Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Paddy Ladd

Die politische Situation von Gebärdensprachgemeinschaften - Essay

Kulturelle Bewusstseinsebenen

Trotz weitreichender Kritik am Audismus ist bisher nicht versucht worden, einen Bezug zwischen kultureller Wirklichkeit von gebärdensprachgemeinschaftlichem Leben und audistischen Perspektiven westlicher Gesellschaften herzustellen. Andere Gesellschaften betrachten aus religiösen oder anderweitigen kulturellen Gründen Gehörlose als negativ oder positiv. Im Folgenden soll daher ein Modell aus fünf "Ebenen" eines kulturellen Bewusstseins von Hörenden und Gehörlosen vorgestellt werden, die sich je nach Individuum und gesellschaftlicher Situation überschneiden. Beginnen wir zunächst mit den Gehörlosen.

Auf der ersten Ebene, der medizinischen Ebene, befinden sich Personen, die erst im späteren Verlauf ihres Lebens ertaubt sind, mit einer geringen Hörschwäche geboren oder unter dem Druck des Oralismus integriert wurden, sich selbst in erster Linie als hörgeschädigt wahrnehmen und kaum Kontakt untereinander haben. Viele von ihnen betrachten sich möglicherweise nicht einmal als behindert.

Die zweite Ebene, die soziale Wohlfahrtsebene, spiegelt das "soziale Wohlfahrtsmodell" der Gehörlosigkeit wider, in dem sich Mitglieder von SLPs einerseits als Gemeinschaft, andererseits aber durch verinnerlichten Oralismus und Audismus als Empfänger von Fürsorgeleistungen betrachten.

Die dritte Ebene, die Menschenrechtsebene, ist insofern nah am sozialen Modell von Behinderung, als Menschenrechte im Sinne individueller Zugangsvoraussetzungen zur Gesellschaft eingefordert werden.

Auf der vierten Ebene, der Sprachminderheitsebene, befinden sich diejenigen, die sich aufgrund ihrer Sprache und weniger in biologischer Hinsicht als unterdrückt wahrnehmen und sich daher für Zweisprachigkeit in der Gehörlosenbildung und in anderen Bereichen einsetzen.

Auf der fünften Ebene, der kultursprachlichen Ebene, wird über Gebärdensprachen hinaus gedacht: Der Stellenwert von Gehörlosenkulturen, -geschichten, -kunstformen sowie von der Vielfalt der Gemeinschaft ist mit Blick auf ihre gesellschaftliche Anerkennung hoch. Dieser Kulturstolz sorgt für eine offene Freude bei der Geburt von gehörlosen Kindern. Im Verständnis von Parallelen zu indigenen und anderen Minderheitskulturen wird Gehörlosenpädagogik, die auf gehörlosenkulturellem Wissen basiert, als Grundlage für ein genuin auf das gehörlose Kind zugeschnittenes Bildungssystem gesehen.

Nachdem über 130 Jahre Oralismus und Audismus die Identität von Gehörlosen und ihren Glauben an sich selbst grundlegend geschädigt haben, ist das kulturelle Bewusstsein vieler Mitglieder von SLPs auf der ersten und zweiten Ebene zu verorten. Einige haben das Bewusstsein der dritten Ebene gewonnen, sehen aber nur geringe Perspektiven für ihre Sprachen und Kulturen. Eine kleine Zahl von vorwiegend im gebärdensprachlichen Kontext beruflich Tätigen hat die vierte Ebene erreicht, und eine noch kleinere, wenngleich stetig wachsende Gruppe hat erkannt, dass sie als Gemeinschaften mit spezifischen kollektiven Kulturen und Geschichten wahrgenommen werden sollten. Setzen wir diese Bewusstseinsebenen in Bezug zur Wahrnehmung von SLPs durch die Mehrheitsgesellschaft.

Auf der ersten Ebene befinden sich Defizitdiskurse von Angehörigen medizinischer Berufe, Oralisten und oralistisch geprägten Eltern von gehörlosen Kindern sowie (natur)wissenschaftlich begründete Diskurse, in denen sich die Auffassung spiegelt, dass "hörgeschädigte Individuen" entweder "repariert" oder "geheilt" werden müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden.

Auf der zweiten Ebene werden Gehörlose mitunter zwar als Gruppe wahrgenommen, dann aber als defizitäre, deren "Bedürfnisse" durch Fürsorge und Wohlfahrt erfüllt werden müssen. Allgemein wird ihnen kaum zugetraut, irgendetwas von Bedeutung erreichen zu können.

Die dritte Ebene spiegelt zugleich Wahrnehmungen des sozialen Modells wider und klassifiziert Gehörlose als Gruppe. Man ist sich der Existenz von Gebärdensprachen bewusst, hat aber keine oder nur eine rudimentäre Vorstellung davon, was dies für Gehörlosengemeinschaften mit ihren eigenen Geschichten und Kulturen bedeutet.

Die Bewusstseinsebenen nahezu aller Mehrheitsgesellschaften befinden sich auf diesen drei Ebenen. Eine geringe Zahl Hörender befindet sich auf der vierten Ebene, meist jene, die eine Gebärdensprache erlernt oder mit Deaf Studies in Berührung gekommen sind. Diese Personen wissen, dass SLPs Sprachminderheiten sind, haben aber nur wenige Kenntnisse über die kulturellen Dimensionen des gebärdensprachgemeinschaftlichen Lebens.

