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30.4.2004 | Von:
Gerhard Amendt

Väterlichkeit, Scheidung und Geschlechterkampf

"Höllisches Patriarchat und himmlisches Matriarchat"

Konflikte von Männern mit ihrer Exfrau oder Expartnerin entstehen allerdings nicht nur aufgrund persönlicher Enttäuschungen. Nicht selten besteht der Wunsch, offen oder versteckt Rache am anderen zu üben und dazu auch die Kinder in die eiserne Klammer der Loyalitätsbekundung - für mich und gegen den anderen - zu pressen.[8] Jenseits der zerstörerischen Kampfdynamik zwischen Geschiedenen hat in der öffentlichen Beurteilung von Männern ein Weiteres herausragende Bedeutung angenommen: ein äußerst abschätziges und von bösartiger Häme verzerrtes Männerbild.[9] Wenn wir deshalb über die verzerrte Wahrnehmung von Scheidungsvätern reden, dann kann das nur vor dem Hintergrund der allgemeineren Vorstellungen über die Eigenarten im Arrangement der Geschlechter[10] geschehen. Denn daraus werden auch die nicht weniger abschätzigen Mythen über Scheidungsväter abgeleitet. So können wir die konfliktreichen Erfahrungen von Scheidungsvätern überhaupt nur verstehen, wenn wir sie in ihrer Verschränkung mit den generalisierten Bösartigkeitsmythen lesen.

Diese Mythen wurden vom so genannten Genderfeminismus, dem Nachfolger des "Equityfeminismus", jenseits des wissenschaftlichen Diskurses[11] im Schutzraum abgeschotteter Förderprogramme an Universitäten entwickelt. In den USA haben sie sich zu einer Art feministischen McCarthyismus - einer Generalisierung von Kritikwürdigem mit Mitteln der kollektiven Hysterisierung wie weiland beim Antikommunismus - verdichtet, der eine paranoid gestimmte Verfolgung von Männern an liberalen Universitäten ausgelöst hat.[12] Daraus ist der Mythos von der gewalttätigen Männlichkeit hervorgegangen,[13] dem eine simple Weltsicht zugrunde liegt. Es wird davon ausgegangen, dass das Geschlechterarrangement "prinzipiell, global und immer" einem einzigen Strickmuster folgt. Danach zerfallen komplexe Alltäglichkeiten, wie sie sich innerhalb von Kulturen, sozialen Schichten, Ethnien, Männern wie Frauen entwickelt haben, in einen simplen Gegensatz: Hier das Gute, dort das Böse - das Gute sind die Frauen, das Böse sind die Männer, hier Opfer und dort Täter; friedfertige Frauen, denen kriegslüsterne Männer gegenüberstehen, und Anhängerinnen des Wärmestroms, denen die kalte männliche instrumentelle Vernunft beim Versuch, eine bessere Welt zu schaffen, im Wege steht.[14] Eigentlich sind "alle Männer potenzielle Gewalttäter" und Frauen ihre potenziellen Opfer.[15] Letztlich verheißt das Matriarchat die himmlische und das Patriarchat die höllische Schicksalsmacht.[16]

Auf Geschiedene wird in analoger Weise geblickt: Danach sind "allein erziehende Mütter ... allein gelassen und verarmt, ihnen stehen unterhaltsverweigernde Männern gegenüber, die sich pflichtvergessen jungen Frauen zuwenden". Auch diese Sicht kommt über kindliche Vereinfachungen nicht hinaus: Unverständliches wird durch simple Zuordnungen verständlich gemacht. Letztlich wird die gespaltene Welt der Geschlechter nach dem anatomischen Geschlechtsunterschied erklärt. Es ist also weder die soziale Welt, noch die kulturelle oder psychische in ihrer Vielfalt, die das Geschlechterarrangement in ständiger Bewegung hält, sondern das, was einen Mann und was eine Frau anatomisch schon immer unterschied - ihr Genital, das "wozu sie nichts können".

