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30.4.2004 | Von:
Anneli Rüling
Karsten Kassner
Peter Grottian

Geschlechterdemokratie leben. Junge Eltern zwischen Familienpolitik und Alltagserfahrungen

Geschlechterdemokratie in der Erwerbs- und Familienarbeit

Vor dem Hintergrund der aktuellen geschlechter- und familienpolitischen Lage in Deutschland haben wir eine eigene qualitative Studie durchgeführt und dort eben solche egalitären Geschlechterarrangements innerhalb junger Familien in denBlick genommen.[20] Als "hartes Kriterium" für Geschlechterdemokratie in Paarbeziehungen mit Kindern galt: Die Arbeitszeitmuster beider Elternteile liegen jenseits der Normalarbeitszeit, mit einem besonderen Fokus auf veränderten Arbeitsformen und -zeiten der Väter. Daher wählten wir Paare aus, bei denen beide Elternteile in Teilzeit arbeiten, sich den Erziehungsurlaub bzw. die Elternzeit geteilt haben oder bei denen sich die Männer anderweitig als aktive Väter verstanden.[21] Insgesamt wurden 25 Elternpaare interviewt. Wissen wollten wir, wie es trotz ungünstiger Rahmenbedingungen zu der jeweiligen Aufteilung gekommen ist, wie der Alltag solcher Familien im Einzelnen aussieht und welche (familien)politische Unterstützung sie benötigen. In geschlechterpolitischer Hinsicht hat uns zudem der emanzipatorische Gehalt solcher veränderter Arbeitsteilungsstrukturen interessiert.

Die Paare waren zum Zeitpunkt der Befragung überwiegend in der Familiengründungsphase und hatten bis zu drei Kinder. Ihr Bildungsniveau ist überdurchschnittlich hoch; allerdings sind die Berufs- und Tätigkeitsfelder sehr unterschiedlich. Die meisten arbeiten in der Privatwirtschaft, ein Teil im öffentlichen Dienst, und einige wenige sind im Non-Profit-Bereich beschäftigt oder selbstständig. Beachtenswert ist, dass sieben der befragten Personen in Führungspositionen sind. Die Einkommensverhältnisse der Familien variieren erheblich, sie liegen netto inklusive staatlicher Transferleistungen zwischen 1 400 und 5 000 Euro. Die breite Spanne ist allerdings nicht nur auf Qualifikation und ausgeübten Beruf zurückzuführen, sondern hängt wesentlich davon ab, in welchem zeitlichen Umfang beide Elternteile erwerbstätig sind.

Besonderes Augenmerk haben wir auf die konkrete Arbeitszeit- und Betreuungssituation der Paare gelegt. Diese variierten nicht nur zwischen den Paaren, sondern auch im Verlaufe der jeweiligen Paarentwicklung. Feststellen konnten wir, dass neben strukturellen Rahmenbedingungen eine zentrale Voraussetzung für egalitäre Arbeitsteilungsmuster in der Paarbeziehung selbst liegt, insbesondere in deren Bildungs- und Einkommensstruktur. Die Frauen in unserem Sample sind überwiegend gleich oder höher qualifiziert als ihre Partner, was sich zugleich in ihrem Einkommensniveau niederschlägt. Insofern sind gleiche Startbedingungen von Mann und Frau in einer Paarbeziehung ein wesentliches Moment für die Herausbildung einer partnerschaftlich orientierten Arbeitsteilung.

Nach der Geburt eines Kindes gehen viele der Befragten zunächst in Erziehungsurlaub bzw. in die Elternzeit. In knapp der Hälfte der Fälle haben sich die Paare dabei abgewechselt und die Väter einen erheblichen Betreuungsanteil übernommen. Die vollen drei Jahre werden dabei keineswegs immer ausgeschöpft. Vielmehr wird bei sehr vielen Paaren relativ schnell - bei vielen gleich nach dem Mutterschutz - eine Vereinbarkeitslösung angestrebt, bei der beide Elternteile ihre Arbeitszeit reduzieren und zugleich Betreuungsaufgaben übernehmen. Überraschenderweise ist für die meisten die Umsetzung ihrer Arbeitszeit relativ unproblematisch, aber oft mit energischer Eigeninitiative verbunden. So haben manche der Befragten eine vorhandene Stelle geteilt oder sich eine neue Stelle gesucht, um ihre Arbeitszeitwünsche zu verwirklichen. Parallel dazu greifen alle Paare auf eine öffentliche und/oder private Fremdbetreuung zurück, einerseits Krippe und Kindertagesstätten, andererseits Tagesmütter bzw. private und familiäre Netzwerke. Auf diese Weise entstehen sehr komplexe und fragile Arrangements, innerhalb derer jeden Tag aufs Neue die unterschiedlichen Zeitregime zweier Arbeitsplätze und der Fremdbetreuung integriert werden müssen. Ein Leben jenseits traditioneller Familienstrukturen bedeutet also auf längere Sicht einen erhöhten Koordinationsaufwand.

