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22.8.2005 | Von:
Sascha Liebermann

Soziologie - Gegenwart und Zukunft einer Wissenschaft

Wissenschaft durch Kritik

Zum Kern von Wissenschaft gehört Kritik, die keine Tabus kennt. Sie ist der Lebensquell einer jeden Wissenschaft. Es gilt, Schlussfolgerungen transparent zu machen sowie plausible Argumente auf ihre Geltungsbasis hin zu überprüfen. Kritik erfordert und ermöglicht, Distanz zu praktischen Urteilen und Vorlieben zu nehmen, zu lieb gewonnenen Thesen.

Kritik ist kein Privileg der Soziologie oder der Geisteswissenschaften,[4] sondern macht jede Wissenschaft im Innersten aus. Wissenschaft tritt immer mit Verallgemeinerungsanspruch auf, interessiert sich in erster Linie für das Allgemeine, das sie auch im Besonderen sucht. Aber jedes Besondere, das die Geltung des Allgemeinen in Frage stellt, reicht aus, um eine Theorie zum Einsturz zu bringen. Wir können im strengen Sinne sagen: Wo keine Kritik erfolgt, da ist auch keine Wissenschaft, dort erfolgt keine Überprüfung von Schlussfolgerungen und Theorien. Kritik steht also im Zentrum der Soziologie als Wissenschaft; dazu gehört sowohl die methodische Kritik von Alltagswissen, als auch die von wissenschaftlichen Annahmen, Überzeugungen und Erklärungsmodellen.

Wie ist es um diese unerlässliche Kritik bestellt? Sie sollte nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen, sondern auch auf Tagungen möglich sein. Das Zeitregime solcher Veranstaltungen ist jedoch sehr rigide. Lassen schon Vorträge von zwanzig Minuten kaum Spielraum, ein Problem angemessen darzulegen, so verhindern Diskussionszeiten von zehn, gar nur fünf Minuten eine Auseinandersetzung mit einer Forschungsfrage vollends. Dabei könnte kollegiale Kritik sich zum Wohle des Fortschritts der Wissenschaft entfalten. Sie macht es zudem auch dem interessierten Laien möglich, sich am wissenschaftlichen Streit zu beteiligen, wodurch er wie selbstverständlich auf die Logik des Arguments verpflichtet wird. Wenn die Kollegialität lebendig ist, bedarf es zur Einhaltung wissenschaftlicher Regeln auch keiner aufwendigen Kontrollen und Evaluationen.

Wird auf Tagungen diese Kultur der Kritik nicht mehr gepflegt, geraten sie in Gefahr, sich in Instrumente einer "Karrierepolitik" zu verwandeln: zur Plattform für Auftritte, um bekannt zu werden.[5] Dies hat eine gewisse Beliebigkeit befördert: Der Verpflichtung zur Kritik wird etwa mit dem Hinweis ausgewichen, man gehöre einer anderen Schule an. Die Logik des Arguments, die für die Wissenschaft der bed-rock ist - der harte Grund auf dem sie ruht und in dem sie sich entfaltet -, wird geschwächt. Doch allein diese Logik schützt vor der Abwehr von Argumenten, die mit Berufung auf Hierarchien oder Statuspositionen Fragen bereits im Keim erstickt. Nur ein ausgeführtes Argument macht seine eigene Geltungsbasis transparent, fordert dazu auf, diese zu prüfen. Wer argumentiert, macht sich angreifbar, denn er unterwirft sich einem Maßstab: der Stimmigkeit eines Arguments und seiner Angemessenheit an die Sache. Unvoreingenommene Kritik ist also das Gegenstück zur Logik des Arguments; sie fordert Argumentation ein.

Unabdingbar gehört zur Kritik auch die Aufgeschlossenheit für Vermutungen, die Bereitschaft dazu, müßig dem Erkunden des Unbekannten nachzugehen. Dort, wo ein Argument erst im Entstehen begriffen ist, muss es mäeutisch, "geburtshelferisch" also, gefördert werden. Erst so erhält es die Chance, sich zu einem tragfähigen Argument zu entwickeln, das dann wieder in der Kritik bestehen muss.


Fußnoten

4.
Dirk Kaesler erhebt nicht nur diesen Anspruch, er leitet daraus auch einen Auftrag ab, wenn er schreibt: "Diese Wissenschaft, dem Projekt Aufklärung verpflichtet, will dazu beitragen, den Menschen informierte Einsicht in ihre gesellschaftlichen Wirklichkeiten zu vermitteln und ihnen dadurch die Möglichkeit zu eröffnen, sich gegen ihre Entmündigung durch über-individuelle Zusammenhänge zu wehren." Vgl. Dirk Kaesler, Perspektiven einer zukünftigen Soziologie, in: Soziologie, 32 (2003) 3, S. 6 - 14, hier: S. 8. Den Zweck der Wissenschaft darin zu erkennen erhebt sie zu einem Helfer der Praxis, der sie so nicht sein kann. Kaesler vermengt damit die Aufgabe von Wissenschaft mit der des in die politische Öffentlichkeit hineinwirkenden Bürgers, der als Intellektueller über Gegenwart und Zukunft seines Gemeinwesens räsonniert.
5.
Folgt man den Ausführungen von Jo Reichertz, wonach eine "Karrierepolitik" in Zukunft von immer größerer Bedeutung für das Fortkommen des Wissenschaftlers sein werde, so bleibt nur die Schlussfolgerung, das Ideal der Wahrheitssuche in der Logik des besseren Arguments aufzugeben. Mit dieser Behauptung wird aus der Not einer Selbstinszenierung zu Karrierezwecken eine Tugend gemacht - eine solche Position zieht sich selbst den Boden unter den Füßen weg; vgl. J. Reichertz, An die Spitze. Neue Mikropolitiken der universitären Karriereplanung von Sozialwissenschaftlern/innen, in: Forum Qualitative Sozialforschung, 5 (2004) 2, (http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2 - 04/2 - 04reichertz-d.htm).