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22.8.2005 | Von:
Ulrich Beck

Europäisierung - Soziologie für das 21. Jahrhundert

Kritik des "methodologischen Nationalismus"

Der Aufstieg der Soziologie fiel mit dem Aufstieg des Nationalstaates, des Systems internationaler Politik und des Nationalismus zusammen. Allein aus dieser historischen Eingebundenheit ergibt sich die Axiomatik des "methodologischen Nationalismus", nach der Nation, Staat, Gesellschaft die "natürlichen" sozialen und politischen Formen der modernen Welt sind.[1] Danach muss Europa im Plural der Gesellschaften, also additiv begriffen werden. Die Gesellschaft Europas fällt zusammen mit den nationalen Gesellschaften Europas. Diese begriffliche Weichenstellung programmiert das Unverständnis, das die Soziologie Europa entgegenbringt, ja, besiegelt die Europablindheit der Soziologie. Der additive, nationale Gesellschaftsblick kann Europäisierung soziologisch bestenfalls im methodischen Vergleich der Nationalgesellschaften erfassen. Damit aber geraten die Schlüsselfragen einer makrosoziologischen Europadynamik gar nicht erst in den Blick: Wie lassen sich ein "Gesellschaftsraum" und seine Dynamik begreifen, zu dem zwar Nationalgesellschaften gehören, der jedoch nicht den nationalgesellschaftlichen Prämissen sozialer Kohäsion, kultureller Homogenität, politischer Partizipation und wohlfahrtsstaatlicher Assistenz gehorcht?[2]

Diese Frage nach einer Makrosoziologie der Europäisierung wird allerdings auch ausgeblendet, wenn man mit Niklas Luhmann den Gesellschaftsnationalismus der Soziologie kritisiert und ersetzt durch den Begriff der einen Weltgesellschaft.[3] Auch dann wird die Frage nach einer Makrosoziologie Europas mit Nein beantwortet, ohne dass sie überhaupt gestellt wurde.

Einen Ausweg eröffnet die Theorie reflexiver Modernisierung.[4] In der Tat ist die Europäisierung ein, vielleicht sogar der historische Testfall dieser Theorie, deren Grundgedanke ja keineswegs ein abrupter Bruch der Moderne ist. Behauptet wird das reflexive Zurückwirken der Folgen und Nebenfolgen sowie der Nebenfolgen der Nebenfolgen der Moderne auf sich selbst. Aber es geht primär darum, ob die etablierten Unterscheidungen und Theorien, die allesamt aus dem Blickwinkel von gestern die Perspektive von morgen zu umschreiben versuchen, überhaupt in der Lage sind, die Möglichkeit eines historischen Wandels zuzulassen.

Die institutionelle Handlungslogik der ersten nationalstaatlichen Moderne, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert herausbildete, war am Prinzip des Entweder-oder orientiert: entweder Wir oder die Anderen, Natur oder Gesellschaft, Organisation oder Markt, Krieg oder Frieden und (auf unser Thema bezogen) entweder viele Nationalgesellschaften oder eine europäische Gesellschaft, entweder Bundesstaat (Föderalismus) oder Staatenbund (Intergouvernementalismus). Im Übergang zur reflexiven Moderne hingegen wird das Prinzip des Entweder-oder überlagert und zunehmend abgelöst durch das Prinzip des Sowohl-als-auch: nicht länger Inländer oder Ausländer, Innen oder Außen, Krieg oder Frieden, sondern sowohl Ausländer als auch Inländer, sowohl Innen als auch Außen, sowohl Krieg als auch Frieden und wiederum auf unser Thema bezogen: sowohl Europäisierung als auch Nationalgesellschaften, und zwar nicht selten zur selben Zeit und am gleichen Ort.

Jenseits der Entweder-oder-Logik bietet die Theorie reflexiver Modernisierung Beschreibungen für die Komplexität Grenzen übergreifender Prozesse der Europäisierung an, in der die relative Eigenständigkeit der beteiligten Länder und Staaten gewahrt, gleichwohl aber ihre gegenseitige Abstimmung und Verflechtung vorangetrieben wird. Das erfordert für strukturelle Arrangements eine delikate Balance von Abschottung und Annäherung, eine Stabilisierung der widersprüchlichen Imperative von Entgrenzung und Begrenzung, kurz, eine Institutionalisierung von einerseits-andererseits.

Entsprechend muss die empirische Makrosoziologie der Europäisierung im Sinne der Theorie reflexiver Modernisierung das begriffliche Instrumentarium der Soziologie experimentell öffnen, neue kategoriale Schneidungen ausprobieren. In Das kosmopolitische Europa[5] schlagen Edgar Grande und ich Alternativen einer postnationalen, entstaatlichten Gesellschaftstheorie der Europäisierung in experimenteller, kosmopolitischer Absicht vor: - Europäische Gesellschaft als horizontale Verflechtung nationaler Gesellschaften; - Europäische Gesellschaft als Ländermobilität; - Europäische Gesellschaft als Zivilisation multipler Modernen; - Europäische Gesellschaft als transnationaler Gedächtnisraum; - Europäische Gesellschaft als Meta-Machtspiel; - Europäische Gesellschaft als regionale Weltrisikogesellschaft; und - Europäische Gesellschaft als transnationale Ungleichheitsdynamik.

Ich kann im Folgenden nur die letzten zwei Alternativen kurz aufgreifen und daraus abschließend die Ausgangsfrage wieder aufnehmend einige Schlussfolgerungen für eine kosmopolitische Soziologie für das 21. Jahrhundert ziehen.


Fußnoten

1.
Diese Kritik des methodologischen Nationalismus darf nicht verwechselt werden mit der Kritik des Eurozentrismus, der seit drei Jahrzehnten die Sozialwissenschaften beschäftigt. Zwar gibt es Überschneidungszonen, aber der methodologische Nationalismus ist oft auch zum unreflektierten Bestandteil der Sozialwissenschaften in außereuropäischen Kontexten und Ländern geworden, die das Prinzip nationalstaatlicher Souveränität auch als Denkprinzip gegen post-kolonialen Imperialismus verteidigen.
2.
Vgl. Maurizio Bach, Die Europäisierung der nationalen Gesellschaft?, in: ders. (Hrsg.), Die Europäisierung nationaler Gesellschaften, Köln 2000.
3.
Vgl. Niklas Luhmann, Weltgesellschaft, in: ders., Soziologische Aufklärung 2, Opladen 1975, S. 53ff.
4.
Vgl. Ulrich Beck, Die Erfindung des Politischen, Frankfurt/M. 1993; ders./Wolfgang Bonß (Hrsg.), Die Modernisierung der Moderne, Frankfurt/M. 2001; Ulrich Beck/Anthony Giddens/Scott Lash, Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse, Frankfurt/M. 1996; Ulrich Beck/Edgar Grande, Das kosmopolitische Europa, Frankfurt/M. 2004; Ulrich Beck/Christoph Lau (Hrsg.), Entgrenzung und Entscheidung, Frankfurt/M. 2004.
5.
U. Beck/E. Grande (Anm. 4).