In unserer Studie haben wir fünf unterschiedliche Arrangements von Arbeit und Leben herausgearbeitet. Mit "Arrangement von Arbeit und Leben" bezeichnen wir den Lebensentwurf sowie den konkreten alltäglichen Lebenszusammenhang eines Paares.[22] Drei der gefundenen Arrangements können als strukturell egalitär gelten, weil hier beide Elternteile jeweils das gleiche Verhältnis von Arbeit und Leben wünschen und umgesetzt haben. Differenziert haben wir zwischen einem ausbalancierten, einem erwerbszentrierten und einem familienzentriertem Arrangement. Als strukturell spezialisiert haben wir zwei Arrangements bezeichnet, bei denen jeweils eine Person die Verantwortung für einen Lebensbereich übernommen hat. Beim traditionellen Arrangement arbeitet der Mann Vollzeit, und die Frau muss eine qualifizierte Teilzeittätigkeit mit den Familienaufgaben vereinbaren. Beim rollentauschorientierten Arrangement funktioniert die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern exakt umgekehrt: Der Mann hat die Verantwortung für die Familie übernommen, und die Frau sichert das Einkommen. Diese beiden letztgenannten Formen haben wir vorwiegend zur Kontrastierung verwendet. Unser besonderes Augenmerk galt vor allem den strukturell egalitären Arrangements.

Unter einem ausbalancierten Arrangement verstehen wir Lebenszusammenhänge, bei denen weder Arbeit noch Leben einen dominanten Status haben, sondern für einen gelungenen Lebensentwurf das Mischungsverhältnis von Beruf, Familie und weiteren Lebensbereichen zentral ist. Langfristig wollen hier beide Elternteile in Teilzeit arbeiten und Zeit für Familie, Partnerschaft und individuelle Interessen haben. Die meisten Personen mit ausbalanciertem Arrangement haben einen akademischen Abschluss und arbeiten mehrheitlich in pädagogischen und sozialen Berufen - teilweise im öffentlichen Dienst und teilweise bei freien Trägern. Trotz ihrer Teilzeitorientierung sind ihnen die Arbeitsinhalte wichtig, und sie sehen in der Erwerbsarbeit auch die Möglichkeit zur individuellen Verwirklichung. Es ist zu vermuten, dass in diesen Fällen häufig bereits die Berufswahl mit den anvisierten Abeits(zeit)vorstellungen zusammenhängt. Dafür sind Paare mit ausbalanciertem Arrangement bereit, auf einen Teil des Erwerbseinkommens zu verzichten. Das allerdings birgt zugleich ein Risiko, denn eine angespannte finanzielle Situation kann langfristig das Arrangement gefährden. Öffentliche Betreuungsangebote werden hier mit eigenen Betreuungszeiten und selbst organisierten Netzwerken verknüpft. Aufgrund ihrer vielfältigen Tätigkeiten in unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen mit wechselnden Arbeitszeitmodellen haben diese Paare insgesamt einen hohen Koordinationsaufwand. Bei paralleler Teilzeitarbeit und einer täglich oder wöchentlich wechselnden Kinderbetreuung geben sich die Eltern oft "die Klinke in die Hand" und klagen über wenig gemeinsame Zeit.

Zusammenfassend kann das ausbalancierte Arrangement von Arbeit und Leben als hochflexibel und individualisiert bezeichnet werden, wobei die Flexibilität zu einer mangelhaften beruflichen, finanziellen und sozialen Absicherung führt. Dies zeigt sich auch in den familienpolitischen Vorstellungen und Wünschen dieser Paare, die beispielsweise die geltende Elternzeitregelung begrüßen, für ihr Lebensmodell ab dem zweiten oder spätestens dritten Lebensjahr der Kinder allerdings verlässliche Angebote einer öffentlichen Ganztagsbetreuung benötigen. Als Anreiz in die richtige Richtung bewerteten sie zudem die explizite finanzielle Förderung bzw. steuerliche Entlastung von Familien, in denen beide Elternteile auch längerfristig auf Teilzeitbasis erwerbstätig sein wollen.

