfer, und von diesen standen fünf unter Verdacht, mit Al-Qaida in Verbindung zu stehen.[25] Diese Gruppen hatten ursprünglich keinerlei organisatorische Koordination und schlossen sich erst im Oktober 2004 dem Al-Qaida-Netzwerk an. In der Regel töten sie ihre Gefangenen medienwirksam - manchmal in der Form quasi-ritueller Hinrichtungen.

Das Verhältnis zwischen einheimischen Widerständlern und internationalen Islamisten ist nicht immer friktionsfrei. In Falluja zum Beispiel kam es zu Spannungen, da der Bevölkerung der Preis, den sie für die islamische Solidarität zu bezahlen hat, zu groß war. Außerdem hatten die ausländischen Araber, die meisten von ihnen Salafisten, das sind Anhänger einer besonders radikalen Richtung, keinen Respekt für den eher traditionellen Islam in Falluja und wollten Verhandlungen mit den Amerikanern unbedingt verhindern.[26]

Zarqawi

Nach der Festnahme Saddam Husseins im Dezember 2003 wurden Abu-Mus'ab al-Zarqawi die meisten Anschläge zugeschrieben. Für die amerikanische Regierung ist er deshalb von Bedeutung, weil seine Anwesenheit im Irak als Beweis für die Verbindungen des Baath-Regimes mit Al-Qaida diente.[27] Als relativ sicher gilt seine jordanische Abstammung und seine seit Jahrzehnten andauernde Aktivität in der internationalen islamistischen Szene. Er soll sich noch immer im Irak aufhalten. Ob er noch am Leben ist und noch beide Beine hat oder eines tatsächlich in Afghanistan verlor, ist Gegenstand von Mutmaßungen. Zarqawi konkurrierte mit Usama bin Ladin, soll sich aber diesem im Oktober 2004 unterworfen und dem Al-Qaida-Netzwerk angeschlossen haben.[28] Eine mögliche Kooperation mit Al-Qaida deutete er bereits in seinem im Januar abgefangenen Brief an, in welchem er die Lage im Irak analysiert. Darin schlug er vor, auf schiitische Geistliche Anschläge zu verüben, um einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu provozieren.[29]

Doch die wichtigsten Anschläge auf schiitische Kleriker scheinen nicht von Abu-Mus'ab al- Zarqawi unternommen worden zu sein. Mit derErmordung Ayatollah Abdulmajid Khoeis wurden sowohl Anhänger Muqtada Sadrs als auch Baathisten in Zusammenhang gebracht. Der brutale Anschlag auf Ayatollah Muhamamd Baqir Al-Hakim und ein weiterer Mordversuch an einem hochrangigen Ayatollah im Sommer 2003 gehen wahrscheinlich ebenfalls auf Kosten der Baathisten. Vielleicht steht er aber hinter dem Anschlag auf Ayatollah Sistani vom Januar 2004. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat Zarqawi aber den Anschlag auf die UNO zu verantworten. Die Anschläge auf die christliche Minderheit im Land müssen nicht unbedingt von ihm ausgeführt worden sein, sie lassen sich aber durch seine Weltanschauung erklären.

Falluja

Ende April 2003 eskalierte eine ursprünglich friedliche Demonstration in Falluja, bei der mehr als ein Dutzend unbewaffnete Iraker von amerikanischen Soldaten getötet wurden. Damals versuchten die Geistlichen in den Moscheen noch die Bevölkerung zu beruhigen und waren sogar bereit, mit den Amerikanern zu kooperieren, um Anarchie und Chaos zu vermeiden.[30] Die Gemäßigten unter ihnen dürften dann - einem allgemeinen Trend folgend - ebenfalls radikalisiert worden sein.[31] Das strenggläubige Falluja entwickelte sich immer mehr zum Zentrum radikaler Sunniten und war ab dem Sommer 2003 einer der gefährlichsten Orte für Koalitionstruppen.

