Staats- und Regierungschefs gedenken des Endes des Ersten Weltkrieges in Paris, 11.09.2018.

23.11.2018 | Von:
Julia Angster

Nationalgeschichte und Globalgeschichte. Wege zu einer "Denationalisierung" des historischen Blicks

Nationalgeschichte ist aus der Mode gekommen. Die Vorstellung, Geschichte spiele sich im Rahmen von Nationalstaaten ab, erscheint seit den 1990er Jahren zunehmend überholt. Die Erfahrungen der "Globalisierung", der zunehmenden grenzüberschreitenden Verflechtung im ökonomischen wie kulturellen Bereich, und der Migration brachten einen anderen Blick auf Geschichte mit sich. Wenn insbesondere die Zeitgeschichtsschreibung die Aufgabe hat, nach der "Vorgeschichte gegenwärtiger Problemlagen" zu fragen, dann greift der nationale Fragehorizont zu kurz.[1] So hat sich in der jüngeren Geschichtswissenschaft eine Richtung entwickelt, die sich explizit gegen die Nationalgeschichte wendet.

In diesem Beitrag werde ich nationalgeschichtliche und globalgeschichtliche Ansätze und ihre Hintergründe vorstellen, ihre Gegensätze herausarbeiten und nach Wegen fragen, beide Richtungen miteinander zu verbinden. Denn die derzeit übliche Gegenüberstellung nationaler und globaler Perspektiven, die Vorstellung, beide schlössen sich gegenseitig aus, zielt an der Forschungspraxis des Fachs vorbei. Viele Historiker und Historikerinnen verbinden in ihren Arbeiten selbstverständlich unterschiedliche Ebenen miteinander. Viele Studien und Forschungsprojekte bewegen sich zwischen den Ebenen des Nationalen und des Globalen, indem sie den für ihre Themenstellung am besten passenden Rahmen wählen. Auf der konzeptionellen Ebene des Fachs, dort, wo es um die "Theorie" und um die Frage des methodischen Zuschnitts geht, wird jedoch oft ein Gegensatz zwischen Nationalgeschichte und Globalgeschichte formuliert, den ich nicht für sinnvoll halte.

Natürlich verlangt niemand, dass sich nun alle als Globalhistoriker betätigen und um weltweite Verflechtung und Interaktion kümmern. Dazu fehlen in der Regel schon die nötigen sprachlichen und fachlichen Kompetenzen. Umgekehrt darf es aber auch nicht dabei bleiben, nationale Geschichten wie Bauklötze nebeneinander zu stellen und dabei eigentlich übergreifende historische Entwicklungen Land für Land aus einer binnen-nationalen Perspektive zu betrachten. Einsichten in die gemeinsamen Ursachen vieler Phänomene gingen darüber ebenso verloren wie der Sinn für über- und vornationale Entwicklungslinien. Wie kann der nationale Denkrahmen in der Geschichtsschreibung überwunden werden, ohne dabei die nationale Ebene und ihre Themenfelder aufzugeben? Mein Argument ist, dass es dazu mehr braucht als eine additive Aneinanderreihung der verschiedenen räumlichen Ebenen des historischen Forschens: Es reicht nicht, sich auf der Skala, auf der das Lokale, Regionale, Nationale, Internationale und Globale angesiedelt sind, nach "oben" oder "unten" zu bewegen. National- und Globalgeschichte werden gern als Perspektiven beschrieben, als Varianten des historischen Blicks, die man als Voreinstellung wählt und dann beibehält. Nationalgeschichte erscheint dabei in erster Linie als eine durch territoriale Grenzen definierte Perspektive, während Globalgeschichtsschreibung sich um die Überwindung dieser Grenzen bemüht.

