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1.3.2004 | Von:
Bernhard Schäfers

Elite

Werteliten als Gegenpol zu Machteliten

Ralf Dahrendorf sprach in "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" von der "Basis der Gleichheit" und dem "Dachfirst der Eliten". Das passte im Gebäude der sich entwickelnden Demokratie und unter den genannten Prämissen der verbreiterten Chancengleichheit gut zusammen. Doch seither ist das Spannungsverhältnis zwischen Eliten und demokratischer Basis größer geworden, sei es aus Gründen einer wachsenden Kritikbereitschaft und Kritikfähigkeit, sei es aus Gründen einer allgemeinen Besorgnis um die Entwicklung der politischen und gesellschaftlichen Institutionen. So werden den Funktionseliten Werteliten entgegengesetzt. Diese repräsentieren kulturelle Errungenschaften, Bildungsgüter und Wertmaßstäbe, deren das Gemeinwesen für seine Integration und Fortentwicklung bedarf. Hier zählen nicht "demokratische" Selektionsmechanismen der Chancengleichheit und der Auswahl nach Leistung, sondern die Überzeugungskraft durch Vorbild und Argumentation. Werteliten legitimieren sich über die von ihnen explizit gemachten Wertmaßstäbe; zu ihnen gehören auch Personen der Funktionseliten, wie z.B. die Bundespräsidenten, die mit weithin wirksamen Reden an Grundlagen des politischen und sozialen Gemeinwesens erinnern. Aber es sind ebenso häufig Personen aus der Literatur, den Kirchen und der Theologie, der Wissenschaft und Kunst, denen die Medien wegen ihres unbestrittenen Ansehens Gehör verschaffen. "Werteliten", so Kurt Lenk, "sollen - als Widerlager - die Gefahr einer Omnipotenz von Machteliten bannen."[4] Doch das Problem von Werteliten ist, dass sie angesichts der Pluralität des Wertsystems wohl nur in Angelegenheiten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung für die gesamte Bevölkerung sprechen, während die Funktionseliten - ob es den Bürgerinnen und Bürgern passt oder nicht - für alle im jeweiligen Funktionsbereich zuständig sind.

Zu bannen gilt es nicht nur die "Omnipotenz von Machteliten" in der Politik, in den Gewerkschaften und Verbänden, sondern auch in den Medien oder im Sport. In vielen Bereichen und Institutionen ist offenkundig, dass sich Funktionärskasten immer mehr von der Basis entfernen. Der Begriff "Kaste" wurde bewusst gewählt, auch wenn er einem ganz anderen Kultur- und Herrschaftskreis entstammt; denn er weist auf das Nicht-Legitimierte sich verselbständigender Leitungsfunktionen hin.

Ähnliches ist zu befürchten, wenn politische Spitzenfunktionäre in Deutschland Eliteuniversitäten nach dem Vorbild der USA gründen wollen. Entsprechenden Forderungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn im Januar 2004 in Weimar ist entgegengehalten worden, dass die jetzige Bundesregierung Mitverantwortung trage für die Nivellierung all der Elemente, welche die deutschen Universitäten und Hochschulen (der Technik, Musik usw.) bis in die Gegenwart weltweit auszeichneten. Wer miterlebt hat, wie in den Gremien der Kultusministerkonferenz von Vertretern des Bundes wie der Länder um die Abschaffung möglichst vieler Leistungsnachweise bei der Aufstellung von Rahmenrichtlinien für Studienpläne des Diploms oder Magisters gerungen wird, um die Studienabschlüsse zu beschleunigen, hat nur ein Beispiel unter vielen dafür, wie nicht nur nivelliert, sondern auch Niveauabsenkung betrieben wird. Auch unsinnige, jede Sonderstellung verhindernde Gesetze und finanzielle Engpässe untergraben die erforderlichen Freiräume für Lehre, Forschung und Studium, deren es auf dem Weg zu besonderer Qualifizierung bedarf. Der Kanzler der Harvard-Universität, des beneideten "Vorbildes", sprach mit Blick auf die Entwicklungen in Deutschland von "Politikerarroganz",[5] die sich Wissenschaftler wie Theodor Mommsen oder Max Weber nicht hätten bieten lassen.

Mit der Forderung nach Eliteuniversitäten in Deutschland verträgt sich auch schlecht, dass Tausende von hoch qualifizierten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, unter ihnen eine wachsende Zahl Habilitierter, auf der Straße stehen. Dem Bochumer Historiker Hans Mommsen erscheint es "grotesk, von Eliteuniversitäten zu träumen, wenn man gleichzeitig dem wissenschaftlichen Nachwuchs den Aufstieg verweigert"[6]. Viele Universitäten bzw. Fakultäten verfügen nicht mehr über die erforderliche Grundausstattung, um überhaupt Drittmittel werben zu können. Da Drittmittel aber nicht nur der Forschung dienen, sondern auch die schlimmen Zustände im Lehrbetrieb kaschieren und bei den so beliebten Rankings einen wichtigen Indikator darstellen, wird das deutsche Hochschulwesen in einer sich beschleunigenden Abwärtsspirale erfasst. Eliteuniversitäten mit einem mehr als fragwürdigen Finanzierungsmodus und einem äußerst restringierten Fächerkanon würden diese Entwicklung an den "normalen" Universitäten und Hochschulen noch verstärken.


Fußnoten

4.
Kurt Lenk, "Elite" - Begriff oder Phänomen?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 43/1982, S. 27 - 37.
5.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.1.2004, S. 33.
6.
Süddeutsche Zeitung vom 12.1.2004.