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30.4.2004 | Von:
Gerhard Amendt

Väterlichkeit, Scheidung und Geschlechterkampf

Die Scheidung als Recht und als Aggression gegen Kinder zugleich

Warum sich in den letzten 20 Jahren die Sichtweisen auf die Beziehung der Geschlechter feindselig polarisiert haben, kann hier nicht untersucht werden. Aber zum Scheidungsmythos von den "egoistischen Männern und den allein gelassenen allein erziehenden Müttern" soll eine Vermutung geäußert werden. Denn erst wenn es für die Polarisierung eine Erklärung gibt, könnte gesellschaftspolitisch versucht werden, den zahlreichen Traumatisierungen von Kindern vorzubeugen. Wichtig ist das nicht zuletzt auch deswegen, weil Eltern dann besser verstehen können, wie ihr Rosenkrieg ihre Kinder beschädigt.

Mit der Scheidung wird eine Ehe rechtlich beendet. Ob die Partner auch emotional getrennt sind, steht zumeist noch in den Sternen. Jede Scheidung hat weitreichende Folgen. Niemand spricht deshalb gerne über Scheidungen; sei es die eigene, die von Freunden oder die nicht auszuschließende, von der sich die eigenen Kinder bedroht fühlen. Scheidungen enthalten zumindest immer die Hoffnung auf eine Zukunft, die besser als die Gegenwart für die Erwachsenen ausfällt.

In irgendeiner Form ist mit Scheidungen immer ein sozialer Abstieg verbunden;[18] und sei es nur der, den der Verlust von Freunden, die sich mit dem anderen gegen den vermeintlich Schuldigen zusammentun, bedeutet. Vielfach wird der ökonomische Abstieg erst realisiert, wenn durch neue Steuerklassen der Unterhalt knapper wird. Die damit verbundene Geldverknappung wird nicht selten als böswillige Schikane und nicht als Konsequenz der Scheidung erlebt. Weil die steuerlichen Auswirkungen mit Schikanen gleichgesetzt werden, kommt es zu diesem Zeitpunkt vielfach zur Eskalation. Die Exfrau beginnt sich dafür zu rächen, dass sie ihr Leben nicht mehr wie früher führen kann, und beginnt, die Besuche der Kinder beim Vater zu erschweren, abzuwerten oder zu untersagen. Wenn Exfrauen nicht mehr das erwartete Geld erhalten, verwandeln sie die Kinder mitunter in ihre Währung, mit der sie heimzahlen und Krieg führen. So erleben es die Väter, und die Forschung bestätigt diesen Teufelskreis.[19]

Trotzdem wird man davon ausgehen müssen, dass Väter wie Mütter daran interessiert sind, dass die Auswirkungen ihrer Lebensentscheidung für ihre Kinder so gering wie möglich ausfallen. Was sie für sinnvoll halten, steht allerdings oft im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Kinder. Das gut Gemeinte ist oft dessen Gegenteil.

Dazu zählt, dass die Exfrau ihre Absichten bruchlos mit dem Besten für die Kinder gleichsetzt. So sind wir mehrfach darauf gestoßen, dass Mütter auf Grund der Arbeitsteilung in guten Zeiten den eingeschränkten Kontakt zum Vater nach der Scheidung nicht für problematisch halten. Sie meinen, dass er früher die Kinder auch nicht viel öfters gesehen hat, als sie ihm jetzt mit der Umgangsregelung zugestehen will.

Hier wird die grundsätzlich veränderte Beziehung der Geschiedenen allerdings nicht verstanden. Denn in guten Zeiten hat die Mutter den Vater während seiner Abwesenheit liebevoll repräsentiert, weil sie ihm als Frau in Liebe zugetan war. Und indem sie ihn als Partnerin bei den Kindern vertrat, gab sie zugleich ihre eigene Mütterlichkeit zu erkennen. Und nebenbei bestätigte sie, zu einem erotisch-sexuell verbundenen Paar zu gehören. Und sie vertrat ihren Ehemann als den anderen, der sie zum Paar mit ihm und zugleich zum Elternpaar machte. Sie waren ein Liebespaar und deswegen waren sie auch ein Elternpaar. Nach der Scheidung bleiben eine Mutter und ein Vater übrig, die beide ihre Beziehung zu den Kindern neu definieren müssen, und zwar jeder auf seine Weise. Bei wem die Kinder ihren Lebensmittelpunkt haben, ist dabei unerheblich, denn weder beim Vater noch bei der Mutter ist das Althergebrachte fortsetzbar. Der Verbleib in der alten Wohnung kann das nur verschleiern. Auch wenn die Geschiedenen noch so respektvoll miteinander kommunizieren, dass Ende ihrer Partnerschaft bedeutet das Ende ihrer Elternschaft.

