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1.6.2005 | Von:
C. Katharina Spieß
Katharina Wrohlich

Kindertages- Einrichtungen: Bedarf und nachhaltige Finanzierung

Ausbau der Kinderbetreuung

Die Bundesregierung will den Ausbau der Tagesbetreuungsplätze voranbringen, insbesondere für Kinder unter drei Jahren. Das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG), das seit 1. Januar dieses Jahres in Kraft ist,[12] sieht einen bedarfsgerechten und qualitätsorientierten Ausbau der Kinderbetreuung vor. Ein Bedarf besteht nach diesem Gesetz dann, wenn beide Elternteile eines Kindes erwerbstätig sind bzw. sein wollen oder wenn eine Betreuung zur Förderung des Kindeswohls notwendig ist.[13] Dafür stellt der Bund den Kommunen jährlich 1,5 Milliarden Euro aus den Einsparungen zur Verfügung, die sich durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe ergeben,. Bei dieser Rechnung wird davon ausgegangen, dass in den westdeutschen Bundesländern einschließlich Berlin bis 2011 insgesamt rund 230 000 Plätze neu geschaffen und die Betriebskosten finanziert werden müssen.

In einer aktuellen Studie wurde geprüft, inwiefern diese neu zu schaffenden Plätze dem Bedarf der Familien entsprechen.[14] Die noch offene Nachfrage nach Kinderbetreuungseinrichtungen wurde auf der Basis der Mikrodaten des SOEP abgeschätzt. Dabei konnte auf die Informationen zurückgegriffen werden, wie viele Mütter erwerbstätig sind und wie viele einen Erwerbswunsch haben. Allerdings ist es auf der Basis von repräsentativen Mikrodaten wie dem SOEP nicht möglich, den Bedarf zum Wohle des Kindes abzuschätzen. An dieser Stelle kann vielmehr festgehalten werden, dass dieser unter Umständen noch zusätzlich zu den über die realisierten und gewünschten Erwerbsvorstellungen ermittelten Bedarfslagen entsteht.

Angebot und Nachfrage

Die Besonderheit der hier vorgestellten Studie besteht darin, dass sie Methoden verwendet, mit denen "rationierte" Nachfragen geschätzt werden können. Dies ist zur Beschreibung der deutschen Realität im Bereich der außerhäusigen Kinderbetreuung notwendig. So kann in bestimmten Regionen Deutschlands beobachtet werden, dass Eltern einen Betreuungsplatz nachfragen, aber keinen angeboten bekommen.[15] In diesem Falle sprechen die Wirtschaftswissenschaften von "Rationierung".

Die Ergebnisse der Nachfrageschätzungen zeigen, dass die Nachfrage nach einem Platz in einer Kindertageseinrichtung in Deutschland vom Alter des Kindes abhängig ist: Für jüngere Kinder wird mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit ein Platz nachgefragt als für ältere. Die Anzahl der Geschwister verringert ebenfalls diese Wahrscheinlichkeit. Hat ein Kind jedoch Geschwister, die eine Kindertagesstätte besuchen, werden die Eltern eher einen Platz nachfragen. Einfluss hat auch das Haushaltseinkommen: Mit der Höhe des Einkommens steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Betreuungsplatz nachgefragt wird. Dieser Zusammenhang wurde bereits in früheren Studien gefunden und belegt erneut das bildungs- und sozialpolitisch relevante Ergebnis, dass Kinder von Eltern mit einem sozioökonomisch geringeren Status weniger in Kindertageseinrichtungen vertreten sind als andere Kinder.[16]

Neben dem Haushaltseinkommen, dem Alter des Kindes und der Anzahl der Geschwister haben weitere Merkmale einen Einfluss auf die Nachfrage nach einem Kinderbetreuungsplatz. Lebt im Haushalt neben den Eltern eine weitere erwachsene Person, sinkt die Nachfrage nach Betreuungsplätzen. Auch Wertvorstellungen haben einen Einfluss; sie wurden hier über den Kirchgang der Eltern erfasst: Besuchen Eltern mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst, so ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie für ihr Kind einen Betreuungsplatz nachfragen. In allen westdeutschen Bundesländern ist die Nachfrage nach einem Kindergartenplatz signifikant niedriger als in den ostdeutschen Bundesländern.

