Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Götz Neuneck

Wettrüsten im All? Stand und Perspektiven der Weltraumbewaffnung

Historische Erfahrungen: ASAT-Tests

Bereits Ende der 1950er Jahre begannen die USA und die Sowjetunion parallel, sich mit Antisatellitentechnologien zu beschäftigen.[10] Teile der Raketenabwehrprogramme waren ein ideales Testareal für Entwicklungen in diesem Bereich.[11] Die überragende Bedrohung waren allerdings nicht Satelliten, sondern Interkontinentalraketen und deren nukleare Nutzlast, die den Weltraum in kurzer Zeit durchqueren konnten. Einen schnell fliegenden gehärteten Sprengkopf abzufangen, ist weitaus schwieriger, als einen sehr verwundbaren Satelliten in niedriger Bahnhöhe zu zerstören.

Die USA setzten zunächst insbesondere auf antiballistische Raketen, die von Flugzeugen auf Ziele im Weltraum geschossen wurden und das Weltraumobjekt durch Zusammenprall zerstörten (Direct Ascent ASAT). Nuklearbestückte Raketen wie Nike-Zeus oder Thor garantierten zwar eine großflächige Zerstörungswirkung, hätten im Einsatzfall aber auch eigene Aufklärungssatelliten in Mitleidenschaft gezogen und Kommunikationssatelliten massiv gestört, wie etwa der Nukleartest "Starfish Prime" in einer Höhe von 400 Kilometern 1962 ergab. Die Sowjetunion setzte hingegen auf "koorbitale" Antisatellitensysteme, bei denen die Weltraumwaffe Istrebitel Sputnik (IS) mit einer Trägerrakete in eine Umlaufbahn geschossen wurde, der ASAT-Interzeptor an das Zielobjekt manövriert und durch eine Schrapnell-Ladung zerstört wurde. Ein bis zwei Orbits waren nötig, bis dies gelang, also eineinhalb bis vier Stunden. Die IS-Testserie verzeichnete acht Starts, bis das System im Februar 1973 für betriebsfähig erklärt wurde.

Daraufhin begann die US-Luftwaffe 1978, ein eigenes Antisatellitensystem zu entwickeln. Die Anstrengungen intensivierten sich nach der Ankündigung der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) durch US-Präsident Ronald Reagan 1983. Den SDI-Planern schwebte ein weltraumgestütztes Raketenabwehrprogamm vor, das mittels Lasern im Orbit oder später lenkbarer Kleinsatelliten feindliche Raketen und Satelliten im All bekämpfen können sollte. Die Herstellungs- und Betriebskosten von solchen Satellitenkonstellationen wären neben den technologischen Herausforderungen horrend gewesen. Zwar lag der SDI-Fokus auf futuristischen Laserwaffen im All, aber es wurden auch kinetische Tests durchgeführt: Den USA gelang es am 18. September 1985 mittels einer Abfangrakete AS-135, die von einer F-15 gestartet wurde, erstmalig einen US-Satelliten in 555 Kilometern Höhe zu zerstören.[12]

Die in den 1970er Jahren gestartete Entwicklung des US Space Shuttle, den man zunächst als "Weltraumbomber" betrachtete, führte auf sowjetischer Seite 1976 zur Wiederaufnahme des IS-Testprogramms. Die Tests waren wenig erfolgreich, sodass das Programm unter Juri Andropow als Staatsoberhaupt 1983 zunächst eingestellt wurde – gerade in dem Moment, als die USA mit der SDI begannen. Im Rahmen des Nachfolgeprogramms Naryad wurden 1990, 1991 und 1994 nochmals Tests durchgeführt.[13] Gearbeitet wurde in der UdSSR auch an der Kampfstation Polyus, die einen Laser an Bord nutzen sollte, deren Start jedoch misslang. Für die geplante Raumstation Almaz war sogar eine Abwehrkanone vorgesehen. Präsident Michail Gorbatschow stellte diese teuren Programme zweifelhaften Nutzens 1992 ein.

Nach Beendigung der SDI Anfang der 1990er Jahre betrieben die USA experimentelle Programme für weltraumgestützte Antisatellitentechnologien, bei denen sogenannte Rendezvous- und Annäherungsmanöver (RPO) in der erdnahen Umlaufbahn und im geostationären Orbit geübt wurden, so etwa 2003 und 2005 mit den Experimentalsatelliten XSS-10, 11 und dem DART-Satelliten oder 2007 im Zuge der autonomen Tank- und Robotikoperationen des Orbital Express der Defense Advanced Research Projects Agency in 500 Kilometern Höhe. Damit verfügten die USA als erste Weltraumnation über die Fähigkeit für Manöver in niedrigeren oder höheren Umlaufbahnen. 2014 starteten die USA im Rahmen des Geosynchronous Space Situational Awareness Programms mehrere Satelliten, die in der Lage sind, geostationäre Weltraumobjekte zu inspizieren.

Sowohl die USA als auch Russland investierten ferner in Directed Energy Weapons (DEW), um Satelliten zu blenden oder funktionsunfähig zu machen. DEW sind energiereiche Laserstrahlen oder Hochenergiemikrowellen, die je nach Dauer und Energiedichte der Einstrahlung Schäden an Satelliten hervorrufen können. Bodengestützte Laser benötigen eine starke Energieproduktion und eine perfekte Spiegellenkung und sind trotzdem stark atmosphären- und wetterabhängig.[14] Die US-Marine betreibt seit 1985 in New Mexico eine Anlage, in der ein leistungsstarker chemischer Laser im Megawatt-Bereich verbunden mit einem drehbaren Spiegel Hochenergiestrahlen in den Weltraum lenken kann. Auch aus der UdSSR sind Forschungen an Hochenergielasern bekannt. Ein vertrauensbildender Besuch im Juli 1989 in der Anlage Sary Shagan im heutigen Kasachstan offenbarte aber nur Niedrigenergielaser, die zur Bahnverfolgung genutzt werden können.

Fußnoten

10.
Zur historischen Entwicklung siehe etwa Laura Grego, A History of Anti-Satellite Programs, Union of Concerned Scientists, Januar 2012, http://www.ucsusa.org/sites/default/files/legacy/assets/documents/nwgs/a-history-of-ASAT-programs_lo-res.pdf«.
11.
Zur Verquickung von Raketenabwehr und Weltraumabwehr siehe Neuneck/Alwardt/Gils (Anm. 9).
12.
Von den fast 300 katalogisierten Trümmerteilen des Solwind-Satelliten waren 1998 noch acht im Orbit.
13.
Vgl. Weeden/Samson (Anm. 4), S. 1ff.
14.
Vgl. Jan Stupl/Götz Neuneck, High Energy Lasers: A Sensible Choice for Future Weapon Systems?, in: Security Challenges 1/2005, S. 135–153.
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