Die Farben Rot, Schwarz, Gelb und Grün in einem Malkasten.

9.11.2018 | Von:
Ekkehard Felder

Verfestigte Sprache. Parteien-Sprech zwischen Jargon der Anmaßung und angemessenem Sprachgebrauch

Muster ist nicht gleich Muster

Es gibt in der politischen Kommunikation Muster, die förderlich sind oder eher hemmend wirken. Ausgangspunkt war das Schlüsselwort "Sprech" als spezifische Sprachgebrauchsform mit leicht erkennbaren Mustern an der Sprachoberfläche. Diese verfestigten Sprachformen erleichtern die effiziente Bewältigung von wiederkehrenden Aufgabenroutinen. Die Muster können mitunter bei Wiedererkennung als floskelhaft wahrgenommen werden. Die Beispiele belegten die überwiegend pejorative Gebrauchsweise. Die Definition von "Sprech" betont den Aspekt der Redewirkungen und signalisiert in der Regel die Ablehnung der politischen Inhalte über den Umweg der kritischen Ablehnung eines bestimmten Sprachgebrauchs.

Als floskelhaft wahrgenommene Muster werden in der politisch öffentlichen Sprache und Auseinandersetzung zum Problem, wenn das Sprachmuster zum Indiz für mangelnde Authentizität oder Glaubwürdigkeit mutiert. Dies ist vorwiegend dann der Fall, wenn einzelne Repräsentanten Einbußen ihrer Reputation hinnehmen müssen, die nicht nur auf einem zu eintönigen Sprachgebrauch gründen, sondern auch auf vielen anderen Rahmenfaktoren des jeweiligen Akteurs – man denke etwa an die medialen Lobpreisungen der rhetorischen Fähigkeiten Karl-Theodor zu Guttenbergs 2010 und den anschließenden "Fall" wegen des Plagiierens. Das ist keine Gefahr für die Demokratie, solange das Phänomen nicht flächendeckend vorkommt, sondern in erster Linie ein Problem der betroffenen Politiker und der jeweiligen Partei.

Grundsätzlich problematischer und daher aus demokratietheoretischen und -praktischen Gründen abzulehnen ist das rhetorische Muster des Jargons der Anmaßung, dessen Argumentationsstrategie sich durch eine suggerierte Unhintergehbarkeit der dargelegten Sachverhalte unter Berufung auf eine anscheinend unfehlbare Instanz charakterisieren lässt.

Musterhaftes in der politisch öffentlichen Sprache ist hingegen völlig unproblematisch, wenn es um die ressourceneffiziente kommunikative Bewältigung wiederkehrender Aufgaben geht. Schnelles Wiedererkennen politischer Richtungen in verschiedenen politischen Textsorten erleichtert den Staatsbürgern in der Vielfalt der Kommunikationsbedingungen die Orientierung – man denke an die variierenden Kontexte in Talk-Shows, Bundestagsreden, Expertenanhörungen und -befragungen, Bürger-Abgeordneten-Wahlkreisgespräche, kommunalpolitische Gesprächsformate wie Bürgerdialoge, öffentliche Anhörungen und Befragungen. Kommunikationssensible Bürger bilden sich zügig eine Meinung darüber, ob Politiker zwischen Expertenwissen (der Fachsprache) und der Verstehbarkeit der politischen Inhalte (adressatengerechte Vermittlungssprache) angemessen changieren können.

Die Zuhörerschaft öffentlicher Kommunikation sollte stets folgende Aspekte politischer Redekontexte hinterfragen: Wer spricht in welcher Funktion mit welchem Interesse für welche Personen? Mit welchem Hintergrund in welchen Kontextkonstellationen und von welchen Situationsfaktoren beeinflusst wird gesprochen? Strikt zu unterscheiden ist dabei zwischen der Kritik an politischen Zuständen und am Reden über eben diese Zustände.

Parteien werden durch ihre Politiker repräsentiert. Abgesehen von rhetorischen Naturtalenten wie die ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama oder Bill Clinton hängen Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft der repräsentativen Demokratie von der Sprachkompetenz ihrer Repräsentanten ab. Das ist allgemein bekannt. Was meiner Meinung nach weniger oft Eingang in die öffentliche Diskussion findet, ist der Umstand, welche Möglichkeiten, aber auch welche Grenzen der politischen Kommunikation existieren: Es ist eben nicht möglich, zu Sachverhalten wie Rente, Pflege und anderen politischen Problemen immer neue Formulierungen für eine gleichbleibende Position zu finden – die Varianz ist begrenzt. Damit möchte ich weder die Parteipolitiker noch ihre Sprache von jeder Kritik freisprechen – an beiden sollten wir Bürger uns kräftig reiben. Je mehr wir semantisch kämpfen und über den Sprachgebrauch streiten, desto lebendiger ist Demokratie.

Schwierig wird es dort, wo unlösbare Interessengegensätze dazu führen, Parteien und repräsentative Demokratie und ihre kommunikativen Interaktionsformen per se infrage zu stellen, etwa durch Stigmawörter wie "Parteienstaat" oder "Systemparteien". Ist dies der Fall, müssten die entsprechenden Protagonisten die Frage beantworten, welches andere System denn ein besseres sein soll – notabene welches andere System und nicht welch anderer Politikinhalt. "Falsche" Politik, die es sicherlich gibt, ist strikt vom "falschen" System zu trennen, genauso wie zwischen der politischen Wirklichkeit selbst und dem Reden über sie unterschieden werden muss – erinnert sei an die Dimensionen polity (Form), politics (Prozess) und policy (Inhalt).

Wer den Sack schlägt, gemeint ist die Sprache, und in Wirklichkeit den Esel meint – hier sinnbildlich mit Verlaub ein Politiker –, der trifft nicht des Pudels Kern. Ist das politische Handwerkszeug, also das Medium Sprache, erst einmal nachhaltig infiziert und beschädigt, so geht der Politik das Vertrauen in ihr Aushandlungsmedium, in ihr Instrumentarium verloren. Damit gerät ihre Handlungsfähigkeit grundsätzlich in Gefahr. Das kann hoffentlich niemand wollen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ekkehard Felder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.