Die Schätzung einer "rationierten Nachfrage" - damit ist die Warteschlange der einen Betreuungsplatz Suchenden gemeint - setzt auch Informationen über das Angebot voraus. Die individuelle Wahrscheinlichkeit, einen Betreuungsplatz angeboten zu bekommen, hängt ebenfalls vom Alter des Kindes und von der Versorgungsquote ab, das heißt von der Zahl der Kinderbetreuungsplätze je 100 Kinder der jeweiligen Altersgruppe in dem Kreis, in dem der Haushalt lebt. Außerdem gibt es auch hier regionale Unterschiede: In allen ostdeutschen Bundesländern ist die Wahrscheinlichkeit, einen Betreuungsplatz angeboten zu bekommen, höher als in den westdeutschen Bundesländern.

Mangel an Betreuungsplätzen

Mit Hilfe dieser Informationen bezüglich des Angebots und der Nachfrage kann die individuelle "Rationierungswahrscheinlichkeit" - die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern für ein Kind einen Betreuungsplatz nachfragen, ihnen aber keiner angeboten wird - geschätzt werden. Im Durchschnitt beträgt sie für Kinder bis zu drei Jahren in den ostdeutschen Bundesländern 57 und in den westdeutschen Bundesländern 61 Prozent (siehe Tabelle 1 der PDF-Version). Tabelle 1: Geschätzte Wahrscheinlichkeiten der Nachfrage, des Angebots und der Rationierung an bzw. von Kinderbetreuungsplätzen

Damit ist die "Rationierungswahrscheinlichkeit" in beiden Regionen vergleichbar, obwohl sich die Versorgungsquoten stark unterscheiden. Der Grund dafür ist, dass in den ostdeutschen Bundesländern auch deutlich mehr Kinderbetreuungsplätze nachgefragt werden - durchschnittlich für 83 Prozent aller Kinder, während es in Westdeutschland nur 65 Prozent sind.[17] Dabei können unterschiedliche Einstellungen zur außerhäusigen Betreuung von Kindern ausschlaggebend sein, die in den zu Grunde liegenden Daten nicht erfasst sind. Für Kinder zwischen 3 und 6,5 Jahren ist die "Rationierungswahrscheinlichkeit" viel geringer: In Westdeutschland liegt sie bei rund zehn Prozent, in Ostdeutschland sogar nur bei drei Prozent.[18]

Ausgehend von der "Rationierungswahrscheinlichkeit" lässt sich ableiten, wie viele Eltern einen Kinderbetreuungsplatz nachfragen, ohne dass dieser Nachfrage ein Angebot gegenübersteht. Tabelle 2 zeigt die Anzahl der Kinder, deren Eltern auf einen Betreuungsplatz warten. Die Hochrechnung belegt, dass bei den Kindern unter drei Jahren die "Warteschlange" sehr lang ist: Über 1,2 Millionen Kinder in dieser Altersgruppe sind betroffen (Vgl. Tabelle 2 der PDF-Version)

Das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) sieht vor, in erster Linie Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren bereitzustellen, deren Eltern beide erwerbstätig sind bzw. erwerbstätig sein wollen. In der Begründung des Gesetzesentwurfes wird als Ziel der Ausbau um 230 000 Plätze genannt.[19] Wenn, wie in der Gesetzesbegründung aufgeführt, diese Plätze nur in den westdeutschen Bundesländern und Berlin geschaffen werden sollen, würde dieses zusätzliche Platzangebot dort ausreichen, um Kindern von in Voll- und Teilzeit erwerbstätigen Müttern und Müttern mit einem starken Erwerbswunsch, die bisher auf einen Platz warten, einen solchen zur Verfügung zu stellen. Die hier vorgestellte Schätzung hat aber auch gezeigt, dass es in den ostdeutschen Bundesländern zu wenig Betreuungsplätze gibt. Nimmt man diese Gruppe von Kindern hinzu, so besteht ein weitaus höherer Bedarf. Für etwa 250 000 Kinder erwerbstätiger Mütter stehen in Gesamtdeutschland derzeit keine Betreuungsplätze zur Verfügung. Hinzu kommen rund 25 000 Kinder, deren Mütter einen starken Erwerbswunsch haben. Unklar ist, ob das TAG vorsieht, auch Plätze für Kinder geringfügig beschäftigter Mütter bereitzustellen. Nach der vorliegenden Schätzung wären hierfür in Gesamtdeutschland zusätzlich 128 000 Plätze nötig, wobei die Mehrzahl dieser Plätze in Westdeutschland anfiele.

