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1.6.2005 | Von:
Malte Ristau

Der ökonomische Charme der Familie

Nach dem Willen der Bundesregierung soll Deutschland bis 2010 das familienfreundlichste Land Europas werden. Darauf zielt nachhaltige Familienpolitik. Sie wird als gesellschaftlich ausgestalteter Weg beschrieben.

Einleitung

Wie geht's der Familie? Diese Frage beantworten wir im privaten Bereich in der Regel mit "gut". Zögerlich ist unsere Antwort, wenn wir auf die Gesamtheit angesprochen werden. Wir agieren verhalten, weil pessimistische Diskurse über Lasten, Zerfall und Bindungsschwächen seit langem die öffentliche Meinung prägen. Die Statistik scheint den Skeptikern Recht zu geben, von den Scheidungsziffern bis zu den Armutsquoten. Negative Phänomene sind nicht klein zu reden oder gar zu leugnen: Deutschland ist nicht familienfreundlich. Unsere Gesellschaft leistet sich seit Jahrzehnten keine wirkungsvolle Familienpolitik. Dazu trägt entscheidend eine bemerkenswerte Ignoranz der Eliten bei, insbesondere in Wirtschaft und Medien.

Dessen ungeachtet gibt es keine Beliebigkeit der Lebensformen oder eine Abkehr von der Familie. Selbst wenn wir ein überholtes Bild von Familie anlegen und als "Familie" lediglich erziehende Eltern mit Kindern definieren, hat sich die absolute Zahl in den vergangenen 40 Jahren kaum verringert. Der Familienbegriff der Bevölkerung hat sich erweitert, einbezogen werden heute (Groß-)Eltern, Schwiegereltern, Geschwister und Enkel. Demoskopische Befunde bestätigen die Thesen des Soziologen Hans Bertram, der vor einigen Jahren die Entwicklung auf den Begriff der "multilokalen Mehrgenerationenfamilie" gebracht hat.[1] Der demographische Zuschnitt hat sich verändert und die zugrunde liegenden Trends halten an: Es gibt heute weniger Kinder und damit weniger Paarbeziehungen, mithin gibt es wesentlich mehr Ältere, darunter viele verwitwete Frauen. Das ist auch eine wesentliche Ursache für die Zunahme der Singlehaushalte.

Die mit Abstand häufigste Lebensform ist die traditionelle Familie - anders als früher mehrheitlich versehen mit neuen Leitbildern, was Geschlechter- und Kinderrollen betrifft. Die Einsicht in die Stabilität der Familie deckt sich mit dem, was wir über die Wünsche der Menschen wissen. Die Bindungslosigkeit hat in den vergangenen Jahren nicht zugenommen. Eine repräsentative Jugendstudie belegte im Februar 2005 einmal mehr, dass bei den 13- bis 22-Jährigen die eigene Familie (neben den Freunden) oberste Priorität hat. Diese Aussage gilt auch für die Erwachsenen beiderlei Geschlechts; "am wichtigsten" ist ihnen die Familie, weit vor dem Beruf und anderen Bereichen. Der Trend zu einer positiven Bewertung nimmt bei allen Altersgruppen auf hohem Niveau zu. Mehr als je zuvor sind die Befragten mit der eigenen Familie zufrieden, nie gab es ein besseres Klima zwischen den Generationen. In den über Jahrzehnte laufenden Datensätzen im Allensbacher Archiv sind dafür auch gute Gründe zu finden: Die Familie bietet als zuverlässigstes soziales Netz deutlichen Rückhalt, materiell wie immateriell.[2] Wie passen diese Wahrnehmungen der Subjekte zu den unterstellten traurigen Lebenswelten? Tatsächlich sind auch die realen Verhältnisse - für manche überraschend - vergleichsweise gut.[3]

Mehr Kinder als in den anderen Phasen seit Ende des 19. Jahrhunderts leben bei beiden leiblichen Eltern bis zu ihrem 18. Geburtstag. Diese Eltern verbringen darüber hinaus mehr Zeit mit ihren Kindern als jene früherer Altersjahrgangsgruppen. Ebenfalls gab es in Deutschland nie zuvor so viele Ehen, die bereits vierzig Jahre und länger halten. Die Scheidungen treffen mehrheitlich Paare ohne Kinder und die große Mehrzahl der Geschiedenen ist nach wenigen Jahren - "erfolgreich(er)" - wieder verheiratet. Die Zufriedenheit in Patchwork-Familien ist nicht geringer als in herkömmlichen Familien. Selbst die materielle Situation entspricht nicht den Zerrbildern, die in vielen Köpfen existieren. Das durchschnittliche Netto-Einkommen von Familien ist von 1995 bis 2004 gestiegen, und zwar stärker als das der Gesamtbevölkerung, auch bedingt durch die Kindergelderhöhungen 1995 und 1998. Die Steuerentlastungen der vergangenen Jahre haben Familien stärker entlastet als Kinderlose. Zwei-Eltern-Familien sind nicht häufiger von Armutsrisiken bedroht als Paare ohne Kinder. Zwar sind Sorgen und materielle Not in Familien verbreitet, aber die Familien sind nicht per se finanziell schlechter gestellt: Kinder machen nicht automatisch arm. Die pessimistischen und belastenden Bilder demotivieren. Es wäre klüger, mehr über Chancen und Potenziale zu sprechen, Stabilität und Elastizität nüchtern in Rechnung zu stellen. Das allein reicht allerdings nicht aus. Wer Deutschland zum "familienfreundlichsten Land in Europa" machen will, muss zunächst die alte Familienpolitik überwinden, die Reduzierung auf staatliche Verantwortung beenden und das Thema aus der politischen Randständigkeit führen. Ob das gelingen wird, ist offen. Es gibt aber ermutigende Fortschritte, die in manchen Leitmedien auch aufmerksam registriert werden.[4]


Fußnoten

1.
Hans Bertram, Familien leben, Gütersloh 1997.
2.
Vgl. FamilienAnalyse 2002 sowie 2005, Institut Allensbach für die Zeitschrift Eltern sowie Allensbach Werbeträger Analyse (AWA), 1995 - 2004; Institut für Jugendforschung, Das Lebensgefühl der Jugendlichen, München 2005; Horst W. Opaschowski, Der Generationenpakt, Darmstadt 2004.
3.
Vgl. Hans Bertram, Die Zukunft der Familie, in: GEO Wissen, (2004) 34, S. 42 - 53. Ähnlich Volker Ladenthin, Der Familie geht es besser als je zuvor, Süddeutsche Zeitung vom 5.1. 2005, S. 2.
4.
Vgl. beispielhaft die Beiträge von Rüdiger Soldt in der FAZ vom 6.9. 2004, S. 12, Markus Wehner in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 23.1. 2005, S. 5, sowie Hans Monath im Tagesspiegel vom 24./25.3. 2005, S. 4.