Weil Scheidungen für die Kinder etwas sehr Schmerzliches sind, gibt es unter Eltern so etwas wie Selbsttäuschung, weil sie ihre Kinder eben nicht verletzt sehen wollen. Ihre Selbsttäuschung betrifft das, was sie den Kindern antun. Deshalb wird am nachdrücklichsten beschwiegen, dass Scheidungen eine von den Eltern gegen die Kinder gerichtete Form der Aggressivität darstellen. Diese Form der Aggressivität wird verleugnet. Deshalb sprechen Geschiedene nicht darüber und auch kein Ratgeber weist sie darauf hin. Je höher die Scheidungsziffern klettern, um so mehr greift diese Aggression um sich. Das Schweigen darüber ist ein Indiz für ihre Brisanz. Man schweigt tot, worüber Beschämung besteht. Solange diese Aggression totgeschwiegen wird, so lange können Kinder nicht über sie sprechen. Denn täten sie es, würden sie ihre Eltern beschämen, weil sie ihnen die Aggressivität als Preis ihrer Lebensgestaltung vorhalten würden.

Seit mehr als 25 Jahren wird über Gewalt an Kindern gesprochen, wie sie von Vätern und Müttern je auf ihre Weisen, aber zu gleichen Teilen ausgeübt wird. Ähnlich verhält es sich mit sexuellen Übergriffen. Der Gedanke aber, dass Scheidungen von Kindern als etwas Zerstörerisches erlebt werden, wurde bislang beschwiegen.

Zwar reden wir mit unseren Kindern über aktuelle Katastrophen, über den 11. September oder den Hunger in Teilen der Welt. Wir versuchen Kinder vor der Verstrahlung durch Atomkraftwerke, vor den Folgen genetisch veränderter Lebensmittel, Risiken des Straßenverkehrs, vor Pädophilie und dem Missbrauch durch Fremde und nahe stehende Menschen zu beschützen. Aber niemand kommt auf den Gedanken, die Scheidungen von Eltern als vergleichbares oder gar schlimmeres Unglück zu benennen.

Erstaunlicherweise taucht dieser Gedanke in der "Missbrauchsdebatte" an keiner Stelle auf, obwohl gerade Frauen in Wissenschaft, Politik und Selbsthilfe in der Diskussion dominieren, die sie zumeist namens der "weiblichen Opfer gegen ihre männlichen Täter" führen.[20]

Kinder erleben die Trennung der Eltern als Willkür. Sie können die Gründe der Familienauflösung nicht nachvollziehen, denn diese beziehen sich auf das Paar. Die Beziehung von Mann und Frau verschwindet für sie hinter der Elternschaft. Sie wissen, dass das etwas Besonderes ist, aber sie können es nicht begreifen. Die Auswirkungen erleben Kinder oft erst später, zuerst durchleben sie diffuse Existenzängste. Es wird ihnen etwas genommen, was sie nicht hergeben wollen, weil sie eins damit sein wollen.


Fußnoten

18.
Vgl. G. Amendt (Anm. 3), Schlusswort.
19.
Vgl. Roland Proksch, Begleitforschung zur Umsetzung der Neuregelungen zur Reform des Kindschaftsrechts. Schlussbericht, März 2002 und S. L. Braver (Anm. 6).
20.
Abschied von den eigenen Klischees nimmt bereits: Carol Hagemann-White, European Research on the Prevalence of Violence Against Women, in: Violence Against Women, 7 (2001) 7, S. 732 - 759.