Die Farben Rot, Schwarz, Gelb und Grün in einem Malkasten.

9.11.2018 | Von:
Ekkehard Felder

Verfestigte Sprache. Parteien-Sprech zwischen Jargon der Anmaßung und angemessenem Sprachgebrauch

Die Vokabel "Sprech"

In der Online-Version des Duden-Wörterbuches ist gegenwärtig noch kein eigener Eintrag zum Wort "Sprech" zu finden. Dies deutet darauf hin, dass die Etablierung des Wortes in den Sprachkonventionen noch nicht sehr weit vorangeschritten ist. Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache ist die grafische Darstellung zum Wortgebrauch von "Sprech" in den vergangenen 70 Jahren sehr aufschlussreich, der Höhepunkt der Verwendungshäufigkeit liegt in den 1970er Jahren. In diesem Zusammenhang ist auf George Orwells "Newspeak" in seinem Roman "1984" als politische (Staats-)Propaganda – also als staatlich verordnete und offiziell zu verwendende Sprachregelung – zu verweisen, eine Vokabel, die ins Deutsche mit der Lehnübersetzung "Neusprech" Eingang gefunden hat. Dem Wort "Sprech" haftet also die Teilbedeutung der Fremdsteuerung an.

Für die überwiegend pejorative Verwendung von "Sprech" als Wortbaustein oder Simplex seien (in beliebiger Reihenfolge) die folgenden Belege aus dem Deutschen Referenzkorpus erwähnt:[7] Grün-Sprech, SPD-Sprech, CDU-Sprech, AfD-Sprech, FDP-Sprech, NPD-Sprech, Nazi-Sprech, Merkel-Sprech, Korrekt-Sprech, Nerd-Sprech, Plastik-Politik-Sprech, Politik(er)-Sprech, Partei(en)-Sprech.

"Sprech" könnte man zunächst ganz allgemein als Jargon einer identifizierbaren Person oder Gruppe in unserer Gesellschaft übersetzen. Eine Ausnahme von der rein pejorativen Gebrauchsweise und eine Besonderheit sind Verwendungsweisen wie in "Marketing-Sprech". Hier wird "Sprech" als Synonym für "Fachsprache" gebraucht und vereint sowohl positive Aspekte – schließlich setzt die Fachsprachenkommunikation Fachkompetenz bei den Fachleuten voraus – als auch negative Gesichtspunkte – denn für Außenstehende sind Fachsprachen schwer verstehbar. Gleiches gilt für die Wortschöpfungen "Juristen-Sprech" und "Bullshit-Sprech".[8]

"Sprech" ist also eine überwiegend negativ konnotierte Vokabel für spezifische Sprachgebrauchsformen, die sich durch leicht an der Sprachoberfläche erkennbare Muster auszeichnen und die Menschen bestimmter Funktionsgruppen in Ausübung ihrer sozialen Rolle seriell verwenden. Da Sprachmuster wie "Wir Politiker müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen" bei der Bewältigung von Aufgabenroutinen immer wieder benutzt werden, erscheinen sie mitunter für die Zuhörerschaft bei Wiedererkennung floskelhaft und somit sinnentleert. "Parteien-Sprech" bezieht sich also auf einen Sprachgebrauch, der aufgrund stereotyper Merkmale zur Identifikation bestimmter Gruppen geeignet ist. Sprachmuster verfestigen sich in Diskursen durch den wiederholten Vollzug von kommunikativen Handlungen, zum Beispiel beim Erklären von Zusammenhängen und Sichtweisen in politischen Reden, Talkshows oder Interviews. Sie prägen daher die kommunikative Praxis in der Politik. Wenn sie als floskelhaft wahrgenommen und als Merkmal einer politischen Gruppensprache charakterisiert werden, geht mit der artikulierten Wirkung der Sprachmuster eine negative oder zumindest distanzierende Konnotation einher.

Fußnoten

7.
Für die unmittelbaren Wortumgebungskontexte siehe http://www1.ids-mannheim.de/kl/projekte/korpora.html«.
8.
Vgl. etwa Falk van Helsing, Juristensprech, München 2017; Peter Felixberger/Armin Nassehi (Hrsg.), Kursbuch 191 "Bullshit.Sprech", Hamburg 2017.
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