Doch umfasst der nationale Denkrahmen meiner Meinung nach weitaus mehr an Vorannahmen als die territoriale Begrenzung. Eine Überwindung dieses Denkrahmens muss daher auch tiefer gehen und sich mit dem Gesamtpaket dieser Vorannahmen befassen. Eine konsequente Historisierung dieses nationalen Denkrahmens würde es ermöglichen, Themenfelder der nationalen Ebene, wie beispielsweise Staatlichkeit und Rechtsordnungen, nicht mehr nur aus einer binnen-nationalen Perspektive zu untersuchen. Vor allem, und das halte ich für zentral, ließe sich so die Entstehung des Nationalstaats und der nationalen Ordnung präziser analysieren. Denn die Tatsache, dass Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, aber eben auch Geschichte, vom späten 19. Jahrhundert bis um das Jahr 2000, zunächst in Europa und dann weltweit, nur im nationalen Rahmen denkbar waren und teilweise noch sind, ist selbst erklärungsbedürftig. Dies kann jedoch nicht aus einer nationalen Binnensicht untersucht werden. Wir sollten also Konzepte wie "Nationalstaat", "Gesellschaft" und dergleichen nicht als selbstverständliche, vorgegebene Analysekategorien verwenden, sondern sie als "Quellenbegriffe" behandeln: als etwas, das in einer bestimmten Epoche aufkam, zeit- und ortsgebunden und von den jeweiligen Wertvorstellungen einer Zeit und einer Kultur geprägt ist. Dies wäre der Weg zu einer "Denationalisierung" der historischen Perspektive, zu einer Geschichtsschreibung, die sich nicht auf andere, nicht-national konnotierte Räume und Themenfelder verlegt, sondern die alle Themen, auch die nationalen, aus einer analytisch distanzierten Außenperspektive behandelt.

Nationalgeschichte

Nationalgeschichte war seit dem späten 19. Jahrhundert die dominante Form der Geschichtsschreibung, nicht nur in Europa.[2] Dies hatte mit der Bedeutung der Geschichtsschreibung für die Entstehung des Nationalstaats im 19. Jahrhundert zu tun. Diese Form der Staatlichkeit wurde definiert als die Verbindung von Staatsvolk, Staatsgebiet und legitimer Staatsgewalt.[3] Sie war Teil einer nationalen Konstellation des 19. Jahrhunderts, in der ein klar umgrenztes Territorium, staatliche Institutionen, Regeln und Praktiken und eine in diesem Territorium ansässige Bevölkerung eng miteinander verbunden waren.[4] Die Zugehörigkeit zum Nationalstaat – und damit der Zugang zu politischen und sozialen Rechten – wurde anhand von unterschiedlichen und auch veränderlichen Kriterien definiert.[5] Dazu gehörten Anwesenheit im Land und Zustimmung zur politischen Ordnung, Sprache, Geschichte und Kultur, aber auch ethnische Abstammung oder sogar Zugehörigkeit zu einer imaginierten "Rasse".[6]

Tradition und gemeinsame Geschichte spielten hierbei lange Zeit eine wichtige Rolle: Den Nationalbewegungen im Europa der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es darum, der Fürstenherrschaft eine neue Form der Herrschaftslegitimation entgegenzustellen: die Volkssouveränität. Die Nation sollte als politische Gemeinschaft ihre Interessen selbst steuern. Dazu musste jedoch festgelegt werden, wer zur Nation gehören sollte und wer nicht. Ein zentrales Kriterium dabei war die "gemeinsame Geschichte". Aufgabe der Geschichtswissenschaft war es, diese nationale Geschichte zu schreiben und damit gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenhalt zu stiften.[7] Bei der Etablierung der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert wurden so die "Selbstkonstituierung als wissenschaftliche Disziplin" und die "Mitarbeit an der Konstituierung der Nation als imaginierter Gemeinschaft" miteinander verknüpft, "die Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft [war] Teil der inneren Nationsbildung".[8] Dies war allerdings nicht in allen europäischen Ländern in derselben Weise der Fall, auch waren nicht alle Historiker im selben Maß beteiligt. Zudem konnte die Nationalgeschichte durchaus mit einem liberalen, freiheitlichen Impetus verbunden sein. Sie konnte aber eben auch, wie im deutschen Fall die "borussische" Schule, die die deutsche Reichsgründung 1871 zum Fokus ihrer Erzählung machte, sehr obrigkeitsnah und staatstragend sein. Vor allem in Deutschland fand sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine starke Konzentration auf staatliches Handeln in der Geschichtsschreibung, die den Weg zur nationalen Einigung als staatliche Aufgabe in den Mittelpunkt stellte, die Großmachtpolitik des Kaiserreichs unterstützte und dazu eine Linie zog "von Preußens Aufgabe in Deutschland zu Deutschlands Aufgabe in der Welt".[9] Geschichtswissenschaft zeichnete so den Weg zur Nationsbildung nach und konstruierte diese Nation dabei zugleich selbst. Dabei war die Abgrenzung der "eigenen" von der "fremden" Geschichte ein wesentlicher Aspekt.[10] Die Nation und der Nationalstaat standen nicht nur in den neugegründeten Nationalstaaten im Mittelpunkt der Geschichtsschreibung.[11]

