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3.11.2004 | Von:
Günter Erbe

Der moderne Dandy

Dandy und Rebell

Seit Lord George Gordon Byron, spätestens aber seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, hat sich neben einem vor allem von Aristokraten geprägten gesellschaftlichen ein literarisch-künstlerisches Dandytum entwickelt. Die Schriftsteller, die ihn in ihren Werken gestalten, nehmen oft selbst Züge des Dandys an. Durch Jules Barbey d'Aurevilly und Charles Baudelaire kommt es zu einer Akzentverschiebung in der Bedeutung des Wortes Dandy, die typisch französisch ist. Das Element der Revolte, die ethischen und spirituellen Eigenschaften werden stärker betont, sogar auf Kosten der äußeren Eleganz. Zum aristokratischen Formalkult tritt die weltschmerzliche Erfahrung existentieller Isolation.

Der Charakter des Widerspruchs und der Auflehnung und der Kampf gegen die Trivialität erfordern höchste Bewusstheit und Selbstzucht. Deshalb die Forderung Baudelaires, der Dandy müsse sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterbrechung erhaben zu sein. "Er muss leben und schlafen vor einem Spiegel."[2] Baudelaire räumt dem Dandyismus den Rang einer Philosophie ein, die den überlegenen Geist kennzeichnet, unabhängig von seinem historischen Ort. Er ist gleichsam die "Fundamentalkategorie des eleganten, des unabhängigen, anspruchsvollen, herausfordernden Menschen"[3], der eine Verbindung mit jeder möglichen, vom Zeitgeist stets unterschiedlich geprägten Persönlichkeit eingehen kann. Der aggressive Dandy als charismatischer Außenseiter der Gesellschaft ist latent konservativ und neigt zur gegenrevolutionären Revolte.[4] Allerdings greift er die Gesellschaft niemals unmittelbar an. "Er faßt schweigsamer und subtiler zu. Er verzichtet auf Aktionen, die ihn zwingen, unter sein Niveau zu gehen. Doch liegt gerade in dieser ostentativen Handlungsenthaltung seine Herausforderung."[5]

Der Dandy hat keinen anderen Beruf als die Eleganz. Sie ist Ausdruck seiner materiellen und geistigen Unabhängigkeit und seiner moralischen Verfassung. Prinzip seiner Distinktion ist die vollkommene, aber raffinierte Einfachheit, da man sich auf keine bessere Weise von anderen unterscheiden kann. Indem er in der Kleidung das rechte Maß zu wahren weiß, provoziert er, da er sich den Zeitmoden verweigert. Er ist auf sich als Kultfigur, auf seine ästhetische Selbstvervollkommnung bezogen. Der Dandy amüsiert nicht, er dominiert. Durch seine absolute Selbstkontrolle beherrscht er die Szene. Die Aura seines Auftretens ist die Kälte. Sie ist Ausdruck seiner Unerschütterlichkeit und Ungerührtheit und zugleich die besondere Form seiner Schönheit. Der Dandy gefällt, indem er missfällt. Er provoziert, er leistet sich Verstöße gegen die Regeln, was voraussetzt, dass es Regeln gibt, die respektiert werden. Wo Regellosigkeit herrscht, wo es keine Etikette mehr gibt, wo alles erlaubt ist, gehen die Provokationen des Dandys ins Leere.

Was in einer Gesellschaft der Permissivität bleibt, ist ein Individualismus ohne Rückbindung an verpflichtende Konventionen des Geschmacks und des Stils. Das Spannungsverhältnis ist nicht mehr gegeben, aus dem die Selbstdarstellungskunst des Dandys Funken schlägt. Seine Nachfolger verfügen nicht mehr über die seelische und intellektuelle Disziplin, die den Dandy auszeichnet. Exemplarische Eleganz wird ersetzt durch forcierte Extravaganz, ein Prozess, der schon mit Oscar Wilde einsetzte, dem Vorreiter eines öffentlichen Dandytums.


Fußnoten

2.
Charles Baudelaire, Mein entblößtes Herz, in: Sämtliche Werke/Briefe. Bd. 6, hrsg. v. Friedhelm Kemp und Claude Pichois, München 1991, S. 224.
3.
Rainer Gruenter, Formen des Dandyismus. Eine problemgeschichtliche Studie über Ernst Jünger, in: Euphorion, 46 (1952) 2, S. 191.
4.
Vgl. Karl Heinz Bohrer, Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk, Frankfurt/ M. 1983, S. 37.
5.
R. Gruenter (Anm. 3), S. 189.