Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Swantje Köbsell

50 behindertenbewegte Jahre in Deutschland

Als sich 1968 der "Club 68" gründete, war die Situation behinderter Menschen in (West-)Deutschland in allen Lebensbereichen von Aussonderung und Fremdbestimmung gekennzeichnet. Gleichzeitig befand sich die Gesellschaft in einer Phase des Aufbruchs, in der die Studenten- und die Frauenbewegung scheinbar "ewig Gültiges" infrage stellten. In ähnlicher Weise begannen behinderte Menschen zu hinterfragen, warum sie aufgrund ihrer körperlichen, sensorischen oder kognitiven Bedingungen, die von der gesellschaftlich gesetzten Normalität abwichen, von jeglicher Teilhabe ausgeschlossen wurden. Dass diese frühen Entwicklungen vier Jahrzehnte später in eine UN-Menschenrechtskonvention über die Rechte behinderter Menschen münden würden, hätte damals wohl keine_r der Beteiligten gedacht.

Vorgeschichte

Die Gründung der Gruppen, aus denen später die Behindertenbewegung entstehen sollte, fand vor dem historischen Hintergrund der Aussonderung und Entrechtung behinderter Menschen statt, die ihren Höhepunkt in der Ermordung behinderter Menschen als "lebensunwertes Leben" durch die Nationalsozialisten gefunden hatten. Die abwertenden Denkmuster hatten deren Herrschaft überdauert, und auch die Aussonderungsstrukturen waren nach 1945 unhinterfragt wieder auf- und ausgebaut worden. Damit war die historische Chance für einen wirklichen Neuanfang auch in diesem Bereich ungenutzt geblieben. Als Folge konnten behinderte Menschen jeglichen Alters weiterhin nur in ihren Familien oder in Institutionen leben – in beiden war Selbstbestimmung keine wirkliche Option. Heime für behinderte Menschen waren zu dieser Zeit "totale Institutionen",[1] in denen das gesamte Leben durch die Logik der Institution beziehungsweise durch die Heimleitung bestimmt wurde und oftmals unter menschenunwürdigen Bedingungen stattfand. Die von der Bundesregierung eingesetzte Enquete-Kommission zur Lage der Psychiatrie stellte 1975 für die psychiatrischen Großeinrichtungen, in denen auch viele behinderte Menschen leben mussten, skandalöse Zustände fest: große Schlafsäle, desolate hygienische Verhältnisse, schlecht ausgebildetes Personal, ungenügende medizinisch-therapeutische Versorgung und vieles mehr.[2]

Eltern behinderter Kinder gründeten ab Ende der 1950er Jahre verschiedene, jeweils auf spezielle Beeinträchtigungen bezogene Vereinigungen, die sich sowohl für die Entlastung der Eltern als auch für eine bessere Versorgung und Förderung ihrer Kinder einsetzten. Dies führte zum Ausbau von Sonderschulen und -kindergärten sowie zur Einrichtung kleinerer Wohnheime in den Wohnorten der Eltern. Dieser umfassende Ausbau der Sondereinrichtungen stellte zum damaligen Zeitpunkt eine tatsächliche Verbesserung der Versorgungssituation dar. Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe behinderter Menschen waren allerdings noch kein Thema; es ging lediglich um Versorgung. Das Leben behinderter Menschen spielte sich in den fest umrissenen Grenzen der Sondereinrichtungen ab. Aber auch die Infrastruktur im öffentlichen Raum mit ihren allgegenwärtigen architektonischen Barrieren, fehlendem barrierefreien Wohnraum und nicht zugänglichem ÖPNV stand einer gesellschaftlichen Teilhabe entgegen. Hinzu kamen weit verbreitete negative Einstellungen behinderten Menschen gegenüber.

