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1.3.2004 | Von:
Bernhard Schäfers

Elite

Wandel des Begriffsverständnisses

Der erste in einem gesellschaftstheoretisch und politisch relevanten Sinn geprägte Elitebegriff war also als Gegenbegriff zur Masse bzw. zur demokratischen Massengesellschaft mit ihren Gleichheitsforderungen konzipiert; er bezog sich auf eine kleine Gruppe wertbewusster, der Zukunft zugewandter Männer, die zur Herrschaft berufen sind. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zur Ausbildung eines Elitebegriffs im heutigen, auf die gesamte Gesellschaft bezogenen Verständnis. In Deutschland, wo der Elitebegriff durch die Gleichsetzung mit Herrenrasse und Herrenmenschen zusätzlich belastet war, bedurfte es besonderer Anstrengungen, ihn aus diesem Kontext herauszulösen und als analytische Kategorie verwendbar zu machen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten des an der Freien Universität Berlin lehrenden Politologen und Soziologen Otto Stammer über "Das Elitenproblem in der Demokratie"; im "Wörterbuch der Soziologie" (1955) definierte er Eliten als "Funktionseliten", deren "Bestand, Zusammensetzung, Auswahl und Ergänzung von der Stellung und Funktion abhängig sind, welche die einzelnen Führungsgremien im politischen Wirkungszusammenhang innehaben".

Es folgten begriffliche Differenzierungen, so von Hans Peter Dreitzel, und empirische Untersuchungen, die immer mehr gesellschaftlich-staatliche Funktionsbereiche nach Herkunft, Bildungs- und Karrieremustern, nach Altersstruktur und Kohärenz der Funktionseliten unterschieden. In seinem in breiter Öffentlichkeit rezipierten Werk über "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland"[1] nannte Ralf Dahrendorf als zentrale Funktionsbereiche: Wirtschaft; Politik und öffentliche Verwaltung; Forschung, Wissenschaft und Bildung; Kirchen; Kultur, Kunst und "Freizeitindustrie"; Justiz; Militär. Die Akzeptanz dieses funktional konzipierten Elitebegriffs erhöhte sich in dem Maße, in dem die Chancengleichheit als Möglichkeit für alle wahrgenommen wurde und die Mechanismen der Selektion und des Aufstiegs in die Ränge der Funktionseliten transparent blieben. Diese Entwicklung schien, zumal angesichts der enormen Bildungsexpansion seit Beginn der sechziger Jahre und der beruflich-sozialen Besserstellung eines Großteils der Bevölkerung, das "Elitenproblem in der Demokratie" (Stammer) zu lösen.

Die begrifflichen und funktionalen "Sortierungen" zum Elitebegriff hielten der Realität damals so wenig wie heute stand. Der amerikanische Soziologe Charles W. Mills zeigte in seinem in der ganzen westlichen Welt bekannten Werk über die "Power Elite"[2], dass die Funktionsbereiche und ihre Eliten nicht fein säuberlich getrennt sind, sondern sich ihr Einfluss durch Interaktionen von Militär, Politik und Industrie zu einem antidemokratischen Komplex verdichten kann. Zum elitären Bewusstsein gehört, die Basis oder die Massen gering zu schätzen oder auch das Parlament - wie es gegenwärtig häufig geschieht - einfach zu übergehen, weil man von seiner auserwählten Position her ja weiß, wo es langgeht.

Auf die Frage von Pareto nach dem Wechsel der Eliten konnte Wolfgang Zapf (1965) mit seinen Untersuchungen über "Wandlungen der deutschen Elite" von 1919 bis 1961 die Antwort geben, dass es - entgegen vorherrschender Meinung - auch nach 1945 in Westdeutschland zu einem umfänglichen Austausch von Eliten gekommen war; dieser erfolgte jedoch nicht so revolutionär wie 1919 bzw. 1933, sondern vollzog sich in einem Zeitraum von vielen Jahren. Auch hinsichtlich der Herkunft und der Zusammensetzung der Eliten gab es erhebliche Veränderungen. Innerhalb von nur 70 Jahren hat Deutschland seine Eliten vier Mal ausgetauscht: 1919ff.; 1933ff.; 1945ff. in beiden deutschen Besatzungszonen bzw. Teilstaaten und seit 1990 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. In den ostdeutschen Bundesländern gab es insofern nicht nur einen "Institutionentransfer" (Gerhard Lehmbruch) aus der alten Bundesrepublik, sondern damit verbunden auch einen "Elitentransfer".

Die inzwischen etablierte soziologische und politologische Eliteforschung geht davon aus, dass sich die Funktionseliten durch ihr Bildungsniveau deutlich von der Gesamtbevölkerung unterscheiden und überproportional aus Familien mit hohem sozialen Status stammen - ausgenommen die Gewerkschaftseliten und die politischen Eliten der SPD und der Partei Bündnis 90/Die Grünen; Frauen sind erst seit Beginn der achtziger Jahre mit wachsendem Anteil in Elitefunktionen tätig.[3] In einem Punkt gab und gibt es Unterschiede zu Großbritannien, Frankreich und den USA, den wichtigsten Referenzländern auch in Fragen der Eliteuniversität, von der noch zu sprechen sein wird: Die deutsche Elite ist weder von ihrer Herkunft noch von ihrem Zusammenhalt her als "nationale Elite" zu verstehen; elitäre Bildungsinstitutionen, vom Gymnasium bis zu den Hochschulen, die "man" absolviert haben muss, um im Konkurrenzkampf zu bestehen und lebenslang wirksame "Netzwerke" zu knüpfen, gibt es in dieser Form nicht.


Fußnoten

1.
München 1965.
2.
New York 1956; deutsch 1962.
3.
Vgl. zu diesen und anderen Befunden Ursula Hoffmann-Lange/Wilhelm Bürklin, Eliten, Führungsgruppen, in: Bernhard Schäfers/Wolfgang Zapf (Hrsg.), Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, 2. erw. und verb. Aufl. Opladen 2001, S. 170 - 182; Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3., grundlegend überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2002, vgl. Kap.6, Eliten, S.145-166.