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30.4.2004 | Von:
Elisabeth Schlemmer

Familienbiografien und Schulerfolg von Kindern

Biografische Familienereignisse von Kindern

Familialer Wandel führt zu einer Destandardisierung von Familienbiografien und fordert von den Kindern besondere Bewältigungskompetenzen. Die Destandardisierung der Familienbiografien geht mit Familienereignissen einher, welche die traditionelle Zusammensetzung der Familie - Mutter, Vater, Kind - verändern und zur Transformation in eine neue Familienform führen. Heute leben durchschnittlich 20 Prozent aller Kinder im Alter von zwölf Jahren in Familien, die meistenteils nach einer Trennung der Eltern entstanden sind und nicht der traditionellen Form entsprechen, nämlich bei alleinerziehenden Eltern und in sozialen Familien, so genannten Stieffamilien oder Adoptiv- und Pflegefamilien. In den städtischen Regionen erhöht sich ihr Anteil auf ein Drittel, bezogen auf einzelne Schulen kann sich das Verhältnis zwischen traditionellen und nicht traditionellen Familien sogar umkehren. Wann und wie erleben Kinder so genannte "kritische" Familienereignisse wie Trennung, Scheidung, Zusammenzug des Elternteils mit einem neuen Partner bzw. einer neuen Partnerin, (Wieder-)Verheiratung, Geburt eines Halbgeschwisters? Gibt es zyklische Häufungen von Familienereignissen?

Trennung und Scheidung

Betroffen von solchen Ereignissen sind jährlich ca. 150 000 Kinder - mit steigender Tendenz (2002: 160 095 Kinder lt. Statistisches Bundesamt 2003). Zwölfjährige Kinder (Geburtskohorte 1986 - 1988) unterliegen einem Trennungsrisiko von ca. 15 Prozent. Sie erfahren die Scheidung ihrer Eltern zu etwas über 10 Prozent, d. h., nicht jede Trennung führt zu Scheidung; entweder weil die Eltern nichtehelich zusammengelebt haben oder weil die Scheidung nicht bis zu diesem Alter des Kindes ausgesprochen wurde oder auch nie eintritt. 2,9 Prozent Kinder dieser Altersgruppe erleben öfters die Trennung oder Scheidung ihres Elternteils.[3]

Das Trennungsrisiko

- ist abhängig davon, ob das Kind ein Einzelkind ist oder Geschwister hat: Einzelkinder erleben doppelt so häufig die Trennung bzw. Scheidung ihrer Eltern (23,2 Prozent) wie Kinder mit Geschwistern (11,6 Prozent).[4]

- nimmt bis zum Alter von neun bis zehn Jahren stetig zu und flacht danach allmählich ab. Von allen Kindern, die mindestens eine Trennung bzw. Scheidung ihrer Eltern im Alter bis zwölf Jahre erlebt haben, beträgt das Trennungsrisiko ca. 28 Prozent im Vorschulalter und kumuliert bis zum Übertrittsalter auf über 80 Prozent aller betroffenen Kinder. Das Risiko, eine elterliche Trennung zu erleben, ist folglich in der Grundschulzeit am höchsten.

Zusammenzug bzw. (Wieder-)Verheiratung

5,2 Prozent der Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren erleben die (Wieder-)Verheiratung des Elternteils, bei dem sie überwiegend leben; über 8 Prozent erleben entweder einen Zusammenzug oder eine Heirat und weitere 0,9 Prozent mehrere Zusammenzüge bzw. Heiraten. Etwa die Hälfte der Kinder lebt folglich nach Trennung bzw. Scheidung ihrer Eltern in einer neuen, sozialen Familie.[5]

Deren Gründung findet zu 50 Prozent bis zum neunten Lebensjahr der Kinder statt und gehäuft im Zeitraum ihres Übertritts in eine weiterführende Schule im Alter von zehn bis zwölf Jahren.

Geburt eines Halbgeschwisters

Die Geburt eines Halbgeschwisters erleben fast zwei Prozent aller Kinder bis zwölf Jahre. Diese ereignet sich bis zu 75 Prozent im Laufe des Vor- und Grundschulalters.

Trennung bzw. Scheidung und Zusammenzug bzw. (Wieder-)Verheiratung sind in Kinderbiografien Familienereignisse, die zeitlich nacheinander passieren und sich in zwei bis drei Zyklen darstellen lassen:

- Trennung in der Vorschulzeit und Neugründung einer sozialen Familie bis zur Einschulung.

- Trennung im Grundschulalter und teilweise Neugründung einer Familie bis zum Übertrittsalter. Dieser Zyklus trifft für die meisten betroffenen Kinder zu.

- Zunahme der Neugründungen von sozialen Familien nach dem Übertritt in die weiterführenden Schulen.

Das Grundschulalter und das Übertrittsalter sind dementsprechend sowohl schulisch als auch familiär stark belastete Altersstufen bei Schulkindern der Moderne.


Fußnoten

3.
Zu vergleichbaren Ergebnissen kommen Berechnungen mit repräsentativen Datensätzen, wie dem SOEP (Wolfgang Lauterbach, Kinder in ihren Familien. Lebensformen und Generationsgefüge im Wandel, in: Andreas Lange/Wolfgang Lauterbach [Hrsg.], Kinder in Familie und Gesellschaft zu Beginn des 21sten Jahrhunderts, Stuttgart 2000, S. 164) und dem Familiensurvey des DJI (Chrisitan Alt, Kindheit in Ost und West. Wandel der familialen Lebensformen aus Kindersicht, Opladen 2001, S. 136 ff.): Zehn Prozent der zehnjährigen Kinder erleben die Scheidung ihrer Eltern.
4.
Vgl. Thomas Klein, Scheidungsbetroffenheit im Lebensverlauf von Kindern, in: Bernhard Nauck/Hans Bertram (Hrsg.), Kinder in Deutschland. Lebensverhältnisse von Kindern im Regionalvergleich, Opladen 1995, S. 258ff. Die Quote ist von der Geschwisteranzahl bzw. der Geburtenrangreihe (1., 2., 3. etc. Kind) abhängig und variiert von 16,2 Prozent für das erste bis 5,4 Prozent für das fünfte Kind.
5.
Vergleichbare repräsentative Daten bietet der Familiensurvey des DJI. In Westdeutschland beträgt die Quote ehelicher Stiefkinder ca. vier Prozent: Walter Bien/Angela Hartl/Markus Teubner (Hrsg.), Stieffamilien in Deutschland, Opladen 2002, S. 12.