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22.8.2005 | Von:
Sascha Liebermann

Soziologie - Gegenwart und Zukunft einer Wissenschaft

Soziologie und Öffentlichkeit

Wir haben bislang dargelegt, was eine Wissenschaft und damit auch die Soziologie zu einer starken wissenschaftlichen Disziplin an der Universität macht, dass Lehre von unvoreingenommener Forschung lebt und welche Missstände teils schon anzutreffen sind, teils durch Reformen verschärft werden. Damit sollte nicht suggeriert werden, die Soziologie trage für diese Lage keine Verantwortung, und auch nicht, dass sie sich vor allem durch Hilfe von außen erneuern könne. Die Selbstverwaltung der Wissenschaft muss sich auf die Wissenschaft von innen heraus gründen, denn nur Forscher können beurteilen, welches die unerlässlichen Bedingungen für eine florierende Forschungslandschaft sind. Das macht es erforderlich, auf einen anderen Aspekt des Forschens einzugehen: die mit ihm notwendig verbundene Abstinenz von Praxis und in der Folge das Verhältnis von Soziologie und Öffentlichkeit.

Unter Soziologen wird immer wieder aufs Neue diskutiert, wie die Soziologie mehr Resonanz in und mehr Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit erhalten könne. Zufrieden wird darüber berichtet, welche Resonanz sie entgegen manchen Vorurteilen erhält, woraus geschlossen wird, sie sei für das Laienpublikum attraktiver geworden. Doch ist es die Aufgabe der Wissenschaft, sich attraktiv zu machen?[13] Fragen, die öffentlich diskutiert werden, sind deswegen nicht per se auch forschungsrelevant.

Wissenschaft wird von der Gesellschaft alimentiert, damit sie sich dem Erkenntnisfortschritt widmet. Dies geschieht, damit sie sich von der Praxis zurückziehen kann und auf eine Verwertung nicht angewiesen ist: Sie erhält dadurch einen Schutzraum, der sie von Fragen der Anwendung und Nutzung befreit. So betrachtet, ist der so genannte Elfenbeinturm - die ausschließlich "um ihrer selbst willen betriebene Wissenschaft" - eine Notwendigkeit. Das bedeutet keineswegs, dass Wissenschaftler sich Expertisen verweigern sollten. Doch wo sie als Experten Stellung nehmen, haben sie sich einer Antwort auf die Frage, wie die Welt sein soll, zu verweigern, denn diese ist politischer Natur. Dazu können sie als Bürger oder Bürgerinnen Stellung nehmen und als Intellektuelle in der Öffentlichkeit kämpfen. Als Wissenschaftler müssen sie sich einer solchen Stellungnahme enthalten, denn aus der Erkenntnis des Allgemeinen lässt sich kein Besonderes, keine Notwendigkeit ableiten.

Die Kehrseite der Zurückhaltung der Wissenschaftler, praktische Urteile zu fällen, ist ein radikales Engagement als Bürger oder Bürgerin, für das der soziologische Fachverstand hilfreich sein kann, aber nicht notwendig ist. Allzu häufig lässt sich etwa in Fernsehsendungen erfahren, wie Experten diese Grenze überschreiten und auf Basis ihrer Expertise z.B. politischen Parteien raten, welche Themen sie aufgreifen sollten, wie sie agieren müssten, um die Bürger für sich zu gewinnen.[14]

An solchen Grenzüberschreitungen hat es auch in der Soziologie nicht gemangelt. Den an die Soziologie gerichteten Forderungen und den an sie angelegten Maßstäben ist man nicht souverän entgegengetreten. Mittlerweile wird es als Erfolg gefeiert, durch das Aufgreifen öffentlicher Themen für Kongresse und Tagungen Medienresonanz zu erreichen. Als seien diese Debatten per se ein Ausweis der Sachhaltigkeit und vor allem: des state of the art. Die Soziologie wird langfristig nur dann stark sein, wenn sie sich einerseits radikal dem Forschen widmet und sich nicht anmaßt, über die Richtigkeit praktischer Entscheidungen zu befinden. Andererseits kann sie an Stärke gewinnen, wo Expertisen angefragt werden, wenn sie sich in den Dienst der Praxis stellt, ohne sie zu bevormunden. Dann wäre sie auch in der Lage, die Freiheit der Forschung und deren Eigenlogik zu verteidigen, was in der Vergangenheit - vor allem im Hinblick auf die Universitätsreform - nicht genügend geschehen ist. Wären Reformvorschläge in eigener Sache aus der Soziologie heraus entwickelt worden, würde die gegenwärtige Reformdiskussion möglicherweise anders aussehen.[15]