Ende März 2004, im Zuge der allgemeinen Empörung über die Tötung des Hamas-Führers Yassin durch israelische Truppen im Gaza-Streifen, wurden vier Angestellte einer Sicherheitsfirma in Falluja getötet und ihre Leichen von einer wütenden Masse geschändet. In den anschließenden Gefechten mit den US-Soldaten, denen mehr als 40 Amerikaner und über 600 Iraker, davon mindestens die Hälfte Frauen und Kinder, zum Opfer fielen, erwiesen sich die neu aufgestellten irakischen Truppen als vollkommen unbrauchbar.[32] Die Gefechte in und um Falluja dauerten den ganzen April 2004 an und führten zu keinem eindeutigen Ergebnis. Schließlich setzten die USA einen ehemaligen General Saddams mit einer irakischen "Brigade" ein, wodurch sich die Lage vorerst beruhigte. Anfang September 2004 wurde die "Falluja-Brigade" jedoch wieder aufgelöst, da diese offen mit dem Widerstand kooperierte. Falluja ist in diesen Tagen zum Symbol des irakischen Widerstandes geworden, das sowohl von Schiiten als auch von Sunniten unterstützt wurde.[33] Mitglieder des IGC und der UN-Beauftragte Lakhdar Brahimi warfen den amerikanischen Truppen vor, Kollektivstrafen gegen die Bevölkerung zu verhängen. Sogar britische Offiziere kritisierten das amerikanische Vorgehen als "überproportional hart"[34]. Mitte September 2004 hatten die USA die Kontrolle über mindestens acht Städte verloren.[35] Falluja war nur der Auftakt einer landesweiten spontanen Erhebung, Ramadi, Samarra, Ba'quba folgten, und mit der Entscheidung im Mai 2004, gegen Muqtada Sadr vorzugehen, entfachte Paul Bremer den Widerstand der radikalsten schiitischen Gruppe.

Einige Tage nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen fiel die Entscheidung, die Rebellenhochburg Falluja anzugreifen. Ministerpräsident Iyad Allawi verhängte den Notstand über das Land und gab den Befehl zum Angriff auf die Stadt. Seither befinden sich amerikanischen und irakische Truppen auf dem Vormarsch; große Teile der Stadt wurden bereits zurückerobert.

Muqtada Sadr

Für den Großteil des schiitischen Widerstandes ist der junge Kleriker Muqtada Sadr verantwortlich. Er konnte auf ein von seinem Vater, dem 1999 ermordeten Muhammad Sadiq Sadr, hinterlassenes Netzwerk radikaler schiitischer Anhänger, mit Zentrum in Sadr-(ehemals Saddam-)City, zurückgreifen. Als Theologe kaum bedeutend und daheranfangs unterschätzt, hatte er sich dem im iranischen Qom ansässigen Ayatollah Husseini-Ha'eri angenähert, der sich im Sommer 2004 von ihm lossagte. Muqtada lässt sich aus Teheran nicht steuern. Dafür sprechen seine zahlreichen antiiranischen Äußerungen. Muqtada, der sich seiner Ablehnung durch das schiitische Establishment sehr wohl bewusst ist, gründete im Juli 2003 die Mahdi-Armee, eine Miliz, die sich anfänglich auf die Rolle einer Sittenpolizei beschränkte.

Es kam daher überraschend, dass just zu dem Zeitpunkt, als Falluja belagert wurde, Paul Bremer die unbedeutende Zeitung Muqtadas verbieten und ihn verhaften lassen wollte. Daraus wurde gefolgert, dass Muqtadas Reaktion auf die Tötung Sheikh Yassins für die in der CPA dominierenden Kreise die eigentliche Ursache war.[36] Muqtadas unausgebildeter Miliz gelang es in kurzer Zeit Kut, Nasiriyah, Kufa, Najaf und Teile von Karbala einzunehmen. In keiner dieser Städte war die Sadr-Bewegung zuvor wirklich stark gewesen. Nachdem seine Leute die Moschee in Najaf vier Monate lang besetzt hielten, entschlossen sich die US-Soldaten anzugreifen.[37] Die Kämpfe in dieser für die Schiiten heiligen Stadt lösten auch in sunnitischen Ländern Empörung aus. Schließlich wurde der Konflikt durch Ayatollah Sistani gelöst, die Amerikaner und Muqtadas Anhänger zogen ab: Vom Haftbefehl gegen ihn war keine Rede mehr, und das theologische Establishment unter Sistani kontrolliert wieder Najaf. Ohne das Eingreifen der US-Soldaten wäre dies wohl kaum möglich gewesen.

Bürgerkrieg?

