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1.6.2005 | Von:
Sandra Gruescu
Bert Rürup

Nachhaltige Familienpolitik - Essay

Das Konzept einer nachhaltigen Familienpolitik hat eine Steigerung der Geburtenrate sowie eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen zum Ziel. So können negative Einflüsse auf das Wirtschaftswachstum vermieden bzw. abgemildert werden.

Einleitung

Nachhaltige Familienpolitik strebt die Erhöhung der Geburtenrate und eine Steigerung der Erwerbstätigkeit von Frauen an. Damit unterscheidet sie sich in ihrer Grundkonzeption von einer eher konservativ definierten Familienpolitik, die das Ziel der Erhöhung der Geburtenrate mit dem einer Reduktion der Frauenerwerbstätigkeit verband. Nachhaltige Familienpolitik ist darauf gerichtet, die Beteiligung von Müttern am Erwerbsleben zu verbessern und somit Armut von Familien bzw. Kindern abzubauen. Traditionellen Vorstellungen entspricht demgegenüber, dass zum Abbau der Armut in Familien die finanziellen Transfers ausgeweitet werden.


In der nachhaltigen Familienpolitik spielt folglich die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer eine entscheidende Rolle. Die Erfahrung anderer Länder wie zum Beispiel Norwegen oder Island zeigt, dass eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen nicht mit einer geringeren Geburtenrate einhergehen muss. Geburtenzahl und hohe Erwerbsquoten sind keine sich widersprechenden Ziele, sondern können als Ergänzungen aufgefasst werden.

Ein wichtiges Instrument einer nachhaltigen Familienpolitik stellt neben dem Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen und Dienstleistungsangeboten für Eltern das Elterngeld dar. Es soll zukünftig jenen Eltern gezahlt werden, die ihre Berufstätigkeit unterbrechen, um sich der Betreuung und Erziehung eines Kindes zu widmen. In der Höhe orientiert es sich an dem vor der Erwerbsunterbrechung verdienten Lohn. Die Begründung für die Einführung eines Elterngelds basiert auf dem Opportunitätskostenprinzip.[1]




Opportunitätskosten, d.h. mögliche Nutzen und Erträge einer Alternativaktivität, die dem Individuum aufgrund einer Aktivität oder Mittelverwendung entgehen, sind eine wichtige Determinante des Geburten- bzw. Fertilitätsverhaltens. Dies bedeutet im Falle der Familiengründung: Wer Kinder bekommt und aufzieht, kann andere Tätigkeiten und den damit verbundenen Nutzen nicht wahrnehmen. Sich rational verhaltende Individuen wägen Kosten und Erträge von Alternativsituationen ab und wählen die Alternative, die - bezogen auf die eigenen Präferenzen - den höchsten Nutzen erwarten lässt. Die Entscheidung zur Gründung einer Familie wird bekannterweise nicht nur von Rationalität beeinflusst. Die hier beschriebene Sichtweise reduziert die Entscheidung der Familiengründung auf ein Kosten-Nutzen-Kalkül. Eine solche Analyse kann und will nicht die gesamte Realität abbilden, sondern einen wichtigen Aspekt herausarbeiten. Allerdings bestätigen Umfragen, dass Argumente, die gegen eine Familiengründung sprechen, häufig ökonomisch motiviert sind, so dass eben auch rationale Gründe eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Opportunitätskosten von Kindern sind aufgrund einer Unterbrechung der Erwerbstätigkeit das individuelle Einkommen und die damit verbundenen Rentenansprüche. Zu den Opportunitätskosten zählen aber auch die Geldsummen, die man nicht anderweitig verwenden kann, da Aufwendungen für Kinder notwendig sind; das niedrigere Arbeitslosigkeitsrisiko von erwerbstätigen Nicht-Eltern im Vergleich zu erwerbstätigen Eltern, da Kinderlose mehr Flexibilität aufweisen und der Nutzen einer stetigen Beschäftigung bezüglich des eigenen Humankapitals. Nichtmonetäre Opportunitätskosten schlagen sich in Formen der Diskriminierung von Müttern insbesondere junger Kinder am Arbeitsplatz ("Rabenmutter") oder darin nieder, dass Frauen mit Kindern bei wichtigen Projekten aufgrund der erwarteten kinderabhängigen Zeitpräferenzen weniger berücksichtigt werden, Letzteres vor allem in qualifizierten Berufen.

Je höher das aktuelle Einkommen ist, desto höher wird auch das zukünftige Einkommen und damit die spätere Rente sein und desto umfangreicher sind die gesamten Opportunitätskosten einer Unterbrechung der Erwerbstätigkeit. Dies bedeutet, dass die Opportunitätskosten besser qualifizierter und gut verdienender Frauen höher sind als die gering verdienender Frauen - unter der realistischen Annahme, dass die Kinderbetreuung in den meisten Familien in erster Linie von den Frauen übernommen wird.

In Deutschland ist Kinderlosigkeit, die zudem überdurchschnittlich bei gut qualifizierten Frauen auftritt, das eigentliche demographische Problem. Im europäischen Vergleich bleiben hier die meisten Frauen dauerhaft kinderlos. Ein Trend zur Ein-Kind-Familie ist nicht feststellbar. Eine Frau, die hierzulande ein Kind erwartet, bekommt sehr wahrscheinlich auch ein zweites. Daher muss der Schwerpunkt einer Familienpolitik darauf liegen, die Ursachen dafür zu beseitigen, dass sich ein Paar generell gegen die Umsetzung eines Kinderwunsches entscheidet.


Fußnoten

1.
Vgl. dazu im Detail Bert Rürup/Sandra Gruescu, Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung, Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin 2003, Seite 49ff.