Wenn es das politische Ziel ist, Plätze für Kinder erwerbstätiger Eltern und erwerbswilliger Mütter bereitzustellen, müssen in Deutschland weitere Plätze geschaffen werden. Außerdem ist zu vermuten, dass eine Erhöhung des Angebots an Kinderbetreuungsplätzen die Erwerbstätigkeit von Müttern insgesamt steigern wird. Unter Umständen erhöht sich dadurch auch wieder die Zahl der Kinder mit erwerbstätigen Eltern, die einen Kinderbetreuungsplatz nachfragen, ohne dass dieser Nachfrage ein Angebot gegenübersteht.


Fußnoten

12.
Vgl. Bundesgesetzblatt 2004, Teil I Nr. 76, Gesetz zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder (Tagesbetreuungsausbaugesetz - TAG).
13.
Vgl. § 24, Absatz 3, Nummer 1 und 2 Kinder- und Jugendhilfegesetz KJHG.
14.
Vgl. Katharina Wrohlich, The Excess Demand for Subsidized Child Care in Germany. DIW Diskussionspapier Nr. 470, Berlin 2005, und auch eine kürzere Darstellung der Studie in: C. K. Spieß/K. Wrohlich (Anm. 11).
15.
So geben z.B. in einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Forsa Institutes über 30 Prozent aller Eltern mit Kindern bis zu 13 Jahren an, dass es schwer ist bzw. war, einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu bekommen. Fast die Hälfte aller Eltern mit Kindern in dieser Altersgruppe wünscht sich laut dieser Umfrage mehr Kinderbetreuungsplätze. Vgl. dazu: Media-Forschung und -Service, Mehr Kinder. Mehr Leben. Ergebnisse der repräsentativen forsa-Befragung. Mimeo, 2004. Für eine ausführliche Diskussion dieses Problems vgl. auch Michaela Kreyenfeld/C. Katharina Spieß/Gert G. Wagner, Finanzierungs- und Organisationsmodelle institutioneller Kinderbetreuung. Analysen zum Status quo und Vorschläge zur Reform, Berlin 2001.
16.
Vgl. dazu z.B. auch F. Büchel/C. K. Spieß (Anm. 1).
17.
Hier ist anzumerken, dass einzelne Bundesländer von anderen Nachfragequoten ausgehen. So rechnet z.B. Brandenburg mit einer Nachfrage von ca. 45 % (Auskunft des Brandenburgischen Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport vom 30. März 2005). Diese Quote beruht auf unmittelbaren Erfahrungen, nicht auf statistischen Modellen. Statistische Modelle berechnen auf der Basis aller vorhandenen Informationen Wahrscheinlichkeiten, dass eine bestimmte Nachfrage besteht. Die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten ist nicht mit einer Nachfrage auf der Basis von Erfahrungswerten gleichzusetzen, die z.B. auch davon beeinflusst wird, wie die aktuelle Arbeitsmarktlage ist, wieviele Plätze vorhanden und erreichbar sind.
18.
Für diese Altersgruppe ist allerdings darauf hinzuweisen, dass in Westdeutschland möglicherweise eine Rationierung in Bezug auf Ganztagsplätze besteht. Dieser Aspekt konnte in den Schätzungen nicht berücksichtigt werden.
19.
Vgl. Deutscher Bundestag, Gesetzentwurf der Bundesregierung, Entwurf eines Gesetzes zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung und zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (Tagesbetreuungsausbaugesetz - TAG), Drucksache 15/3676, 2004, S. 45ff.