Der gesellschaftliche Ausschluss behinderter Menschen aus der Gesellschaft, der mit fehlender Anerkennung als Bürger_innen mit gleichen Rechten einherging, war zu einem wesentlichen Teil einer Sichtweise von Behinderung als einem persönlichen, medizinisch-biologischen Problem der betroffenen Person geschuldet. Behinderung wird in dieser Perspektive unauflöslich mit Leid verknüpft und die beeinträchtigte Person bemitleidet und für unfähig angesehen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, weshalb Expert_innen für sie entscheiden müssen. Diese Haltung wird als medizinisches beziehungsweise individuelles Modell von Behinderung bezeichnet, das dadurch gekennzeichnet ist, dass Behinderung und Beeinträchtigung gleichgesetzt und gesellschaftliche Aspekte nicht einbezogen werden: Alle im Leben beeinträchtigter Menschen auftretenden Probleme sind in dieser Perspektive eine zwangsläufige Folge biologischer Defizite und Funktionseinschränkungen.[3] Entsprechend wird nicht nach gesellschaftlichen, sondern nach individuellen medizinisch-technischen Lösungen des "Problems" gesucht. Der medikalisierte Blick auf Behinderung ging auch mit einem starken Druck zur medizinischen Normalisierung "besonderer" Körper einher, wie etwa durch die Berichte der sogenannten Contergan-Kinder deutlich wird, die zwischen 1958 und 1962 mit Fehlbildungen zur Welt kamen, die durch den Wirkstoff Thalidomid hervorgerufen worden waren.[4]

Auch in der Sonderpädagogik, deren Einfluss mit dem Ausbau der verschiedenen Sondereinrichtungen erheblich zugenommen hatte,[5] herrschte die medizinisch-funktionell orientierte, naturalisierende Sichtweise von Behinderung vor. Behinderte Kinder und Jugendliche wurden vorrangig im Hinblick auf ihre "biologischen Defekte" betrachtet, die es zu beheben beziehungsweise zu normalisieren galt. Zwar setzte in Teilen der Sonderpädagogik und der Behindertenhilfe bereits in den 1970er Jahren ein Umdenken ein, das zur Zurückweisung der defektorientierten individualisierenden Denkmuster führte und gesellschaftliche Aspekte in den Fokus rückte. Vor diesem Hintergrund wurden in den 1970er Jahren Definitionen entwickelt, die Behinderung nicht als schicksalshaften Defekt und naturhaftes Phänomen, sondern als soziale Kategorie fassten.[6] Bis diese veränderte Sichtweise auf Behinderung in der Sonderpädagogik anerkannt und in den vielen Sondereinrichtungen für behinderte Menschen umgesetzt wurde, musste jedoch noch viel Zeit vergehen – in manchen Köpfen und Einrichtungen hat dies bis heute nicht stattgefunden.

Politisierungen

Die 1960er Jahre standen im Zeichen der sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen, deren Ziele "die Einforderung von Partizipation und Anerkennung als Bürger" waren.[7] Dieser gesellschaftliche Aufbruch, der mit dem Infragestellen hierarchischer Beziehungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen einherging, erreichte auch junge behinderte Menschen, die es trotz der widrigen Bedingungen geschafft hatten, sich Freiräume zu erkämpfen. Sie gründeten "Clubs", in denen sich auch nichtbehinderte Gleichaltrige einbringen konnten. Ziel dieser Gruppen war vor allem eine "altersgerechte Freizeitgestaltung".[8] Da diese jedoch aufgrund der zahlreichen Barrieren nur sehr eingeschränkt möglich war, begannen sich viele dieser Gruppen in die Lokalpolitik einzumischen und für den Abbau der Barrieren zu kämpfen. Die Clubs, die sich bald "Clubs Behinderter und ihrer Freunde" (CeBeeF) nannten, schlossen sich im Oktober 1971 zu einer Bundesarbeitsgemeinschaft zusammen, deren Ziel es war, auf Bundesebene "die eigenen Vorstellungen partnerschaftlichen Miteinanders vorzuleben und für sie zu werben".[9]

