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29.10.2004 | Von:
Stephan Bierling

Die US-Wirtschaft unter George W. Bush

Makroökonomische Entwicklung

Wachstum

Clinton war ökonomisch ein Glückspilz: Als er ins Weiße Haus einzog, hatten die USA gerade eine hartnäckige Rezession hinter sich gelassen. Die Wirtschaft erholte sich und lief fast bis zum Ende seiner Amtszeit auf Hochtouren. Bush dagegen ist wirtschaftlich gesehen ein Pechvogel: Er trat im Januar 2001 sein Amt an, als die dot.com-Spekulationsblase gerade geplatzt war und die Zeichen auf Abschwung standen. Unternehmen der New Economy, die den Boom mit hohen Ausgaben für Computer, Software, Produktionsstätten und Büros angefacht hatten, reduzierten jetzt ihre Investitionen und entließen Mitarbeiter. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die im letzten Amtsjahr Clintons noch bei 3,7 Prozent gelegen hatte, fiel im Jahr 2001 auf 0,8 Prozent und war im ersten und dritten Quartal des Jahres sogar negativ.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 versetzten einer ohnehin schwachen Ökonomie einen weiteren schweren Schlag. Schließlich wirkte der hohe Ölpreis, der im Sommer 2004 fast 50 US-Dollar pro Barrel erreichte, wie eine Zusatzsteuer und belastete die Erholung. Während die US-Wirtschaft unter Clinton durchschnittlich um 3,5 Prozent pro Jahr wuchs, wird sie unter Bush auf einen Prozentpunkt weniger kommen.

Inflation und Zinsen

Mit der Rezession und der Zerstörung riesiger Vermögenswerte an der Hightech-Börse Nasdaq bestand die reale Gefahr, dass die angesichts der langen Boomphase der neunziger Jahre ohnehin niedrige Inflationsrate unter null fällt, das heißt in eine Deflation umschlagen könnte. In Japan hatte der Kollaps des Immobilien- und Aktienmarkts zehn Jahre zuvor zu einer solchen Entwicklung geführt, die äußerst schwierig zu bekämpfen war und die Wirtschaft bis 2003 lähmte. Die amerikanische Notenbank unter ihrem Präsidenten Alan Greenspan senkte deshalb den Leitzins von Januar 2001 bis Juni 2003 in dreizehn Schritten von 6,5 auf 1,0 Prozent. Zum letzten Mal hatte es unter Präsident Eisenhower in den USA einen so niedrigen Zinssatz gegeben. Seit Ende 2002 sind die Realzinsen sogar negativ, das heißt, der offizielle Zinssatz liegt unter der Inflationsrate.

Dieser außergewöhnliche Stimulus der Notenbank trug wesentlich dazu bei, dass eine Deflation abgewendet wurde und die amerikanische Wirtschaft trotz Hightech-Krise, Terroranschlägen und Irakkrieg nicht in eine lang anhaltende Rezession abglitt, sondern sich schnell erholte und ihre traditionelle Rolle als Motor der Weltwirtschaft beibehielt. Im Juni 2004 begann Greenspan den langen Prozess, die Zinssätze wieder auf ein normaleres Niveau anzuheben, das die OECD bei vier Prozent verortet.

Haushalt

Die Rezession war mitverantwortlich dafür, dass sich das Haushaltsplus von 2,5 Prozent des BIP im Jahr2000 in ein Defizit von 3,6 Prozent 2004 verwandelte. Die beiden anderen Gründe für die markante Verschlechterung der Bundesfinanzen waren die von Bush durchgesetzten Steuersenkungen sowie das starke Anwachsen der militärischen und nichtmilitärischen Ausgaben. Von 2001 bis 2004 fielen die Staatseinnahmen als Anteil am BIP von 20,9 auf 16,4 Prozent, und die Ausgaben stiegen von 18,4 auf 20 Prozent. Die Gesamtverschuldung der USA wuchs unter Bush von 5,7 auf 7,1 Billionen US-Dollar und damit auf 60 Prozent des BIP.

Arbeitsplätze

Wie nicht anders zu erwarten, fiel die Zahl der Jobs mit der Rezession 2001 und der langsamen Wirtschaftsentwicklung 2002. Herrschte bei Bushs Amtsantritt mit 4,2 Prozent noch praktisch Vollbeschäftigung, so erreichte die Arbeitslosigkeit im Juni 2003 mit 6,4 Prozent ihren Höchststand. Im September 2004 betrug sie noch 5,4 Prozent. Im Vergleich mit früheren Konjunkturabschwüngen blieb die Arbeitslosenquote erstaunlich niedrig. Selbst wenn man diejenigen Personen einbezieht, die es aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen, steigt die Quote nur um 0,3 bis 0,4 Prozent. Nach wie vor liegt sie damit deutlich unter der in anderen vergleichbaren Industriestaaten mit Ausnahme Japans und Großbritanniens.

