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1.3.2004 | Von:
Bernhard Schäfers

Elite

Elite und Demokratie

In den Sozialwissenschaften hat sich seit den sechziger Jahren die Definition durchgesetzt, dass es sich bei (Funktions-) Eliten um einen Personenkreis handelt, der Einfluss auf Struktur und Wandel der Gesellschaft bzw. ihre funktional differenzierten Bereiche hat. Wer zu diesem Kreis gehört, unterliegt bestimmten Mechanismen der Selektion, die bei den Funktionseliten weitgehend institutionalisiert sind. Diese Definition suggeriert eine Eindeutigkeit, die aus mehreren Gründen nicht gegeben ist. Der Begriff ist - von der "herrschenden Klasse" bis zu den "oberen Zehntausend" - zu weit gefasst. Der Terminus "Elite" bedarf also der Erläuterung, eines Zusatzes wie "Machtelite", "Bildungselite", "politische Elite". Auch die historische Semantik des Elitebegriffs, die ja fortlebt, sowie die verschiedenen Ebenen, für die er in sachlicher und auch in geografischer Hinsicht benutzt wird - städtische und regionale, national und international tätige Eliten -, müssen jeweils spezifisch benannt werden.

Mag der Elitebegriff in den Sozialwissenschaften als analytische Kategorie und als Element der Sozialstruktur weitgehend unstrittig sein - in der Bevölkerung ist er es keineswegs. In der kritischen Öffentlichkeit wird mit Interesse verfolgt, wie breit die personale und institutionelle Basis der Eliten ist und ob es wieder - wofür es empirische Belege gibt - zu einer "Schließung sozialer Kreise" (Max Weber) kommt. Das Eliteproblem in der Demokratie lässt sich nicht ein für allemal lösen, so wenig wie Fragen der Chancengleichheit oder der "sozialen Gerechtigkeit". Als Strukturelement in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bedürfen die vielfältigen Erscheinungsformen sowie der Ruf nach einer Elite daher einer besonders kritischen Öffentlichkeit.