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1.6.2005 | Von:
Sandra Gruescu
Bert Rürup

Nachhaltige Familienpolitik - Essay

Das Elterngeld als Instrument einer nachhaltigen Familienpolitik

Um die "Nachfrage nach Kindern" und damit die Fertilitätsrate zu erhöhen, müssen die Opportunitätskosten von Kindern verringert werden. Der Leitgedanke einer nachhaltigen Familienpolitik besteht darin, den Einkommensverlust in der Familiengründungsphase abzumildern. An den Elternteil, der seine Erwerbstätigkeit unterbricht, um das Kind zu erziehen, wird daher für die Dauer von 12 Monaten, ein Elterngeld ausgezahlt, das - orientiert an der Ersatzrate des Arbeitslosengeldes (mit Kindern) - 67 Prozent des Nettolohns des/der Antragstellers/in vor der Geburt beträgt. Das heutige Erziehungsgeld entfällt.

Dieses einkommensorientierte, relativ hohe Elterngeld ist notwendig, um die Opportunitätskosten, die durch eine Erwerbsunterbrechung entstehen, niedrig zu halten. Fiskalische Zwänge erlauben es nicht, ein höheres Elterngeld zu zahlen. Für die vorgeschlagene Höhe von 67 Prozent hat das Fraunhofer- Institut Kosten in Höhe von 4,3 Milliarden Euro errechnet. Allerdings gilt auch, dass z.B. eine Auszahlung eines Elterngeldes in Höhe von 100 Prozent des Nettolohnes einer Absenkung der durch Erwerbsunterbrechung entstehenden Opportunitätskosten auf null entspräche. Dann würde man aber die Tatsache ausblenden, dass Kinder einen individuellen Nutzen für die Eltern stiften. Der "wahre" Wert muss also für jedes Individuum unter 100 Prozent liegen.

Jedem Elternteil stehen jeweils bis zu drei Monate bezahlter Elternzeit zu, wobei diese Teile nicht übertragbar sind. Zusätzlich können weitere sechs bezahlte Monate Elternzeit frei zwischen Mutter und Vater aufgeteilt werden. Für das zweite und dritte Lebensjahr des Kindes kann eine unbezahlte Elternzeit genommen werden, für welche die heutigen Regelungen der Elternzeit bezüglich des Teilzeitarbeitsanspruches und der Wiederbeschäftigungsgarantie gelten.

Die Länge der Elternzeit stellt einen Kompromiss aus den Überlegungen hinsichtlich der Opportunitätskosten, der möglichst frühzeitigen Wiederbeschäftigung im Beruf, und aus Aspekten bezüglich der Gesundheit des Kindes und der Mutter dar. Im Modell ist die Betreuung des Kleinstkindes zu Hause durch einen Elternteil bis zur Vollendung des 14. Lebensmonates gesichert. In diesem Alter ist der Besuch einer Kinderbetreuungseinrichtung für viele Kinder in anderen Ländern bereits Normalität. Da medizinische Untersuchungen und Gesundheitsorganisationen aufzeigen, dass es für das Kind das Beste ist, die ersten sechs Monate voll gestillt zu werden, kann die Mutter genau dies tun.[3]

Die gesamte Elternzeit wird im Vergleich zur heutigen Regelung nicht verkürzt. Es ist weiterhin möglich, bis zum dritten Lebensjahr des Kindes die Erwerbstätigkeit zu unterbrechen. Eine Verkürzung der (unbezahlten) Elternzeit auf z.B. den Zeitpunkt der Vollendung des zweiten Lebensjahres des Kindes erscheint heute nicht angebracht, da die Kinderbetreuungsmöglichkeiten (zumindest in den alten Bundesländern) noch lange nicht ausreichend sind, um der Mutter einen Wiedereinstieg in den Beruf nach der Vollendung des zweiten Lebensjahres ihres Kindes zu ermöglichen. Längerfristig sollte aber darauf gezielt werden, die Erwerbsunterbrechung der Eltern, insbesondere der Mütter, relativ kurz zu halten, um der Entwertung des Humankapitals und damit einer Dequalifizierung entgegenzuwirken.


Fußnoten

3.
Vgl. Weltgesundheitsorganisation, Nutrition - Infant and young child, Genf 2004. Im Internet: www.who.int/child-adolescent-health/NUTRITION/ infant_exclusive.htm (Stand: 24.3. 2005).