Allerdings ist die Arbeitslosenrate nur ein Indikator für die Entwicklung des Arbeitsmarkts. Ein anderer Indikator - die netto neu geschaffenen Stellen - fällt weniger positiv aus. Schon im letzten Amtsjahr Clintons verlangsamte sich das Beschäftigungswachstum. Unter Bush gingen von Januar 2001 bis Mitte 2003 sogar 2,5 Millionen Jobs verloren. Zwar schuf die US-Wirtschaft seitdem 1,9 Millionen neue Stellen (Stand: September 2004), aber Bush dürfte der erste Präsident seit Herbert Hoover (1929 - 1933) mit einer negativen Arbeitsplätze-Bilanz sein. Dies ist umso beunruhigender, als die amerikanische Wirtschaft pro Monat 150 000 neue Jobs benötigt, um die auf den Arbeitsmarkt drängenden Schulabgänger, Frauen und Immigranten beschäftigen zu können.

Angesichts dieser Entwicklung überrascht es nicht, dass Unternehmen wegen ihrer Politik des "Offshoring", also der Verlagerung amerikanischer Arbeitsplätze ins Ausland, unter Beschuss geraten sind.[1] Tatsächlich hat das Offshoring, das im produzierenden Gewerbe schon seit Jahrzehnten praktiziert wird, mit dem dramatischen Preisverfall bei der elektronischen Datenübermittelung und der Standardisierung der Software jetzt auch verstärkt informatikorientierte Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich erfasst. Vor allem Call Centers, IT-Unternehmen, Finanzdienstleister, Steuerberater und radiologische Abteilungen von Kliniken verlagern Stellen ins Ausland, insbesondere nach Indien. Politiker wie Journalisten erklären Offshoring deshalb zum Sündenbock für die schwache Entwicklung des Arbeitsmarkts. Lou Dobbs, der bekannte Moderator eines Wirtschaftsmagazins auf CNN, stellt in seiner Sendung unter dem Stichwort Exporting America regelmäßig Firmen an den Pranger, die Jobs ins Ausland verlagern.

Die Daten entkräften jedoch alle anekdotischen Belege: So zeigt eine Anfang 2004 erstmals erhobene Statistik des US Bureau of Labor Statistics, dass die Arbeitsplatzverluste durch Offshoring im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft marginal sind. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden zum Beispiel nur 4633 Stellen ins Ausland verlagert. Das entspricht weniger als zwei Prozent aller Entlassungen in diesem Zeitraum.[2] Selbst wenn sich dieser Trend verstärkt, wie das McKinsey Global Institute und Forrester Research vorhersagen, bleibt der Anteil der ins Ausland verlagerten Dienstleistungsjobs angesichts einer Gesamtbeschäftigtenzahl von fast 140 Millionen gering. Betroffen vom Offshoring sind zudem primär repetitive Arbeiten, die relativ niedrige Fähigkeiten erfordern wie das Eintragen und Verwalten von Daten oder standardisierte telephonische Beratung. Anspruchsvollere Tätigkeiten wie Innovation, Design oder Geschäftsentwicklung verbleiben in den USA. Dasselbe gilt für jene 90 Prozent des Dienstleistungssektors, die räumliche Nähe zum Kunden verlangen: vom Groß- und Einzelhandel über den Freizeitbereich bis hin zur Gesundheitsindustrie.

Schließlich profitiert auch die amerikanische Wirtschaft vom Offshoring, da es die weltwirtschaftliche Dynamik sowie die Auslandsnachfrage nach heimischen Produkten und Dienstleistungen steigert und damit zu mehr Arbeitsplätzen und höheren Einkommen in den Vereinigten Staaten führt. IBM, Microsoft und Oracle etwa haben Tausende von Arbeitsplätzen ins Ausland verlagert, allerdings gleichzeitig mehr Stellen in den USA geschaffen. Zwischen 1999 und 2003 verloren zwar 70 000 Computerprogrammierer ihre Stelle, aber im selben Zeitraum wuchs die Zahl der Computersoftware-Ingenieure um 115 000. Im Gegensatz zum Handel mit Gütern erzielten die USA im Handel mit Dienstleistungen 2003 einen Überschuss von 51 Milliarden US-Dollar. David Ricardos Gesetz der komparativen Kostenvorteile gilt auch für das Offshoring. Es liegt an anderen Faktoren, dass in den elf Quartalen ununterbrochenen BIP-Wachstums seit dem Ende der Rezession im November 2001 neue Arbeitsplätze nur so langsam entstanden: dem Investitionsüberhang der späten neunziger Jahre, der verbreiteten Unsicherheit wegen der terroristischen Bedrohung und des Irakkriegs sowie dem rapiden Anstieg der Krankenversicherungsbeiträge der Arbeitgeber, der sie von Neueinstellungen abhält.[3]