Auch im 20. Jahrhundert blieb es, mit einigen Ausnahmen, bei der nationalen Orientierung des Fachs "Neuere und Neueste Geschichte". Dies gilt besonders für die Bundesrepublik Deutschland, wo noch in den 1970er und 1980er Jahren bittere Kontroversen darüber ausgetragen wurden, ob Politik- oder Sozialgeschichte – Regierungshandeln oder gesellschaftliche Konflikte – die "eigentliche" Geschichte ausmachten.[12] Beide Seiten waren dabei jedoch durch ihre nationale Perspektive geeint: Der Nationalstaat und die nationale Gesellschaft waren ihr Gegenstand und ihr Erkenntnishorizont.[13] Dabei wurden die Nationalstaaten durchaus im Rahmen einer internationalen Ordnung gesehen. Die Beschäftigung mit Außenpolitik und internationalem Staatensystem, überhaupt die Beziehungen zu und Abgrenzung von anderen Nationen und die Auseinandersetzungen und Bündnisse mit anderen Nationalstaaten, gehörten zur Nationalgeschichtsschreibung dazu.

Fußnoten

1.
Vgl. Hans Günter Hockerts, Rezension von: Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 15.5.2009, http://www.sehepunkte.de/2009/05/15019.html«; vgl. auch Andreas Eckert, Globalgeschichte und Zeitgeschichte, in: APuZ 1–3/2012, S. 28–32.
2.
Vgl. Christopher L. Hill, National History and the World of Nations. Capital, State, and the Rhetoric of History in Japan, France, and the United States, Durham–London 2008.
3.
Vgl. Georg Jellinek, Allgemeine Staatslehre, Berlin 19052, S. 381–420; Jens Kersten, Georg Jellinek und die klassische Staatslehre, Tübingen 2000; Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 19805, S. 822; Ernest Gellner, Nations and Nationalism, Ithaca u.a. 1983.
4.
Vgl. Charles S. Maier, Transformations of Territoriality 1600–2000, in: Gunilla Budde/Oliver Janz/Sebastian Conrad (Hrsg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Jürgen Kocka zum 65. Geburtstag, Göttingen 2006, S. 32–55.
5.
Vgl. Dieter Gosewinkel, Einbürgern und Ausschließen. Die Nationalisierung der Staatsangehörigkeit vom Deutschen Bund bis zur Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2001.
6.
Zum Rassenbegriff siehe u.a. Stuart Hall, Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2, Hamburg 1994; George M. Fredrickson, Rassismus. Ein historischer Abriss, Hamburg 2004.
7.
Vgl. für die "Ingredienzien" der europäischen Nationalgeschichten Stefan Berger, Narrating the Nation. Die Macht der Vergangenheit, in: APuZ 1–2/2008, S. 7–13.
8.
Christoph Conrad/Sebastian Conrad (Hrsg.), Die Nation schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich, Göttingen 2002, S. 19f.
9.
Wolfgang Hartwig, Von Preußens Aufgabe in Deutschland zu Deutschlands Aufgabe in der Welt. Liberalismus und borussianisches Geschichtsbild, in: ders., Geschichtskultur und Wissenschaft, München 1990, S. 103–160.
10.
Vgl. Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792–1918, Stuttgart 1992; Conrad/Conrad (Anm. 8), S. 20.
11.
Vgl. ebd.; Stefan Berger et al. (Hrsg.), Writing National Histories. Western Europe Since 1800, London 1999; Benedikt Stuchtey/Peter Wende (Hrsg.), British and German Historiography 1750–1950. Traditions, Perceptions, and Transfers, Oxford 2000; Lynn Hunt, Writing History in the Global Era, New York–London 2014; Eckert (Anm. 1); Hans Peter Hye/Brigitte Mazohl/Jan Paul Niederkorn (Hrsg.), Nationalgeschichte als Artefakt. Zum Paradigma "Nationalstaat" in den Historiographien Deutschlands, Italiens und Österreichs, Wien 2009.
12.
Zur Einordnung und Bewertung dieser Debatten in der alten Bundesrepublik vgl. Eckart Conze, "Moderne Politikgeschichte". Aporien einer Kontroverse, in: Guido Müller (Hrsg.), Deutschland und der Westen. Internationale Beziehungen im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1998, S. 19–30.
13.
Vgl. Eckart Conze, Nationale Vergangenheit und globale Zukunft. Deutsche Geschichtswissenschaft und die Herausforderung der Globalisierung, in: Jörg Baberowski et al., Geschichte ist immer Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte, Stuttgart–München 2001, S. 43–65, insb. S. 52.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Julia Angster für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.