Eine weitere Form der frühen Politisierung waren die ab 1973 von dem nichtbehinderten Publizisten Ernst Klee und Gusti Steiner, einem Rollstuhlfahrer, geleiteten Volkshochschulkurse "Bewältigung der Umwelt" in Frankfurt am Main. Ziel der Kurse war, in der Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Menschen die nichtbehinderten für die Lebenssituation behinderter Menschen zu sensibilisieren und die Emanzipation behinderter Menschen voranzubringen. Überregional bekannt wurden diese Kurse durch ihre öffentlichkeitswirksamen Aktionen, mit denen sie auf Teilhabe verhindernde Barrieren hinwiesen. Auf Initiative des Volkshochschulkurses wurde in den Jahren 1978 bis 1980 jeweils die "Goldene Krücke" an Einzelpersonen oder Organisationen verliehen, die "sich als besonders behindertenfeindlich ausgezeichnet und damit die Integration Behinderter nachhaltig erschwert" hatten.[10]

Die zunehmende Politisierung ging einher mit der Erkenntnis, dass das vorherrschende Bild von Behinderung einer umfassenden Gleichstellung und Teilhabe behinderter Menschen entgegenstand. Gleichzeitig realisierten die Beteiligten, dass nicht ihre jeweilige biologische Ausstattung die Ursache von Behinderung war, sondern die gesellschaftliche Ausschlussreaktion darauf. Gusti Steiner formulierte 1983: "Wir müssen (…) unsere Lebenssituation als politisch verursacht begreifen, in politischen Dimensionen denken und handeln, damit Veränderung hin zu einer Gesellschaft, in der alle leben können, platzgreifen kann."[11] Dies bedeutete auch, die Macht der nichtbehinderten Expert_innen und Funktionär_innen anzuprangern, die die Fremdbestimmung behinderter Menschen aufrechterhielten und deren "Expertise" dafür sorgte, dass sie Objekte von Fürsorge, Mitleid und Verwaltung blieben und nicht Subjekte mit Bürger_innenrechten waren.

Die radikalste Position von allen am Entstehen der Behindertenbewegung beteiligten Gruppen vertraten die Ende der 1970er Jahre um Franz Christoph und Horst Frehe in verschiedenen Städten gegründeten "Krüppelgruppen". Nichtbehinderte Menschen waren von der Teilnahme ausgeschlossen, und der Name war eine bewusste Provokation: "Immer wieder werden wir danach gefragt, warum wir uns als Krüppel bezeichnen. (…) Der Begriff Behinderung verschleiert für uns die wahren gesellschaftlichen Zustände, während der Name Krüppel die Distanz zwischen uns und den sogenannten Nichtbehinderten klarer aufzeigt. (…) Ehrlicher erscheint uns daher der Begriff Krüppel, hinter dem die Nichtbehinderten sich mit ihrer Scheinintegration (‚Behinderte sind ja auch Menschen‘) nicht so gut verstecken können."[12] Fremdbestimmung und Bevormundung seien das Ergebnis der Unterdrückung behinderter durch nichtbehinderte Menschen, weshalb diesen die Teilnahme verwehrt werde.

Theoretische Grundlage der Krüppelgruppen bildete der auf Franz Christoph zurückgehende "Krüppelstandpunkt", der in klarer Opposition zum vorherrschenden paternalistischen Denken über behinderte Menschen stand. Er wendete "sich gegen die Professionellen und Pädagogen, gegen die Macht der Helfer, die bevormunden und unterdrücken, gegen die Wohltäter und ihr verachtungsvolles Mitleid. (…) Nicht wir als Behinderte, als Randgruppe, sind das Problem, sondern die Gesellschaft, in der wir leben, und die Nichtbehinderten, die Schwierigkeiten mit uns haben (…). Wir wollen ‚Krüppel‘ sein: stolz auf unsere Besonderheit, frech und kämpfend, lieber lebendig als ‚normal!‘"Gefordert wurde die Veränderung des Blickes auf und die Bewertung von Behinderung sowie die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: "Unser Ziel ist es, Behinderung als Lebensform anzuerkennen und wertzuschätzen. Ebenso werden radikale Veränderungen der Lebensumstände eingefordert, als selbstverständliches Recht und nicht als Almosen."[13]

