APUZ Dossier Bild

22.8.2005 | Von:
Sascha Liebermann

Soziologie - Gegenwart und Zukunft einer Wissenschaft

Studium als Krise, Lehre als ihre Ermöglichung

Das Studium einer Wissenschaft ist grundlegend krisenhaft, da die Bereitschaft zur Infragestellung bewährter Überzeugungen erworben werden muss. Die Routinen der Praxis, selbstverständliche Deutungen der Welt auf Distanz zu bringen und ihre Strukturlogik zu rekonstruieren, ist mühselig. Am Ende des Studiums müssen die Studenten als Soziologen in der Lage sein, diese Haltung wie selbstverständlich einzunehmen, wenn es um die aufschließende Erkenntnis von Sozialgebilden geht. Das Studium der Soziologie besteht nicht in der "Wissensvermittlung" oder dem Aneignen eines "Stoffs", der schon fertig vorliegt. Weil die Überzeugungen, die einen Wissenschaftler in der Praxis leiten, auf Distanz gebracht werden müssen, stellt es sich eher als eine dauerhafte Krise dar. Was als bekannt gilt, ist damit noch nicht erkannt, wie Hegel es formulierte, im Erkennen aber besteht der Zweck der Wissenschaft. Dafür - um das Erkennen einzuüben - ist die Haltung, in der das geschieht, entscheidend, nicht der Gegenstand, an dem dies geschieht.

Diese Erfahrung zu vermitteln, Erklärungsprobleme lebendig zur Anschauung zu bringen, vermag nur jemand, der selbst forscht. Forschungserfahrung erlaubt es, Erklärungsprobleme als solche zu erkennen und zu entfalten, nur sie erlaubt es, den Stellenwert von innerdisziplinären Diskussionen einzuschätzen, aufschlussreiche von abwegigen zu unterscheiden. Gerade die das Studium konstituierende Offenheit ist also eingebunden in eine Asymmetrie, auf welcher der Lehrende beharren muss. Angesichts der Bestrebungen, Evaluationen von Lehrveranstaltungen durch Studenten durchzuführen und das Gelingen einer Veranstaltung an ihr Urteil zu binden, muss auf diese Voraussetzungen von Forschung und Lehre hingewiesen werden. Denn da sich demgemäß eine Evaluation der Lehre durch die Studenten nun nicht auf die Inhalte beziehen kann, bleibt nur die Präsentation als solche zur Bewertung übrig.

Dem fügt sich die Tendenz, die Präsentation, die vermittelnde Technik von der Sache abzulösen, was einer Verselbständigung der Routine gegenüber der notwendigen Krise im Studium gleichkommt: Die Präsentation tritt an die Stelle der Sache. Ein kollegialer kritischer Erfahrungsaustausch der Lehrenden in den Abteilungen und Instituten der Universitäten könnte demgegenüber eine sinnvolle "Evaluation" darstellen, welche die Lehre im ausgeführten Sinne fördert.

Da die Lebendigkeit der Lehre von der Forschungserfahrung des Dozenten abhängt, wird eine Teilhabe an Forschung seit einiger Zeit in so genannten Lehrforschungsprojekten angestrebt. Die Bezeichnung verweist schon auf Schwierigkeiten, wird doch ein Lehrforschungsprojekt im Rahmen einer Lehrveranstaltung durchgeführt. Dies erfordert, die Forschungsfrage so zuzuschneiden, dass sie im Laufe von ein bis zwei Semestern auch bearbeitet werden kann. Es ist jedoch in keiner Weise abzusehen, wann eine Forschungsfrage soweit bearbeitet ist, dass tragfähige Erkenntnisse vorliegen werden. Vor diesem Problem stehen auch alle Forschungsprojekte, die zeitlich befristet gefördert werden: die Drittmittelprojekte.[7] Lehrforschungsprojekte sind also ein von vornherein eingeschränktes Modell von Forschung, wird dabei doch nicht die Erfahrung gemacht, dass genuine Forschung davon lebt, Problemen und Fragen unbefristet, müßig nachzuspüren. Diese Offenheit und Unabgeschlossenheit des Forschens wird für die Studenten also nur noch dort authentisch erfahrbar, wo die eigene Forschung des Lehrenden in der Lehre durchscheint.


Fußnoten

7.
Dass diese Befristung nun über Juniorprofessuren und Professuren auf Zeit auch die mit einer normalen Professur verbundene Entlastung zu zersetzen droht, wird - angesichts des öffentlichen Drucks womöglich aus Angst, als Besitzstandswahrer verschrien zu werden - von den Betroffenen ebenfalls nahezu widerstandslos hingenommen.