Um dahingehend politische Veränderungen zu bewirken, müssen Gesellschaften und ihre politischen Entscheidungsträger akzeptieren, dass ihre Perspektiven durch eigene kulturelle Annahmen und Werte bestimmt und begrenzt sind, und zugleich bereit sein, ihr Bewusstsein durch ein wachsendes Verständnis der gesellschaftlichen und sprachlichen Realitäten von Gebärdensprachgemeinschaften zu erweitern.

Ausblick

Den Beginn des 21. Jahrhundert prägen drei politische Entwicklungen. Zum einen bleiben die Erfolge der weltweiten Kampagnen zur vollen Anerkennung der Gebärdensprachen begrenzt. Zwar erkennen 33 Länder derzeit Gebärdensprachen nominell an.[21] Dies beschränkt sich vielfach aber auf eine rein symbolische Erklärung oder bleibt einem Ansatz verhaftet, der mit einem verstärkten Angebot von Gebärdensprachdolmetschern und Gebärdensprachkursen für Hörende nicht weit über das soziale Modell von Behinderung hinausweist. Im politischen Raum dominieren offenbar die ersten Bewusstseinsebenen.

Zum anderen wurde 2006 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) verabschiedet. An ihrem Entwurf waren der WFD als zentrale Vertretung der Gebärdensprachgemeinschaften beteiligt, und es gelang, die Begriffe "Gebärdensprachen" und "Gehörlosenkultur" in einigen Abschnitten aufzunehmen. Allerdings wird im zentralen Passus zum Thema Bildung, in Artikel 24, einzig Inklusion als politisch zu fördernder Ansatz festgeschrieben. Die UN-BRK ist somit ein Produkt der dritten Bewusstseinsebene und offenbart das mangelnde Verständnis dafür, was die Existenz von Gebärdenspachgemeinschaften und -kulturen bedeutet und welche Relevanz in diesem Zusammenhang Gehörlosenschulen zukommt.

Ferner macht die mit Millionen geförderte Gentechnik rapide Fortschritte, während die damit einhergehenden ethischen Fragen und Implikationen gesellschaftspolitisch nur minimal diskutiert werden. Das führt für Minderheiten wie Gebärdensprachgemeinschaften zu akuten Problemen, zumal die Identifizierung von "Taubheitsgenen" zu den Prioritäten der Gentechnik gehört. Diese Entwicklung birgt die Gefahr, Diskurse auf der dritten, vierten und fünften Bewusstseinsebene wieder hinunterzuziehen, und ermöglicht eine Rückkehr zum Sozialdarwinismus und neue Formen der Eugenik, die "nicht länger eine Regulierung von Leben im Nachhinein, sondern vielmehr im Vorgriff auf ungeborenes Leben" betreibt.[22] Zugleich werden hier die Grenzen der UN-BRK deutlich, deren Artikel 10 keine eindeutige Aussage über den genetischen Schutz von Ungeborenen enthält.

Diesem Druck zu widerstehen, fordert immense Kraft von den Gehörlosengemeinschaften, deren Ressourcen bereits stark strapaziert sind. Mangelhafte Bildung über Generationen hinweg hat zu einem Mangel an gehörlosen Führungspersönlichkeiten geführt, die gleichzeitig für die 80 Prozent der gehörlosen Kinder kämpfen, die weltweit überhaupt keine Bildung erhalten. Gleichwohl treiben neue Generationen gehörloser wie hörender Wissenschaftler und Organisationen die Entwicklung neuer Strategien voran.[23]

So bleiben im Lichte des einzigartigen Status der Gebärdensprachkulturen die Gesellschaften aufgefordert, den eigenen Audismus zu hinterfragen. Sollte einem (natur)wissenschaftlichen Materialismus erlaubt sein, in kulturelle Bereiche einzugreifen? Wie könnten die weitreichenden gesellschaftlichen Vorteile von Deaf-Gain und Deafhood verstanden werden und eine Wertschätzung erfahren, bevor Eugenik eingreift? Und könnten die SLPs sich vor dem Hintergrund ihrer langen Geschichte des Widerstands nicht tatsächlich als die Kanarienvögel in den Kohlebergwerken der Gesellschaften erweisen: als kulturelle Gemeinschaften, die nicht nur positive Diversität beweisen, sondern auch vor zukünftigen Gefahren warnen?

Übersetzung aus dem Englischen: Kirsten E. Lehmann, Köln.

Fußnoten

21.
Vgl. Maartje de Meulder/Joseph J. Murray, The Recognition of Sign Languages and the Aspirations of Deaf Communities, in: Language Problems & Language Planning 2/2017, S. 136–158.
22.
Guenther Witzany, No Time to Waste on the Road to a Liberal Eugenics?, 5.2.2016, http://embor.embopress.org/content/17/3/281«.
23.
Vgl. etwa Ladd (Anm. 3); Tove Skutnabb-Kangas, Implication of Deaf Gain, in: Bauman/Murray (Anm. 16), S. 492–502.
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