Staats- und Regierungschefs gedenken des Endes des Ersten Weltkrieges in Paris, 11.09.2018.

23.11.2018 | Von:
Christian Geulen

Zur "Wiederkehr" des Nationalismus - Essay

Der Nationalismus kehrt wieder. Diese oft gestellte Diagnose nimmt zugleich an, dass er einmal überwunden schien. Und in der Tat: Blickt man auf die Jahrtausendwende zurück, bietet sich ein scheinbar ganz anderes Bild als heute. Die binneneuropäischen Grenzkontrollen waren abgeschafft, eine europäische Währung in Sicht, wir diskutierten über eine europäische Verfassung, und die wissenschaftliche wie öffentliche Debatte wurde von den Themen Globalisierung und transnationale Vernetzung geprägt. Heute werden die Grenzen wieder undurchlässiger, ein Zerfall der EU scheint nicht mehr völlig abwegig, und fast überall erstarkt ein populistischer, identitärer Nationalismus.

Konjunkturen der Wiederkehr-Debatte

Dennoch ist diese Diagnose eigentümlich blind gegenüber einer nur ein wenig weiter zurückreichenden Vergangenheit: Bereits die wissenschaftliche wie öffentliche Debatte in den 1990er Jahren wurde vom Thema Nationalismus dominiert. Der Zerfall Jugoslawiens in seine nationalen Einzelgemeinschaften (inklusive ethnischer Säuberungspraktiken), der Völkermord in Ruanda, die Frage, welche Weltordnung dem Blocksystem des Kalten Krieges nachfolgen sollte, nicht zuletzt die Rückkehr eines aggressiven, ausländerfeindlichen Nationalismus in Deutschland (inklusive rassistischer Gewalt) – all das führte im ersten Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer zu einer massiven Beschäftigung mit dem Nationalismus. Und auch damals drehte sich die Debatte um die unheimliche Wiederkehr eines Phänomens, das man für überwunden hielt.

Wissenschaftlich beruhte die Diskussion der 1990er Jahre größtenteils auf einer noch älteren Nationalismusforschung, die mit den Namen Ernest Gellner, Benedict Anderson oder Eric Hobsbawm verbunden ist. Sie alle haben ihre grundlegenden Arbeiten bereits in den 1980er Jahren geschrieben; damals vor allem in Reaktion auf jene große Welle des Nationalismus, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar weniger Europa, aber umso mehr die sogenannte Dritte Welt beherrschte, als koloniale Grenzen und Zugehörigkeiten in moderne, nationale übersetzt werden mussten, was in den wenigsten Fällen konfliktfrei geschah.[1]

Und noch einen Schritt weiter in der Vergangenheit zurück, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, lässt sich die Überwindung des Nationalismus – unter weitgehender Ausblendung dessen, was sich in der sich dekolonisierenden Welt abspielte – als so etwas wie ein Grundkonsens bezeichnen, als Ideal, das den weltpolitischen Großprojekten dieser Zeit zugrunde lag: den Vereinten Nationen, den ersten Bestrebungen einer europäischen Zusammenarbeit, dem Konzept einer freien, westlichen Welt und – auf seine eigene Weise – auch der sozialistischen Staatengemeinschaft des Ostens. "Nationalismus" war nach 1945 so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Schlachten zweier Weltkriege und die extremen Gewalterfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bringen ließen. Der Nationalismus, vermitteln Schulbücher bis heute, habe in den Ersten Weltkrieg geführt, kehrte danach in nochmals radikalisierter Form wieder, um schließlich – angereichert mit antisemitischen und rassistischen Ideologien – auch in den Zweiten Weltkrieg zu führen.

Entsprechend hieß es in den 1990er Jahren rückblickend – auch angesichts der Tatsache, dass es in den Nachrichten um eben jene serbisch-kroatisch-bosnischen Nationalitätenkonflikte ging, die schon 1914 die Schlagzeilen beherrschten –, die Welt kehre zum Nationalismus der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Dieser Nationalismus, der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hatte, sei durch Faschismus und den Ost-West-Konflikt nur verschüttet gewesen und tauche jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, wieder auf. In einem ähnlichen historischen Kurzschluss heißt es heute, wir lebten wieder in Weimarer Zeiten, und der Nationalismus der Zwischenkriegszeit kehre wieder.[2]

Fußnoten

1.
Vgl. Ernest Gellner, Nationalismus und Moderne, Berlin 1991 (1983); Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/M. 2007 (1983); Eric Hobsbawm, Nationen und Nationalismus: Mythos und Realität seit 1780, Frankfurt/M. 2005 (1990).
2.
Zur Debatte vgl. etwa Andreas Wirsching et al. (Hrsg.), Weimarer Verhältnisse? Historische Lektionen für unsere Demokratie, Stuttgart 2018.
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Autor: Christian Geulen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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