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3.11.2004 | Von:
Günter Erbe

Der moderne Dandy

Dandytum und Subkultur

Eine besondere Spielart des literarischen Dandyismus nach dem Zweiten Weltkrieg stellt die Wiener-Gruppe dar. Oswald Wiener hat vor dem Hintergrund der Erfahrungen in dieser Gruppe in seinem Essay "Eine Art Einzige" eine Theorie zu einem modernen Dandytum entworfen. Der Dandy ist bei Wiener ein Verhaltenstypus, dessen Künstlichkeit dem Maschinenhaften unserer Zeit entspreche. Er werfe sich zum Demiurgen des Sinns in einer Welt von Automaten auf. Wiener sieht im Dandy nicht den Narziss und mondänen Gesellschaftsmenschen, sondern den experimentierenden Geist. Er hat den Weg aus der Gesellschaft und in die Welt des Künstlichen bereits soweit beschritten, dass ihn das Nachgemachte mehr interessiert als das Originale. Er streift alles Luxuriöse des dekadenten Dandys ab. Er hat es nicht mehr wie dieser mit sich selbst zu tun, "sondern mit der form, als welche er sich in seinen gedanken erscheint, seine identität ist provisorisch. er verkörpert das künstliche im engsten sinn, das ununterbrochen schöpferische."[6] Wiener kommt zu dem Schluss, dass Dandytum auf hohem Niveau nicht mehr möglich sei, sondern nur Wiederholung auf niedrigerer Stufe, in der Subkultur. Es gebe nur noch ein "sekundäres Dandytum", das bereits Bekanntes für sich neu entdecke. Soziologisch betrachtet heißt dies, dass der intellektuelle Dandy im Rückzug auf sich selbst nur ein Surrogat darstellt.

Hier nähert sich Wiener der von Susan Sontag beschriebenen Camp-Attitüde an. "Camp" ist Sontag zufolge eine Erlebnisweise kleiner urbaner Gruppen, die sich durch eine Vorliebe für das Künstliche, Übertriebene und Theatralische auszeichnet und sich vor allem an Produkten der dekorativen Künste delektiert. Es handele sich um eine Spielart des Ästhetizismus, ihr Kennzeichen sei der Geist der Extravaganz. Camp wird von Sontag als Dandyismus im Zeitalter der Massenkultur bezeichnet. Während der Dandy alten Stils sich dem guten Geschmack hingebe, mache der Anhänger des Camp keinen Unterschied mehr zwischen dem einzigartigen Gegenstand und dem Massengut. Er verstehe es, die Produkte der Massenkultur auf ausgefallene Art zu besitzen.

In Oscar Wilde sieht Sontag eine Übergangsfigur, die sich nie ganz von den Vergnügungen des Dandys alten Stils - dem Highlife - habe trennen können. Das soziale Terrain des Dandys im Zeitalter der Massenkultur sei dagegen die Subkultur. Träger des Camp-Geschmacks sei "eine improvisierte Klasse, die sich selbst ernannt hat und vorwiegend aus Homosexuellen besteht, die sich als die Aristokraten des Geschmacks einsetzen"[7]. Diese Klasse repräsentiere die Beziehung zum Stil in einer Zeit, in der die Übernahme eines Stils - als solche - fragwürdig geworden sei und in der es keine echten Aristokraten im alten Sinne mehr gebe, diebesondere Geschmacksrichtungen fördern könnten.

Sontag zieht daraus keineswegs den Schluss, ein heutiger Dandy stehe auf verlorenem Posten, da er keinen sozialen Ort, kein Publikum mehr vorfinde, das seine Geschmacksdiktate goutiere. Vielmehr deutet sie die von Baudelaire als Tod desDandys bezeichnete Demokratisierung des Geschmacks in eine Chance für Einzelne um, auf raffinierte, erlesene Weise ihren Geschmack am schlechten Geschmack, am Aufgedonnerten, Stillosen, Theatralischen zu kultivieren.[8]

Durch das postmoderne Spiel mit Widerspiegelungen hat sich die Aura des Dandys, sein Charisma verflüchtigt. Elisabeth Bronfen spricht von einer "celebrity culture", in der Ansprüche auf Authentizität zugunsten einer reinen Feier des Image aufgegeben werden. Jeder könne eine Pose einnehmen, jeder zum Bild werden. Im Zusammenhang mit dem Verschwinden der Divaschreibt Bronfen: "Regiert in der heutigen Alltagskultur vornehmlich eine Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der das Image und der Aktdes Sich-zur-Schau-Stellens alles ist, geht esbei celebrity nicht mehr darum, ob man tatsächlich etwas Bedeutsames geschaffen hat, andas eine Nachwelt sich erinnern soll. Statt dessen zählt der kurzlebige Ruhm, die Aufmerksamkeit des Augenblicks."[9] Obgleich die Eintagsstars in den Medien den Vorrang haben, bleibe ein Verlangen nach der charismatischen Einzigartigkeit, die von der Diva verkörpert wird.

Gleiches ließe sich vom Dandy sagen. Er verspricht Einzigartigkeit und Originalität in einer Zeit der Nivellierung, der immer gleichen Abziehbilder und der angepassten Durchschnittsexistenzen. Wie die Diva muss sich der Dandy zunächst entwerfen und inszenieren. Seine Karriere hängt davon ab, sich mit wenigen, aber entscheidenden Zeichen und Posen ein unverwechselbares, öffentliches Image zu verschaffen, das von den Massen nicht nachgeahmt werden kann. "Wie die Diva", schreibt Barbara Straumann, "ist er somit von den medialen Technologien der Massenkultur, insbesondere der Photographie und der Presse abhängig. Wendet er sich einerseits angewidert von der Einförmigkeit der ordinären Massenkultur ab, so schöpft er andererseits deren Publicity-Möglichkeiten voll aus ... Als geistiger Aristokrat besetzt der Dandy bezeichnenderweise die Bühne des Sehens und Gesehenwerdens, auf die der kulturelle Kredit der Aristokratie infolge ihrer politischen Abwertung geschrumpft ist."[10] Auf Andy Warhol anspielend, meint Straumann, wenn die Oberflächlichkeit seiner Inszenierung eine Botschaft verkünde, "dann die, dass auf die Nivellierung sozialer Hierarchien sowie auf die freie Wahl des Lifestyle nur mit der ausgewählten Künstlichkeit der theatralischen Selbstinszenierungen, mit attitude und posing geantwortet werden kann."[11]


Fußnoten

6.
Oswald Wiener, Eine Art Einzige, in: Verena von der Heyden-Rynsch (Hrsg.), Riten der Selbstauflösung, München 1982, S. 59.
7.
Susan Sontag, Anmerkungen zu "Camp", in: dies., Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Reinbek 1968, S. 282.
8.
Von der Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue" Diana Vreeland stammt der Ausspruch: "Etwas schlechter Geschmack ist wie eine Prise Paprika." Vgl. Karin Wieland, Die Pompadour von der Fifth Avenue, in: Der Tagesspiegel vom 24.7. 1994, S. 26.
9.
Elisabeth Bronfen/Barbara Straumann, Die Diva. Eine Geschichte der Bewunderung, München 2002, S. 216f.
10.
Ebd., S. 79 f.
11.
Ebd., S. 81.