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30.4.2004 | Von:
Anneli Rüling
Karsten Kassner
Peter Grottian

Geschlechterdemokratie leben. Junge Eltern zwischen Familienpolitik und Alltagserfahrungen

Geschlechterdemokratie als Modellprojekt

Aus unserer Studie lassen sich zwei mögliche Schlussfolgerungen ziehen: Erstaunlich, wie die jungen Paare zurechtkommen, eine gute, selbstverantwortliche Leistung - da sollte der Staat sich heraushalten. Oder: Geschlechterdemokratische Modelle stehen noch eher am Anfang, sie bedürfen der politischen Ermutigung, da immer mehr Paare sie wünschen, allerdings gegen den Strich durchkämpfen müssen. Zugleich sind diese Modelle auch arbeitsmarktpolitisch von hoher Relevanz. Wenn Paaren sowohl eine egalitäre Aufteilung von Erwerbs- und familialer Alltagsarbeit als auch (existenzsichernde) Teilzeitarbeit ermöglicht werden soll, müssten unseres Erachtens mindestens folgende Anforderungen erfüllt sein:

- Ein ausreichendes und flexibles Betreuungsangebot für Kinder bis sechs Jahre sowie geeignete schulische Angebote müssten gewährleistet sein;

- diese müssten qualitativ hochwertig sein;

- Teilzeitbeschäftigung müsste sozialversicherungsrechtlich besser abgesichert werden;

- das Teilzeit-Modell müsste bei einem geringen Familieneinkommen durch entsprechende finanzielle Kompensation flankiert werden.

Dabei erscheinen uns insbesondere junge Paare als Adressaten unverzichtbar, da eine egalitäre Arbeitsteilung in jüngerem Lebensalter erlernt wird. Wie aus der vergleichenden Analyse familienpolitischer Modelle in europäischen Staaten zudem deutlich wird, müssen insbesondere junge Männer angesprochen und für einen Rollenwandel motiviert werden.

Notwendige familienpolitische Reformen stehen aber im Gegensatz zur aktuellen politischen Realität. Denn was Bundesregierung und Opposition derzeit zur Verbesserung der Betreuungsinfrastruktur anbieten, droht an parteipolitischen Ideologien, Kompetenzgerangel oder fehlenden finanziellen Möglichkeiten der Kommunen zu scheitern. Bei Licht besehen, stehen wir vor einer Totalblockade potenzieller Verbesserungen. Statt Geschlechter- und Familienpolitik mit der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zusammenzudenken, wird entkoppelt, was zusammengehört. Die Chancen stehen schlecht, Teilzeitarbeit gesetzlich und tarifpolitisch als Paar-Arbeits-Lebensmodell durchzusetzen, um Arbeitsumverteilung mit veränderten Arbeits- und Lebensarrangements innovativ in neuer Weise zu kombinieren.

Die Kluft, die sich zwischen den notwendigen Reformen und dem realpolitisch Machbaren auftut, scheint derzeit unüberwindbar. Denn es fehlen die politischen Akteure, die einen solchen Wandelernsthaft voranbringen wollen. Vermutlich bräuchte es mehr Druck von unten, um Forderungen nach besseren Rahmenbedingungen für Familien auf die politische Tagesordnung zu setzen. Das sicherlich wirkungsvollste Mittel wäre ein offensiver Gebärstreik der jungen Generation als provozierende Aktion. Voraussichtlich werden sich junge Paare aber nicht in dieser Weise zum konzertierten Handeln verabreden. Stattdessen suchen sie zunehmend individuelle "Lösungen" für strukturelle Probleme.

Politische Ermutigungen sind dennoch notwendig und können gerade auf der individuellen Ebene ansetzen. Daher schlagen wir als pragmatischen Schritt zum Aufbrechen der geschlechterdemokratischen Stagnation ein begrenztes Modellprojekt vor. Weil infrastrukturelle Angebote kaum vorhanden, oft unflexibel und nicht auf die spezifischen Arbeits- und Lebenssituationen der Paare mit Kindern zugeschnitten sind, soll die Familie selbst zum zentralen Akteur und Motor für die Auswahl und Anlage der Kinderbetreuung gemacht werden. Im Gegensatz zur Regulierung auf Bundesebene wäre ein solches Modellprojekt bei Ländern oder Kommunen anzusiedeln, wo die konkreten Weichenstellungen vorgenommen werden müssten. Es zielt darauf, junge Eltern bei ihrer Alltagsorganisation in kurz- bis mittelfristiger Perspektive zu unterstützen.

