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30.4.2004 | Von:
Elisabeth Schlemmer

Familienbiografien und Schulerfolg von Kindern

Sozial- und bildungspolitische Handlungsperspektiven

Die Daten belegen die schwierige biografische Situation von Schulkindern im Grundschulalter und in der Zeit des Übertritts in die weiterführenden Schulen: Die Schule scheint nicht in der Lage zu sein, zum gegebenen Zeitpunkt die erforderliche Hilfe zu leisten. Das Verhältnis von Familie und Schule verschiebt sich unter diesen Bedingungen: Die Schule beförderte durch die Bildungsexpansion Emanzipationsbestrebungen in der Familie.[15] Das empirische Resultat ist heute eine Grenzziehung der Schule gegenüber den Folgen familialen Wandels, jedoch zu Ungunsten der Kinder. Dies trifft insbesondere Mädchen. Meine Vorschläge zur Prävention und Intervention richten sich folglich auf eine Neubewertung des Verhältnisses von Familie und Schule. Die Förderung sozialer Kompetenz als eines zentralern Faktors zur Stärkung der Bewältigungskraft und Orientierungsfähigkeit von Kindern steht dabei im Zentrum meiner Überlegungen. Notwendig erscheinen mir sozialintegrative Maßnahmen, welche die hohe Selektivität insbesondere bei der Überführung in Schulen für Erziehungshilfen dämpfen. Zu erreichen ist dies durch

1. eine sozialpädagogische Ausrichtung der Schule: Diese kann im Rahmen des Ausbaus zur Ganztagsschule auch in der Grundschule pädagogisch konstruiert werden. Die sozialpädagogische Ausrichtung soll zum einen in erweiterten diagnostischen Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer zum Ausdruck kommen und deshalb Teil der Aus- und Weiterbildung sein. Zum anderen ist eine Erweiterung der Kooperation von Schule und Jugendhilfe anzustreben. Die sozialpädagogische Unterstützung - und zwar vor Ort in der Schule als Schulsozialarbeit - kann Kinder in ihren sozialemotionalen Kompetenzen fördern und damit auch Familienschwächen ausgleichen helfen.

2. Elternbildung und Elternarbeit: Der gesellschaftliche Wandel stellt Eltern heute vor neue Aufgaben und Pflichten, die nicht mehr aus Tradition und Norm abzuleiten sind. Erziehungskunst muss gelernt werden. Zum einen ist die Schule als Träger allgemeiner Bildung gefordert, diese Aufgabe wahrzunehmen und Unterricht in Erziehungslehre anzubieten. Die Erweiterung erzieherischer Kompetenzen kann und soll auch in anderen allgemeinen Bildungseinrichtungen der Erwachsenenbildung erfolgen. Zum anderen muss in den Schulen vermehrt Elternarbeit stattfinden. Lehrerinnen und Lehrer sind in Aus- und Weiterbildung auf Elternarbeit unter den gegebenen Bedingungen des familialen Wandels vorzubereiten.

3. Elternpartizipation in der Schule: Eltern sollen sich, um das Wohl ihrer Kinder besser vertreten zu können, stärker in die Schule einbringen. Die Schule muss hierfür einen größeren Rahmen zur Elternpartizipation gewähren. Elternpartizipation soll sich sowohl auf Entscheidungsprozesse als auch auf eine betreuende Mitarbeit in der Schule beziehen.


Fußnoten

15.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.