Zum Widerstand müssen auch die brutalen und fast schon alltäglichen Selbstmordanschläge gerechnet werden, für die nicht nur einige ausländische Fanatiker verantwortlich gemacht werden können. Als Täter kommen sowohl ehemalige Baathisten als auch ausländische oder einheimische Islamisten in Frage. Spätestens seit den letzten schiitischen Feierlichkeiten im März 2004, als bei zwei Anschlägen auf Schiiten in Karbala und Bagdad über zweihundert Menschen starben, wird nicht mehr daran gezweifelt, dass mit aller Gewalt ein Bürgerkrieg initiiert werden soll.[38] In der Region südlich und südwestlich von Bagdad werden Schiiten von radikalen Sunniten vertrieben. Ziel ist ein konfessionell "gesäuberter" Gürtel rund um Bagdad.[39] Die verbliebenen Schiiten hatten sich im Sommer 2004 zum Widerstand organisiert und wurden durch SCIRI unterstützt. Nach ersten gewalttätigen Auseinandersetzungen hat sich die Lage in dieser Region etwas beruhigt. Die schiitisch-sunnitischen Spannungen im Großraum Bagdad sind wahrscheinlich gefährlicher als die Spannungen im Norden, die ein größeres Konfliktpotential bergen (Volksgruppenkonflikt, Involvierung von Nachbarstaaten).


Fußnoten

20.
Vgl. Thomas Shanker, Saddam's secret service planned for insurgency, Pentagon finds, in: International Herold Tribune (IHT) vom 30. 4. 2004; Jeffrey B. White/Michael Schmidmayr, Resistance in Iraq, in: Middle East Quarterly, (Herbst 2003), S. 17 - 32.
21.
Vgl. Scott Ritter, Misunderstanding Iraq, Saddam's people are winning the war, in: IHT vom 23. 7. 2004.
22.
Vgl. (http://www.fas.org/irp/news/2004/09/az091904. html).
23.
Vgl. Milan Vesely, The Awdah Threat, in: The Middle East, (August/September 2003), S. 20 - 23.
24.
Vgl. Samir Haddad/Mazin Ghazi, Who Kills Hostages in Iraq?, in: Al Zawra vom 19. 9. 2004 (http://www.fas.org/irp/news/2004/09/az091904.html).
25.
Vgl. A. Cordesman (Anm. 15), S. 8.
26.
Vgl. Karl Vick, Insurgent Alliance Is Fraying In Fallujah. Locals, Fearing Invasion, Turn Against Foreign Arabs, in: The Washington Post vom 13. 10. 2004.
27.
Vgl. Walter Posch, Irak unter Saddam Hussein. Das Ende einer Ära? Historischer Hintergrund, Akteure, Szenarien, Wien 2002, S. 132.
28.
Vgl. (http://www.dawn.com/2004/10/18/top7.htm).
29.
Vgl. BBC-News, Profile: Abu Musab al-Zarqawi (http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/3483089.stm) und (http://www.cpa-iraq.org/transcripts/2004 0212_zarqawi_full.html).
30.
Vgl. Scott Peterson, Iraqis Begin Warming at US. Presence, in: The Christian Science Monitor vom 1. 7. 2003.
31.
Vgl. Dan Murphy, Radical Islam grows among Iraq's Sunnis, in: ebd. vom 28. 7. 2004.
32.
Vgl. Iraq troops refused to join fight in Falluja, in: The Financial Times vom 12. 4. 2004.
33.
Vgl. Annia Ciezadlo, Nationalism grows in Iraq, in: The Christian Science Monitor vom 15. 4. 2004.
34.
Vgl. Scott Peterson, Tough US tactics quell Fallujah unrest, but at what cost?, in: ebd. vom 20. 4. 2004.
35.
Vgl. Luke Harding, Iraq: A descent into civil war?, in: The Guardian vom 15. 9. 2004.
36.
Vgl. Iraq as the 51st state, Interview mit Juan Cole, in: The Asia Times vom 14. 6. 2004 (http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/FF18Ak01.html).
37.
Vgl. William Pfaff, When Marines Make Policy, Iraq Burns, in: IHT vom 21. 8. 2004.
38.
Vgl. Nicholas Blanford, Huge Blasts Attack Iraq Unity, in: The Christian Science Monitor vom 3. 3. 2004.
39.
Vgl. Gudrun Harrer, Konfessionelle Säuberung, in: Der Standard vom 5. 7. 2004.