Die Zahl derer, die an der Seriosität der Soziologie zweifeln, ist groß. Beschwörungsformeln, Appelle und Aufrufe, mit denen die gesellschaftliche Bedeutung der Soziologie gepriesen wird, werden jedoch solange verhallen, wie sich diese nicht auf Forschung, Lehre und Expertise konzentriert und beschränkt. Von der Hoffnung, irgendwie aufklärerisch zu wirken, muss sie sich verabschieden, wenn sie als Wissenschaft ernst genommen werden will. Dann werden sich auch mehr Wissenschaftsjournalisten für die Forschung interessieren, darüber gut informiert berichten und einem interessierten Laienpublikum die Erkenntnisse soziologischer Forschung nahe bringen[16] - so dass sich die Bürgerinnen und Bürger dieser Erkenntnisse in eigener Entscheidung bedienen können und die Gemeinschaft ein Interesse daran entwickelt, eine unabhängige Soziologie als Wissenschaft zu fordern und zu fördern.


Fußnoten

13.
Vgl. hierzu Thomas Loer, Warum die DGS keine soziologische Publikumszeitschrift gründen und statt dessen das Bohren dicker Bretter befördern sollte - und warum es eine Publikumszeitschrift für Soziologie dennoch geben und wer sie machen sollte, in: Soziologie, 33 (2003) 1, S.106-109.
14.
Vgl. Hans-Georg Soeffner, Editorial, in: Soziologische Revue, (2004) 1, S. 1f. Soeffner schreibt: "Wir verfügen nicht nur über das bessere analytische und theoretische Potential, sondern auch über die fundierteren Einsichten in gesellschaftliche Lagen und Probleme als die Politik (Kursivierung hinzugefügt), sind aber weder im Stande, uns genügend 'öffentliches Gehör' zu verschaffen - und damit zumindest offensichtlich unsinnige, als 'Fakten' gehandelte Behauptungen zu widerlegen - noch gar die soziologische Diagnose zur Grundlage politischer Entscheidungen zu machen", ebd. S. 2. Vgl. auch Karl-Heinz Hillmann/Georg W. Oesterdiekhoff, Die Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens als Forschungsgegenstand der Soziologie, in: Soziologie, 31 (2002) 2, S. 34 - 40. Die Autoren scheinen von einem solchen Auftrag überzeugt, wenn sie schreiben: "Die Soziologie sollte auch diesseits utopischer Idealkonzeptionen, also ganz realistisch in hiesigen Machbarkeitsdimensionen, die Menschen lehren, erziehen, in das Vermögen setzen, Konflikte zu lösen und kooperative Beziehungen aufzubauen", ebd. S. 34.
15.
Vg. S. Lamnek (Anm.10), S.6. Lamnek schreibt: "Reformen - so sie dieses Wort überhaupt verdienen - kommen nicht aus der Universität, sondern sie werden ihr vielmehr durch Bildungspolitik und Ministerialbürokratie aufoktroyiert. Politische Vorgaben besitzen ein apriorisches Prä, dem sich substanzielle Überlegungen zu fügen haben." Lamnek ist zwar darin zuzustimmen, dass entsprechende Vorhaben aus den Ministerien stammen. Allerdings hätten starker Protest und Gegenentwürfe manche Entwicklung womöglich verhindern können; nur hätte dazu eben die Universität selbst, und hier v. a. in Gestalt ihrer Professoren, einen solchen Entwurf vorlegen müssen.
16.
Vgl. T. Loer (Anm.13).