In der Zwischenzeit zerbröckelt diese biologische Sicht von Geschlechteridentität. Allerdings thematisieren das nicht so sehr die Geisteswissenschaften, sondern Politikentwürfe für das zukünftige Europa. Mit der Politik des Gender Mainstreaming wird dem polarisierten Geschlechterverständnis ganz pragmatisch zu Leibe gerückt. Beide Welten, die der Frauen und der Männer, sollen gleichermaßen untersucht und mit Hilfe von Politik verändert werden. Das abwechslungsreiche Verhältnis beider zueinander soll wieder an die Stelle unversöhnlich phantasierter Polarität treten.

Das hat auch Konsequenzen für die Scheidungsforschung. Sie wird nicht mehr nur aus der Perspektive von Frauen und Kindern betrieben werden (können), welche die Erfahrungen von Männern übergeht. Vielmehr werden Wechselwirkungen zwischen Scheidungspartnern untersucht werden müssen. Statt dem einen die Schuld und dem anderen die Unschuld zuzuschreiben, wird zukünftig zu untersuchen sein, warum es zum Beispiel zwischen mütterlicher Umgangsvereitelung und unzuverlässiger väterlicher Unterhaltszahlungen eine konfliktverschärfende Wechselbeziehung gibt. Beides - vereitelter Umgang und verweigerte Unterhaltszahlung - wird dann als Zeichen für ungelöste Konflikte und fehlende gegenseitige Anerkennung[17] untersucht. Damit eröffnen sich Perspektiven für sinnvolle Sozialpolitik und Konfliktlösung.


Fußnoten

8.
Das wird untersucht im Parental Alienation Syndrome (Elterliches Entfremdungssyndrom); vgl. auch Ira Daniel Turkat, Divorce Related Malicious Mother Syndrome (Bösartigkeitssyndrom von Scheidungsmüttern), in: Journal Of Family Violence, 10 (1995) 3, S 253 - 264.
9.
Vgl. Gerhard Amendt, Genderized Power. Männliche Passivität und weibliche Aktivität, in: texte. psychoanalys.ästhetik. kulturkritik, (2002) 1, S. 13 - 30.
10.
Vgl. Dorothy Dinnerstein, Das Arrangement der Geschlechter, Stuttgart 1979.
11.
Vgl. Jost Halfmann, Geschlecht und Natur als gesellschaftstheoretische Grundbegriffe. Zur Soziologie der feministischen Irritation der Wissenschaft, in: Andreas Nebelung/Angelika Poferl/Irmgard Schultz (Hrsg.), Geschlechterverhältnis, Naturverhältnis, Opladen 2000.
12.
Vgl. Steven Pinker, The Blank Slate. The Modern Denial of Human Nature, New York 2002, S. 337ff.
13.
Vgl. Linda Kelly, Disabusing the Definition of Domestic Abuse: How Women Batter Men and the Role of the Feminist State, in: Florida State University Law Review, 30 (2003), S. 791 - 855; Michael Bock, Gewalt gegen Männer - ein vernachlässigtes Problem!, in: Birgitta Sticher-Gil (Hrsg.), Gewalt gegen Männer im häuslichen Bereich - ein vernachlässigtes Problem!? Dokumentation der Tagung vom 18.November 2002 in der Aula der FHVR, Alt-Friedrichsfelde 60, 10315 Berlin (FHVR = Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin); Ira Daniel Turkat, Divorce-Related Malicious Parent Syndrome, Journal of Family Violence, 14 (1999) 1, S. 95-97.
14.
Vgl. Gertrud Nunner-Winkler, Eine weibliche Moral? Differenz als Ressource im Verteilungskampf, in: Zeitschrift für Soziologie, 23 (1994) 6.
15.
Vgl. Doris Lessing, Männer wehrt Euch!, in: The Guardian vom 12. August 2001, und Julia Kristeva, Correcting Her Idea of Politically Correct, in: New York Times vom 14. Juli 2001.
16.
Nach diesem Muster wurden die Äußerungen von Prinzessin Diana verarbeitet, was Miriam Lau in der WELT vom 6. März 2004 als "männerfeindlich" bezeichnete.
17.
Vgl. S. L. Braver (Anm. 6), S. 175.