APUZ Dossier Bild

22.8.2005 | Von:
Sascha Liebermann

Soziologie - Gegenwart und Zukunft einer Wissenschaft

Studienabbruch - Versagen oder Erfolg?

Ein gewichtiges Ziel der Universitätsreform wird u.a. darin gesehen, die Zahl der Studienabbrecher zu verringern. Dass eine große Zahl von Studenten sich nicht aus Neugierde und Erkundungsgeist für einen Studienplatz bewirbt, ist kein Geheimnis.[8] Wer sich für das Studienfach Soziologie entscheidet, muss jedoch eine besonders große Bereitschaft besitzen, sich auf das Unerwartete einzulassen. In einer lebendigen Universität erfährt man dies schon im ersten Semester: als Verantwortungszumutung, als Appell, Argumente nicht auswendig zu lernen - wenn dies überhaupt möglich ist -, sondern sie zu begreifen. Selbständigkeit ist eine der wesentlichen Zumutungen des Studiums, sie wird von ausländischen Studenten am deutschen Studiensystem besonders geschätzt. Geht man realistisch davon aus, dass nur wenige Studenten aus Neugierde und echtem Interesse ein Studium aufnehmen, ein größerer Teil sich über die eigenen Interessen nicht im Klaren ist und ein ebenso großer Teil mit der Entscheidung für das Studium zum einen lebenspraktischen Entscheidungen ausweicht, zum anderen vor einem unsicheren Arbeitsmarkt flüchtet, haben wir schon ein transparentes Zusammenspiel verschiedener Momente, die für den Studienabbruch relevant sind.[9]

Die Bachelor-Abschlüsse sollen dieser Entwicklung entgegenwirken. Denjenigen, die ihr Studium abbrechen, weil sie erkannt haben, dass es für sie nicht das Richtige ist, wird damit allerdings nahe gelegt, doch weiterzumachen: bis zum Bachelor. Wenn Studienabbrüche primär als Problem und Ergebnis schlechter universitärer Studienorganisation gesehen werden, hat das vor allem damit zu tun, dass Erfolge einer Universität heute in Absolventenzahlen gemessen werden.

Scheitern - und das bedeutet ein Studienabbruch - ist immer auch desillusionierend und damit befreiend. In den Reformbemühungen hingegen schlägt sich Angst vor allem Scheitern nieder: Was nicht zertifiziert ist, gilt nichts. Als verbürge ein Zertifikat irgendeinen beruflichen Erfolg insbesondere in Zeiten, in denen der Arbeitsmarkt unsicherer ist als jemals zuvor. Diese engstirnige, ängstliche Vorstellung von Sicherheit, deren Kehrseite immer auch Kontrolle ist, hat beträchtliche Folgen für die Universität. Der Bachelor soll, grotesk genug, sowohl berufsvorbereitend als auch generalistisch sein. Dass das ein Widerspruch in sich ist, ist schon manchen aufgefallen, hat aber keine Konsequenzen gezeitigt.[10] Die Orientierung an einer Berufsvorbereitung, welche die Universität mit einem Soziologiestudium ohne klinischen Anteil ohnehin nicht leisten kann,[11] wird eine Verschulung nach sich ziehen, wie sich bereits im Bestreben zur Modularisierung zeigt. Wenn sie überhaupt mehr bedeuten soll, als jenes, was in gegenwärtigen Studienordnungen schon zu finden ist, läuft sie auf Folgendes hinaus: Die Qualität einer Lehrveranstaltung wird dadurch von der Person des Dozenten abgelöst, obwohl sie doch wesentlich von dessen Fähigkeit und nicht von den "Inhalten" abhängig ist, die in den Modulen verhandelt werden.[12] Eine Loslösung der Inhalte von der Durchführung - die Kehrseite der Loslösung der Methode von der Sache - ist ein weiterer Schritt zur Verschulung, und das heißt in letzter Konsequenz: zur bloßen Wissensvermittlung. Die eigenständige Rekonstruktion und Entfaltung von Erklärungsproblemen wird dadurch nicht gefördert. Ein Studium, in dem es bloß um den Erwerb von Wissen geht, wird weder zum Hervorbringen von Erkenntnis noch zur Erzeugung praktisch bedeutsamer Problemlösungen beitragen - es läuft auf Erkenntnisverwaltung hinaus.

Darüber hinaus schwächen die Bachelor-Studiengänge die Disziplinen, da diese zu Einzellieferanten für Studiengänge herabgestuft und disziplininterne Auseinandersetzungen um Sinn und Unsinn des Bachelors unterlaufen werden. Soziologieabteilungen, die Nebenfachangebote für andere Studiengänge unterhalten, sind heute schon in ihrer Eigenständigkeit geschwächt. Das Existenzrecht der Nebenfachsoziologie ist nicht selten umstritten, und wie verteidigt sie sich? Mit dem verzweifelten und ohnmächtigen Hinweis auf die Unerlässlichkeit soziologischen Wissens in anderen Wissenschaften - um sich ihnen zugleich anzupassen.


Fußnoten

8.
Auch neugierige Studenten geben ihr Studium auf, weil sie im gegenwärtigen Universitätsbetrieb zu wenig an Forschung teilhaben können. Studenten, die neugierig und interessiert sind, werden sich vor einem Abbruch jedoch meist bemüht haben, begeisternde Professoren zu finden, die Forschung und Lehre selbstverständlich miteinander verbinden.
9.
Diese aufzudecken und weiter aufzuklären wäre eine wichtige Aufgabe der Soziologie.
10.
Vgl. Siegfried Lamnek, Globalisierung - Internationalisierung - Amerikanisierung - Bachelorisierung - McDonaldisierung, in: Soziologie, 31 (2002) 1, S. 5 - 25.
11.
Die Einrichtung eines Studienschwerpunkts Klinische Soziologie, wie er sich etwa an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main im Aufbau befindet, ist ein viel versprechender Schritt in diese Richtung.
12.
"Die Qualität der Lehre ist von immenser Bedeutung. Ein charismatischer Lehrer muss es sein!", sagt Hans Ulrich Gumbrecht lapidar treffend. Vgl. H. U. Gumbrecht (Anm. 6).