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3.11.2004 | Von:
Günter Erbe

Der moderne Dandy

Stilwandel im Medienzeitalter

Seine Gesellschaftsmacht hat der Dandy an Designer, Popstars und andere Stilfiguren des Medienzeitalters abtreten müssen, die heute als Trendsetter der Mode und Geschmacksidole - oftmals unter dem Etikett "Dandy" - die gesellschaftliche Szene beherrschen. Die inflationäre Ausbreitung dandyhafter Attitüden hat eine Nivellierung des Dandytums zur Folge. Im Zeitalter der Mobilität sind die Schauplätze des Highlife auf den gesamten Globus verteilt. Was heute noch als Enklave gesellschaftlicher Exklusivität gilt, kann morgen schon zum Ziel des organisierten Massentourismus werden. Orte wie St. Moritz, Saint-Tropez, Portofino, Acapulco, Marbella, die Bahamas usw. haben längst das Image des Exklusiven eingebüßt.

Im Zeitalter der Massenkultur und der Massenmedien gewinnt neben Herkunft und Reichtum die Bekanntheit einer Person, ihre durch die Öffentlichkeit beglaubigte Prominenz, als Kriterium für die Aufnahme in die bunt zusammengewürfelten Kreise des Jetset an Bedeutung. Ein prominenter Popstar, Sportler, Modeschöpfer, Friseur oder Talkmaster, ein hoch bezahltes Model, eine namhafte Moderatorin, eine erfolgreiche Partyorganisatorin - sie alle haben Chancen, vom Jetset adoptiert zu werden, wenn die Medien sie promovieren und aus der Masse der Namenlosen herausheben. Arrivierte dieses Schlages finden sich bald auf exklusiven Soireen, Partys und Bällen, neben königlichen Hoheiten, Prinzen von Geblüt, Diplomaten und Repräsentanten der Hochfinanz. Wie schon Oscar Wilde erkannt hat, kann unter demokratischen Bedingungen jeder ein Star sein, wenn er es versteht, Schlagzeilen zu machen.

In einer Zeit, in welcher der Selbststilisierung und Selbstdarstellung keine Grenzen mehr gesetzt und einzelne Charakterzüge des Dandys zu Massenerscheinungen geworden sind, hat es ein wirklicher Dandy schwer, seine Originalität zu beweisen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Zahl der auf öffentlicher Bühne paradierenden Dandys oder Pseudodandys unüberschaubar geworden ist. Wahrscheinlich müsste ein die geistigen Intentionen des Dandys ernst nehmendes Individuum sich von der gesellschaftlichen Bühne ganz zurückziehen, sich in eine Art mönchische Askese begeben.

In den Milieus der Subkultur finden sich zahlreiche Verwandlungskünstler und Selbstdarsteller unterschiedlichster Couleur. Aber diese Exzentriker und Außenseiterexistenzen sind keine Dandys, sondern urbane Überlebenskünstler. Sie haben vom Dandy die eine oder andere Attitüde übernommen, doch weder ist die Eleganz ihr einziger Beruf, noch widmen sie sich einzig und allein dem Zweck, die Idee des Schönen in ihrer Person zu kultivieren. Sie sind hektisch bemüht, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Von der stoischen Ruhe des Dandys, der sich sein Tempo beim Flanieren auf dem Boulevard von einer Schildkröte vorgeben ließ, die er am Halsband führte, sind diese gehetzten Wesen meilenweit entfernt.