Wir schlagen ein Stadt- oder Länder-Modell vor: "500 Paare mit kleinen Kind(ern) erhalten für Halbe-halbe-Erwerbsarbeit 500 Euro Zusatzförderung als Bonus für Geschlechterdemokratie." Die Inanspruchnahme dieses Modells soll an folgende Bedingungen geknüpft sein:

- Beide Elternteile arbeiten bei der Antragstellung bereits in einem 40- bis 80 Prozent-Teilzeitkorridor von Erwerbsarbeit und haben Kind(er) unter sechs Jahren.

- Das monatliche Haushalts-Nettoeinkommen liegt unter 2 000 Euro.

- Die Inanspruchnahme begründet keine individuellen Rechtsansprüche, sondern ist eine befristete Zusatzförderung mit beschränktem Mitteleinsatz.

Bei einer monatlichen Unterstützung der Paare mit 500 Euro ergäben sich als Kosten für ein Land oder eine Großstadt bei 500 Paaren drei Millionen Euro pro Jahr. Das Modellprojekt würde entsprechend teurer, wenn für das zweite oder dritte Kind Sonderzuschläge gezahlt werden. Es zielt auf eine Ermutigung derjenigen, die sich eine geschlechterdemokratische Aufteilung der Erwerbsarbeit bisher nicht leisten können.

Als weiteres Element schlagen wir vor, fünfzehn Stunden wöchentlich flexible Kinderbetreuungsleistungen in Form eines Schecks zu vergeben. Dieses Modell setzt am Bedarf nach flexibler und qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung an, der sich in den Ergebnissen unseres Projekts zeigt. Damit wollen wir die Eltern zu alleinigen Akteuren machen und ihnen die Auswahl der für sie optimalen Form der Kinderbetreuung ermöglichen. Für die Inanspruchnahme dieses Betreuungsschecks gelten die gleichen Bedingungen wie oben genannt. Die Einkommensgrenze liegt allerdings bei 3 000 Euro.

Die Eltern erhalten einen Kinderbetreuungsgutschein für fünfzehn Betreuungsstunden in der Woche pro Kind, der sowohl in einer öffentlichen als auch bei einer privaten Kinderbetreuung einlösbar ist. Die Zeitbudgets können kontinuierlich gesammelt, konzentriert oder zyklisch eingesetzt werden - je nach konkreter Arbeits- und Lebenssituation. Mit diesem Modell soll zugleich ein Brückenschlag zwischen Arbeitsmarkt- und Familienpolitik erfolgen, indem die private Kinderbetreuung über arbeitsmarkpolitische Instrumente teilfinanziert wird. Die im Bereich der Kinderbetreuung geschaffenen Teilzeit-Arbeitsplätze sollen grundsätzlich sozialversicherungspflichtig sein. Zur Abwicklung dieser Tätigkeiten schlagen wir vor, eine Service-Agentur einzurichten, bei der die Tagesmütter bzw. -väter die Betreuungsschecks einlösen können und welche die Versicherungsleistungen an die gesetzlichen Versicherungsträger sowie die Lohnsteuer abführt. Um die geforderten Qualitätsstandards bei der privaten Kinderbetreuung durch Tagesmütter bzw. -väter einzuhalten, sollen bei bestehenden Einrichtungen und Trägern - Mütterzentren, Diakonie, Caritas - so genannte Familienagenturen eingerichtet bzw. bestehende ausgebaut werden. Sie können zum einen entsprechende Informationen an die Eltern weitergeben und zum anderen eine Qualifizierung des Betreuungspersonals sicherstellen.

Wird ein durchschnittlicher Brutto-Stundenlohn einer Erzieherin nach Bundesangestelltentarif zugrunde gelegt (12,50 Euro), ergeben sich für diesen Modellteil jährliche Kosten von 9 750 Euro pro Familie und Kind. Für die Finanzierung dieses Modellteils ergeben sich grundsätzlich mehrere Optionen. Für eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung wären jedoch Mini-Jobs und Ich-AGs nur bedingt tauglich; qualifizierte Teilzeit-Positionen wären die beste Lösung. Anstatt einer simplen Kindergeldstrategie würden beispielsweise für eine Milliarde Euro etwa 100 000 junge Teilzeit-Familien eine qualitativ hochwertige und selbst gesteuerte Kinderbetreuung erhalten, die kurzfristig umsetzbar wäre - mit 30 000 neuen Arbeitsplätzen inklusive.

Mit diesen Vorschlägen könnte zumindest ein Einstieg in die aktive Förderung geschlechterdemokratischer Lebensentwürfe erfolgen. Andernfalls müssen junge Paare weiterhin ihre Vorstellungen gegen herrschende Rahmenbedingungen leben. Mit etwas mehr politischem Handlungswillen könnte ein Modellprojekt egalitäre Arrangements für mehr Elternpaare lebbar machen und zeigen, dass Geschlechterdemokratie hochattraktiv ist.