Die Krüppelgruppen äußerten fundamentale Kritik an den konservativen Behinderungsfachleuten, doch auch die fortschrittlicheren kamen nicht ungeschoren davon: Zwar hätten diese mit der Abkehr vom medizinischen Modell und der Anerkennung von Behinderung als sozialer Kategorie "einen entscheidenden Schritt vom rein medizinischen Defektdenken" vollzogen. Dennoch gelinge "es Ihnen nicht, Behinderung als Herrschaftsverhältnis zwischen zwei konkreten Personengruppen zu begreifen!"[14] Dieser kompromisslose Konfrontationskurs Nichtbehinderten und insbesondere nichtbehinderten Fachleuten gegenüber wurde von vielen, die sich in dieser Zeit für die Teilhabe behinderter Menschen einsetzten, abgelehnt.[15] Grundsätzlich geteilt wurde jedoch das Infragestellen des alten, auf individuellem Leid beruhenden Behinderungsbegriffs. "Der Widerstand gegen das medizinische Behinderungsverständnis und der Politische Kampf für ein Verständnis von der gesellschaftlichen Verursachung von Behinderung wurden zum wichtigsten Grundprinzip der Politischen Behindertenbewegung."[16]

Fußnoten

1.
Vgl. Erving Goffman, Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt/M. 1973.
2.
Vgl. Bundestagsdrucksache 7/4200, 25.11.1975.
3.
Vgl. Markus Dederich, Behinderung als sozial- und kulturwissenschaftliche Kategorie, in: ders./Wolfgang Jantzen (Hrsg.), Behinderung und Anerkennung, Stuttgart 2009, S. 15–39, hier S. 16.
4.
Vgl. Walburga Freitag, Contergan. Eine genealogische Studie des Zusammenhangs wissenschaftlicher Diskurse und biographischer Erfahrungen, Münster u.a. 2005.
5.
Vgl. Christian Mürner/Udo Sierck, Krüppelzeitung: Brisanz der Behindertenbewegung, Neu-Ulm 2009, S. 11.
6.
Vgl. Wolfgang Jantzen, Sozialisation und Behinderung. Studien zu sozialwissenschaftlichen Grundfragen der Behindertenpädagogik, Gießen 1974, S. 21f.
7.
Jan Stoll, Behinderte Anerkennung? Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderungen in Westdeutschland seit 1945, Frankfurt/M.–New York 2017, S. 208.
8.
Ebd., S. 214.
9.
Ebd., S. 219.
10.
Birgit Rothenberg, Das Selbstbestimmt Leben-Prinzip und seine Bedeutung für das Hochschulstudium, Bad Heilbrunn 2012, S. 29.
11.
Siehe auch Gusti Steiner, Wie alles anfing – Konsequenzen politischer Behindertenselbsthilfe, 2003, http://www.forsea.de/content-363-.html«.
12.
O.A., Warum Krüppel?, in: Krüppelzeitung 1/82, S. 2.
13.
Anne Waldschmidt, "Zur Norm verpflichtet". Die Kritik der Krüppelinitiativen an der humangenetischen Beratung, in: Eva Schindele, Gläserne Gebärmütter. Vorgeburtliche Diagnostik – Fluch oder Segen, Frankfurt/M. 1990, S. 219–238, hier S. 221.
14.
Horst Frehe, Beraten und Benutzen, in: Psychologie & Gesellschaftskritik 3/1980, S. 43ff., hier S. 44.
15.
Vgl. Fredi Saal, Zurück in die Isolation? Zur Diskussion um das Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten, in: Karl-Ludwig Holtz (Hrsg.), War’s das? Eine Bilanz zum Jahr der Behinderten, Heidelberg 1982, S. 177–189.
16.
Rothenberg (Anm. 10), S. 27.
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Autor: Swantje Köbsell für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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