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22.8.2005 | Von:
Ulrich Beck

Europäisierung - Soziologie für das 21. Jahrhundert

Europäische Gesellschaft als regionale Weltrisikogesellschaft

Die Frage nach der Makrosoziologie der Europäisierung birgt die Gefahr, dass die Fehler des methodologischen Nationalismus auf der europäischen Ebene wiederholt werden: in Gestalt eines "methodologischen Europäismus". Um dem entgegenzuwirken, darf Europäisierung nicht nur endogen, sie muss auch exogen im weltgesellschaftlichen Bezugsrahmen begrifflich bestimmt und analysiert werden. Auch dazu hier nur wenige skizzenhafte Bemerkungen.

Die Moderne erfährt sich als riskant in dem Sinne, dass sie mit ihren Erfolgen die Möglichkeit der Selbstzerstörung heraufbeschworen hat. Doch eine solche Perspektive reflexiver Modernisierung bedarf einer kosmopolitischen Öffnung, je nachdem, ob die Gefährdungen der Modernisierung als die Nebenfolgen "eigener" oder "fremder" Entscheidungen wahrgenommen werden. Die Ungleichheitsdynamik der "Weltrisikogesellschaft" lässt sich in diesem Sinne entlang der Unterscheidung von Selbstgefährdung und Fremdgefährdung entschlüsseln.[7] Grob vereinfacht gesprochen heißt dies: Europäisierung meint Selbstgefährdung, während die Möglichkeiten der Selbstzerstörung der Moderne in der Dritten Welt primär als Fremdgefährdung wahrgenommen werden. Anders als in der Dependenztheorie oder der World System Theory weist die Theorie reflexiver Modernisierung darauf hin: Ungleich betroffen sind die verschiedenen Weltregionen nicht nur durch die Folgen gescheiterter, sondern auch durch die Folgen erfolgreicher Modernisierungsprozesse.

Die großen Konfliktlinien während des Kalten Krieges waren offen politische und gewannen ihre Brisanz aus nationalen und internationalen Sicherheitsfragen. Die geopolitischen Konfliktlinien in der Weltrisikogesellschaft verlaufen zwischen den verschiedenen Risikokulturen. So kristallisieren sich unter der Signatur der Risikowahrnehmung geopolitische Konfliktlinien zwischen Regionen heraus, die das Terrain der Weltrisikogesellschaft mit sehr unterschiedlichen historischen Lagen, Erfahrungen und Erwartungen betreten.

Ein herausragendes Beispiel dafür sind die gegensätzlichen Vorstellungen von Dringlichkeit, die in Europa und den USA einerseits den Gefahren der Klimaveränderung, andererseits dem transnationalen Terrorismus zugesprochen wird. Die kulturellen Wahrnehmungen von globalen Bedrohungen driften zwischen Europa und Amerika nicht nur weit auseinander, sondern weil sie weit auseinander driften, leben Europäer und Amerikaner in verschiedenen Welten. Während die Europäer in den Augen der Amerikaner an einer Umwelthysterie leiden, sehen viele Europäer die US-Amerikaner von einer Terrorismushysterie befallen. Das Auseinanderdriften der transatlantischen Risikokulturen droht zu einem Kulturbruch zwischen den USA und Europa zu führen: Kulturelle Wahrnehmungsdifferenzen erzeugen einen (um Huntington abzuwandeln) clash of risk cultures. Man glaubt an die laufende Klimakatastrophe oder an die mögliche Allpräsenz von Selbstmord-Terrorattentaten.

Man täusche sich nicht: Es geht bei der Wahl zwischen Risiken nicht nur um die Wahl zwischen Risiken, sondern um die Wahl zwischen zwei Visionen der Welt. Es geht darum, wer schuldig und wer unschuldig ist, wer aufsteigt und wer fällt - das Militär oder die Menschenrechte, die Logik des Krieges oder die Logik der Verträge.


Fußnoten

7.
Vgl. Ulrich Beck, World Risk Society, Cambridge 1999.