Beim erwerbszentrierten Arrangement dagegen steht die berufliche Entwicklung beider Elternteile im Mittelpunkt. Langfristig wollen hier Vater und Mutter trotz der Familie Vollzeit arbeiten und Karriere machen. Die Kinder werden entsprechend früh in Fremdbetreuung gegeben. Zum Selbstverständnis dieser Paare gehört, dass die Frau ihren Beruf nicht wegen der Familie aufgeben soll. Dennoch hat auch die Familie eine große Bedeutung; sie gilt aber als vereinbar mit den Berufsvorstellungen beider Elternteile. Diese Gruppe besteht fast ausschließlich aus AkademikerInnen. Zumeist arbeiten sie in der Privatwirtschaft und haben teilweise auch Führungspositionen inne. Insofern finden sich hier die SpitzenverdienerInnen unseres Samples. Häufig sind die Mütter nach der Geburt des Kindes nur kurz aus dem Beruf ausgestiegen. Im Anschluss realisieren beide Elternteile dann eine Teilzeittätigkeit mit 30 oder mehr Stunden pro Woche. Diese "Teilzeit" erweist sich faktisch als Strategie zur Reduzierung von Überstunden und als Flexibilitätspuffer. Zeit für die Kinder entsteht vor allem dann, wenn die Eltern im Rahmen der Teilzeitregelung tageweise zu Hause bleiben. An den verbleibenden Wochentagen werden die Kinder fremdbetreut. Da aufgrund der Arbeitszeiten der Eltern täglich viele Stunden abgedeckt werden müssen, werden zumeist verschiedene Betreuungsformen kombiniert, etwa öffentliche Kindertagesstätten und eine Tagesmutter. Diese komplexen Betreuungsarrangements erfordern einen hohen Koordinationsaufwand und einen ständigen Balanceakt, da es zumeist kein (familiäres) "Sicherheitsnetz" im Hintergrund gibt. Der Alltag solcher Paare ist stark durchorganisiert, und die Komplexität der Arrangements nimmt mit steigendem Alter der Kinder und mit deren Schulbesuch noch zu. Gemeinsame Zeit für die Familie haben erwerbszentrierte Paare überwiegend nur an den Wochenenden. Ansonsten ist ihr Alltag durch rigide Planung und permanenten Zeitmangel gekennzeichnet. In familienpolitischer Hinsicht benötigen diese Paare am dringlichsten eine garantierte öffentliche Ganztagsbetreuung von der Geburt der Kinder an. In unseren Interviews haben sie das - z. T. mit Verweis auf die Situation in vergleichbaren europäischen Nachbarstaaten, wie bspw. Frankreich - auch deutlich eingefordert. Gut könnten sie sich auch ähnliche Regelungen wie in Schweden vorstellen, wo für Zeiten des familienbedingten beruflichen Ausstiegs eine Lohnersatzleistung gezahlt wird. Das Erziehungsgeld dagegen entspreche in keiner Weise dem realen Einkommensausfall und gebe für Frauen und erst recht für Männer keinen Anreiz zur Familiengründung und Wahrnehmung damit verbundener Aufgaben. Zudem führe das Ausnutzen der maximal dreijährigen Dauer der Elternzeit dazu, dass der Kontakt zum Beruf zu stark verloren gehe.

Im Gegensatz dazu steht das familienzentrierte Arrangement von Arbeit und Leben, bei dem für beide Elternteile das gemeinsame Familienleben am wichtigsten ist. Auch hier haben Mutter und Vater einen qualifizierten Beruf, wollen langfristig aber nicht unbedingt in Vollzeit arbeiten, sondern viel gemeinsame Zeit als Familie verbringen - insbesondere solange die Kinder noch klein sind. Die Initiative für dieses Lebensmodell ging häufig von den Männern aus, die mit ihren Kindern zu Hause bleiben wollten. Die Realisierung ihrer Arbeitszeitwünsche hängt jedoch von den jeweiligen beruflichen Möglichkeiten ab. Viele Befragte dieser Gruppe arbeiten als Beamte im öffentlichen Dienst und haben daher gute Chancen, ihre Wünsche umzusetzen, ohne berufliche Risiken einzugehen. Zugleich aber ist den Paaren bewusst, dass sie mit Teilzeitarbeit auf beruflichen Aufstieg verzichten. Dennoch nehmen die Männer dies in Kauf, zum Teil weil ihre berufliche Tätigkeit wenig Aufstiegsmöglichkeiten zulässt und nur bedingt als sinnstiftend erfahren wird. Charakteristisch für Paare mit familienzentriertem Arrangement ist, dass sie noch oder wieder in ihrem sozialen und familiären Herkunftsmilieu wohnen und ihre Kinder weitgehend selbst betreuen wollen. Meist geht dies mit einer engen Beziehung zu den Großeltern einher, die ebenfalls in der Nähe wohnen und sich an der Betreuung beteiligen. Eine frühe Fremdbetreuung der Kinder außerhalb der Herkunftsfamilie wird dagegen abgelehnt. Insofern ist ihre Betreuungssituation relativ unproblematisch. Die Paare kennen sich meist schon aus Schulzeiten, haben einen gemeinsamen Freundeskreis und sind in das Gemeinschaftsleben des Wohnortes eingebunden. Allerdings stößt ihr unkonventionelles Arrangement dort teilweise auf Unverständnis. Dennoch erleben es die Männer als ein Privileg, Zeit für ihre Kindern zu haben. Familienpolitisch sind auch Paare mit familienzentriertem Arrangement auf öffentliche Betreuung angewiesen. Allerdings wollen sie in den ersten Jahren ihre Kinder nicht gleich in "fremde" Hände geben und halten dies auch hinsichtlich der Entwicklung der Kinder für angebracht. Insofern sind sie mit der geltenden Elternzeitregelung zufrieden, da dadurch die Möglichkeit der Eigenbetreuung in den ersten drei Lebensjahren der Kinder abgesichert ist. Durch die noch am Ort lebenden Großeltern ist die Betreuungssituation auch danach weniger problematisch als für Paare mit ausbalanciertem oder erwerbszentriertem Arrangement von Arbeit und Leben.