Viele Unternehmer versuchen deshalb, die vorhandenen Beschäftigten effizienter einzusetzen. Dies fällt ihnen umso leichter, als die Informationstechnologien seit Mitte der neunziger Jahre auch im Dienstleistungsbereich Einzug halten. Insbesondere der Groß- und Einzelhandel sowie die Finanz- und die Telekommunikationsbranche können dank der IT-Revolution ihre Lagerbestände gering halten, ihre Logistik verbessern, gezielter mit den Kunden kommunizieren und sich schneller nach ihren Wünschen ausrichten.[4] Die Produktivität der US-Wirtschaft, die von 1974 bis 1994 nur um durchschnittlich 1,4 Prozent zunahm, stieg in den sechs Jahren danach deshalb um 2,5 Prozent und damit fast so rasch wie in den goldenen Nachkriegsjahrzehnten. Seit 2001 beschleunigte sich das Produktivitätswachstum sogar noch. Amerikanische Arbeiter sind heute in 50 der 60 Sektoren, in die das McKinsey Global Institute die Wirtschaft unterteilt, weltweit am produktivsten.[5] Hohe Produktivität ist die wichtigste Voraussetzung für das künftige Lohn- und Beschäftigungswachstum.

Die Handelsbilanz

Unter Bush ist die sich seit Anfang der neunziger Jahre verschlechternde Handelsbilanz noch tiefer ins Minus abgerutscht. 2003 betrug das Defizit 497 Milliarden US-Dollar und damit 4,9 Prozent des BIP. Allein für Ölimporte gaben die USA 130 Milliarden US-Dollar aus.

Wie lange sich die USA ein solch hohes Defizit leisten können, hängt von den Überschussländern ab. Sie können mit ihren riesigen Dollarbeständen entweder amerikanische Unternehmen und Immobilien (Direktinvestitionen) oder Aktien und Bonds (Portfolioinvestitionen) kaufen. In den boomenden neunziger Jahren investierten die Überschussländer vor allem in US-Aktien. Seit der Flaute an der Wall Street erwerben die beiden größten, China und Japan, aber vermehrt staatliche Schuldverschreibungen, im ersten Halbjahr 2004 allein für 270 Milliarden US-Dollar. Insgesamt halten ausländische Gläubiger zehn Billionen US-Dollar in amerikanischer Währung. Damit fällt langfristig nicht nur das amerikanische Nationaleinkommen, weil die Zinsen, Dividenden und Kursgewinne ins Ausland gehen. Vielmehr wird Washington auch attraktive, das heißt höhere Zinsen bieten müssen, um sein Doppeldefizit in Haushalt und Handel zu finanzieren. Allerdings erwerben nicht alle Ausländer amerikanische Schuldverschreibungen ganz freiwillig: Die chinesische und japanische Zentralbank etwa, die für einen Gutteil der ausländischen Käufe von US-Bonds verantwortlich sind, wollen damit den Wert des US-Dollar hoch und ihre Exporte in die Vereinigten Staaten stabil halten. Deshalb sind sie bereit, Zinsen zu akzeptieren, die kaum über der Inflationsrate liegen. China und Japan bekommen also Jobs, die USA billige Importe.


Fußnoten

1.
Vgl. Daniel W. Drezner, The Outsourcing Bogeyman; in: Foreign Affairs, (May/June 2004), http://www.foreignaffairs. org/20040501faessay83304/daniel-w-drezner/the-outsourcing-bogeyman.html.Soweit nicht anders vermerkt, sind diesem Artikel auch die folgenden Daten entnommen. Kritischer zum Offshoring: Exporting Jobs, in: Congressional Quarterly Researcher, 14 (2004) 7, S. 149 - 172.
2.
Vgl. Geringe Abwanderung von US-Jobs ins Ausland, in: Neue Zürcher Zeitung vom 16. 6. 2004, S. 17.
3.
Vgl. Eduardo Porter, Rising Cost of Health Benefits Cited as Factor in Slump of Jobs, in: New York Times (NYT) vom 19. 8. 2004.
4.
Vgl. Hal R. Varian, Information Technology May Have Been What Cured Low Service-Sector Productivity, in: NYT vom 12. 2. 2004, S. C2.
5.
Vgl. David Brooks, Scanning For Success, in: NYT vom 3. 4. 2004, S. A27.