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Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Sharon Golan Yaron

Nur Bauhaus? Zur Moderne in Tel Aviv

Gebauter Idealismus

Tel Aviv wurde überwiegend von einer Gruppe junger Architekten gestaltet, die Palästina zuvor für ihre Ausbildung verlassen hatten. Sie hatten in Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien oder Russland in den Werkstätten der berühmtesten Architekten der Avantgarde gelernt. Arieh Sharon, Shmuel Mestechkin, Shlomo Bernstein, Munio Gitai Weinraub und Chanan Frenkel gingen im Bauhaus in die Lehre, Joseph Neufeld studierte in Rom, Bruno Taut in Moskau, Zeev Rechter bei Erich Mendelsohn in Berlin, Samuel Barkai bei Le Corbusier in Paris. Dov Karmi, Benjamin Ankstein, Genia Awerbuch und zahlreiche andere erlernten ihr Handwerk in Rom, Gent, Venedig oder Neapel, später auch in Wien und Paris. Viele von ihnen wurden bedeutende Architekten im späteren Staat Israel. Angetrieben wurden sie von ihren durch die Moderne geprägten Anschauungen des damals herrschenden Zeitgeistes, und sie einte der Wunsch, ihre Überzeugungen in dem neugegründeten Staat in Beton zu fassen.

Einige von ihnen bildeten unter dem Namen "Chug" (die hebräische Übersetzung der Berliner Architektenvereinigung "Der Ring") eine Art "urbane Denkfabrik". Es war diese Gruppe junger Visionäre, die durch die Schaffung einer einheitlichen, einfachen Architektursprache und die Erfüllung bestimmter stilistischer und ideologischer Kriterien versuchte, Probleme der zionistischen Bewegung zu beheben. Der neue Baustil sollte die kulturellen Unterschiede aller nach Palästina eingewanderten Juden überbrücken; der Aufbau der Moderne sollte der Aufbau des Landes sein: Wer ein entsprechendes Haus baute oder in einer entsprechenden Wohnung lebte, galt in jeder Hinsicht als Gleicher unter Gleichen. Während die Moderne auf diese Weise in Palästina neuen Schwung erhielt, wurde das sogenannte Neue Bauen in Deutschland als "jüdisch-bolschewistisch" beziehungsweise "semitisch-orientalisch" diffamiert – wie etwa im Falle der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, die als "Araberdorf" geschmäht wurde.

Um Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, gab der Chug unter anderem eine Zeitschrift namens "Habinyan Bamizrach Hakarov" ("Das Bauen im Nahen Osten") heraus und richtete Architekturwettbewerbe aus. Dabei konnten innovative Ideen gefördert werden wie etwa das Bauen auf Pilotis: Diese offenen Pfeilerkonstruktionen erlauben zum einen, dass die Meeresbrise ungehindert – beziehungsweise unter den Häusern hindurch – durch die Straßen zirkulieren kann, zum anderen werden die Gebäude durch begrünte Durchgänge subtil mit der Straße verbunden. Tatsächlich gelang es dem Chug, die Ästhetik des Jischuw – jener Gemeinschaft zionistischer Juden, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Palästina niedergelassen hatten – zu verändern: Die zionistische Bewegung eignete sich die moderne Architektur an, die Bauten wurden zum architektonischen Ausdruck des Wunsches, eine neue nationale Identität zu schaffen. Die Moderne in Tel Aviv wurde zu einem Symbol der Geburt der neuen hebräischen Nation.

Transfers

Dabei schadete nicht, dass es der einheitliche und relativ nüchterne moderne Stil erleichterte, den vielen Tausend jüdischen Flüchtlingen, die in den 1930er Jahren nach Palästina einwanderten, ein Dach über dem Kopf zu geben. Häuser mit Stahlbetonrahmen zu errichten, erforderte weniger Zeit und Mittel als der bis dahin vorherrschende eklektische Stil mit seinen tragenden Wänden und üppigen Verzierungen. Die von den Architekten der Avantgarde in Europa entwickelten Lösungen und Baukonzepte erwiesen sich als zweckmäßig für Palästina und wurden bereitwillig übernommen.

Das wichtigste Baumaterial, Kalkstein, war problemlos vor Ort zu gewinnen und erforderte keine besonderen handwerklichen Kenntnisse. Die moderne Bauweise ermöglichte größere Wanddurchbrüche, weit auskragende Balkone und flexible Innenräume. Terrazzo konnte mit lokalen und importierten Steinen gegossen werden, Gips wurde unter Verwendung verschiedener Verfahren mit den neuesten aus Deutschland importierten Techniken hergestellt. Die Nachahmung von Steinoptiken durch die Mischung von Mineralien wie Kalk und Weißzement mit unterschiedlich großen Kieseln verlieh den Fassaden ein dreidimensionales Erscheinungsbild und erwies sich zudem als besonders widerstandsfähig.

Ein deutscher Ingenieur namens Emanuel Teiner reiste sogar eigens nach Palästina, um dort Bauarbeiter zu schulen und ihnen die Herstellung diverser in Deutschland geläufiger Putzmörtel beizubringen. Bestes Beispiel für den enormen Einfluss der deutschen Bautechniken auf das Land ist die Tatsache, dass die Namen dieser Techniken bis heute von israelischen Arbeitern verwendet werden: von "Waschputz", "Kratzputz" und "Steinputz" über "Oberkante" und "Unterkante" bis zu "Sockel" und "Stecker".

Aus Deutschland wurde jedoch nicht nur Know-how importiert. 1933 handelte die Zionistische Vereinigung für Deutschland mit dem deutschen Reichswirtschaftsministerium das sogenannte Haavara-Transferabkommen aus. Dieses ermöglichte es "ausreisewilligen" Juden, denen ansonsten der Zugriff auf ihr Barvermögen verweigert wurde, einen Teil ihres Vermögens nach Palästina zu transferieren. Dafür zahlten sie ihr Geld bei einer Transferbank ein, für das anschließend über das in Tel Aviv ansässige Treuhand-Unternehmen Haavara Maschinen, Baumaterialien und andere Waren aus Deutschland eingekauft und in Palästina veräußert wurden. Dort angekommen, wurde den Auswanderern der Erlös abzüglich angefallener Kosten ausgezahlt. Während das NS-Regime die Emigration von Juden als Glücksfall betrachtete und sich angesichts internationaler Wirtschaftsboykotte von dem Abkommen die Einnahme von Devisen erhoffte, gelang bis zum Kriegsbeginn 1939 mehr als 50000 deutschen Juden auf diese Weise die Ausreise und damit die Flucht vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager.[2]

Ein großer Teil der durch das Abkommen nach Palästina eingeführten Waren wurde beim Aufbau der Weißen Stadt verwendet, etwa Fliesen, Glasfenster, Klinken, Armaturen sowie Metall und Beton. Aus Sehnsucht nach dem europäischen Lebensstil, in dem sie verwurzelt waren, verwendeten viele Einwanderer diese Materialien – nicht zuletzt auch, um zu demonstrieren, dass sie über neuesten Trends architektonischer Gestaltung im Bilde waren.

Fußnoten

2.
Vgl. hierzu Axel Meier, Das Haavara-Transfer-Abkommen, 18.11.2014, http://www.bpb.de/195259« (Anm. d. Red.).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sharon Golan Yaron für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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