Zum einen zeigt unsere Studie, dass partnerschaftliche Arrangements sehr verschiedene Formen annehmen können und ihnen jeweils ganz unterschiedliche Entwürfe des Verhältnisses von Arbeit und Leben zugrunde liegen. Gemeinsam ist ihnen, dass sich die Geschlechter aufeinander zu bewegen und die Zufriedenheit mit ihren egalitären Lebensentwürfen hoch ist. Frauen wollen Beruf und Familie verbinden, und Männer haben ein Interesse an aktiver Vaterschaft, für die sie teilweise auch berufliche Risiken in Kauf nehmen. Geschlechterkonflikte scheinen dabei weniger existenziell und ideologisch abzulaufen und die Veränderungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung insgesamt einem eher pragmatischen Modus zu folgen.

Zum anderen zeigen unsere Befunde ebenso deutlich, dass die tatsächliche Realisierbarkeit egalitärer Vorstellungen von konkreten Rahmenbedingungen sowie Ressourcen und Kompetenzen der Betroffenen abhängt. Erst dadurch werden sie denkbar und lebbar. Neben der konkreten Paarkonstellation ist die Möglichkeit, Dauer und Lage von Arbeitszeiten weitgehend an eigene Bedürfnisse anzupassen und im Alltag auch im Bedarfsfall flexibel handhaben zu können, eine weitere Grundvoraussetzung. Gleichermaßen braucht es schließlich flächendeckend finanzierbare, zeitlich ausreichende sowie verlässliche öffentliche Betreuungsangebote für Kinder aller Altersstufen. Da die vorherrschenden Rahmenbedingungen jedoch immer noch auf ein traditionelles Arrangement von Arbeit und Leben ausgerichtet sind, müssen Paare mit egalitärem Anspruch strukturelle Defizite individuell auffangen. Die Umsetzung solcher Arrangements stellt somit eine beachtliche Leistung dar. Denn die Paare müssen die Fähigkeit und Kompetenz entwickeln, geeignete Rahmenbedingungen selbsttätig herzustellen und im Alltag immer wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Nötig sind hierzu unter anderem Eigeninitiative, Zeitmanagement, Flexibilität, Stresstoleranz und Selbststeuerungs- und Organisationsfähigkeiten - und dies umso mehr, je stärker das Normalarbeitsverhältnis weiter auf Vollzeit ausgerichtet ist, flächendeckende Kinderbetreuungsangebote und Ganztagsschulen nicht in Sicht sind und beide Elternteile auch mit Kindern nahe an Vollzeit arbeiten wollen bzw. aus unterschiedlichen Gründen arbeiten müssen.


Fußnoten

20.
Vgl. zum Folgenden ausführlich Karsten Kassner/Anneli Rüling, "Nicht nur am Samstag gehört Papa mir!" - Väter in egalitären Arrangements von Arbeit und Leben, in: Angelika Tölke/Karsten Hank (Hrsg.), Das 'Vernachlässigte' Geschlecht in der Familienforschung: Untersuchungen zu Partnerschaft und Elternschaft bei Männern, in: Zeitschrift für Familienforschung, (2004) Sonderheft 4 (i.E.).
21.
Beispielsweise durch den Abbau von Überstunden aus familiären Gründen oder aber durch Übernahme von Familienaufgaben im Rahmen flexibler bzw. flexibilisierter Arbeitszeitmodelle.
22.
Theoretisch ist dieser Begriff an das Konzept der Alltäglichen Lebensführung angelehnt. Vgl. Projektgruppe "Alltägliche Lebensführung" (Hrsg.), Alltägliche Lebensführung. Arrangements zwischen Traditionalität und Modernisierung, Opladen 1995.