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Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Götz Neuneck

Wettrüsten im All? Stand und Perspektiven der Weltraumbewaffnung

Aktuelle Entwicklungen

Die Entwicklung solcher "Counterspace-Technologien" scheint sich seit Ende der 2000er Jahre wieder zu intensivieren. Ein Paukenschlag für die Weltraumsicherheit war der chinesische ASAT-Test vom 11. Januar 2007, bei dem ein bodengestützter Interzeptor (SC-19) den chinesischen Wettersatelliten Fengyun-1C in 860 Kilometern Höhe zerstörte und eine enorme Menge an Weltraumschrott, etwa 3.000 Teile, auf verschiedenen Umlaufbahnen erzeugte, die jahrzehntelang im Orbit verbleiben werden. Im Mai 2013 soll ein neuer ASAT-Typ getestet worden sein, der bis zu einer Höhe von 10.000 Kilometern reichen kann. Die USA glauben, dass China über ein neues Antisatellitensystem für niedrige Bahnhöhen verfügt und Interzeptoren auch für Satelliten im geostationären Orbit in einer Höhe von 36.000 Kilometern entwickelt.[15] China startete 2016 einen Satelliten (Aalong-1), mit dem Weltraumschrott mittels eines Roboterarms eingesammelt werden kann. Auch die USA demonstrierten den "Abschuss" eines eigenen Satelliten: Am 21. Februar 2008 traf eine seegestützte Abwehrrakete SM-3 des Aegis-Raketenabwehrsystems einen defekten US-Satelliten und bewies, dass das seegestützte Abwehrsystem, das auch in Europa stationiert ist, regional eine ASAT-Fähigkeit gegen Satelliten mit einer Bahnhöhe zwischen 1.000 und 2.000 Kilometern besitzt.

Laut Expertenaussagen verfolgt Russland, das 2015 seine für Weltraumstarts, Frühwarnung sowie für die Satellitenkontrolle und -überwachung verantwortlichen "Luft- und Weltraumstreitkräfte" reorganisiert hat, den Ausbau der noch aus der Zeit der Sowjetunion stammenden DA-ASAT-Programme A-235 durch die Entwicklung schnellerer bodengestützter (Nudol) oder luftgestützter Interzeptoren (Kontakt) zum Abfangen erdnaher Satelliten in einer Höhe zwischen 100 und 1.500 Kilometern. Offensichtlich ist auch ein Programm für Satelliten mit RPO-Fähigkeiten aufgelegt worden. So wurden zwischen 2014 und 2017 Annäherungsmanöver der Satelliten Kosmos 2499 und 2504 mit Raketenoberstufen oder Weltraumtrümmern beobachtet. Auch näherte sich der Satellit Luch mehreren in der geostationären Umlaufbahn geparkten Satelliten. Russland bewies damit die Fähigkeit für satellitennahe "Inspektions- und Servicemissionen".[16]

Neben solchen Dual-Use-Missionen ist auch eine offensive militärische Verwendung denkbar, etwa das Stören der Satellitenkommunikation. Russland verfügt seit Langem über Erfahrung mit elektronischer Kriegsführung, bei der Funksignale elektronisch gestört werden, etwa das satellitengestützte GPS-Signal. China steht im Verdacht, US-Satelliten mit elektronischen und Cyberangriffen gestört zu haben.[17] Alle drei Staaten entwickeln zudem bodengestützte Hochenergielaser, die einerseits zur Bahnverfolgung, aber auch zum Blenden von Satelliten genutzt werden können.[18] Im Prinzip können solche Systeme auch im Weltraum stationiert werden, allerdings sind ihre Kosten und Zuverlässigkeit noch höchst zweifelhaft.

Indien, der regionale Konkurrent Chinas, hatte bereits 2010 angekündigt, dass das Land ein Antisatellitensystem mit Kollisionstechnologie (hit-to-kill) entwickelt. Im März 2019 verkündete Premierminister Narendra Modi den ersten erfolgreichen indischen ASAT-Test ("Mission Shakti"). Dabei hatte ein ASAT-Interzeptor den Testsatelliten Microsat R 168 Sekunden nach dem Start mit einer bodengestützten Rakete in einer Höhe von 300 Kilometern zerstört. Ein indischer Sprecher betonte, der Test sei gegen keine Nation gerichtet gewesen, und die Fähigkeit sei zu Abschreckungszwecken genutzt worden.

Die US-Administration unter Donald Trump hat erklärt, dass das Land "seine Führerschaft und Aktionsfreiheit im All erhalten muss". Der Weltraum wird wie der Cyberspace als neuer potenzieller Kriegsschauplatz gesehen.[19] Als Konkurrenten identifiziert die "US Missile Defense Review 2019" neben China und Russland auch Nordkorea und Iran. Vor diesem Hintergrund schlug Trump die Schaffung einer sechsten Teilstreitkraft, der "Space Forces" vor, die allerdings vom Kongress abgesegnet werden muss. Bei der Vorstellung seiner Pläne im Juni 2018 sagte Trump, es reiche "nicht aus, nur eine amerikanische Präsenz im Weltraum zu haben, wir müssen eine amerikanische Dominanz im Weltraum haben".[20] Seitdem unterstreichen die USA ihren Vormachtstatus. Die drei zentralen Programme zur ballistischen Raketenabwehr GMD, Aegis-BMD und THAAD, deren Interzeptoren im Weltraum zur Anwendung kommen würden, werden weiter ausgebaut. Ein weltraumgestütztes Sensorennetzwerk gegen anfliegende Raketen, unter anderem auch gegen die verstärkt entwickelten Hyperschallflugkörper, soll forciert werden. Eine Konzeptionsstudie für weltraumgestützte Laser wurde in Auftrag gegeben. Zudem betreiben die USA weitere Geheimprojekte. Ein Beispiel ist der experimentelle unbemannte Mini-Shuttle X-37B der US-Luftwaffe, der nach einem Langzeitaufenthalt von 718 Tagen im All am 7. Mai 2017 vollautomatisch in Florida landete. Über den genauen Einsatzzweck ist kaum etwas bekannt, abgesehen davon, dass der wiederverwendbare Orbiter Kleinsatelliten aussetzen kann.[21]

Diese Entwicklungen zeigen, dass sich der Wettbewerb im Weltraum zwischen den USA, China und Russland verschärft. Die Abfangfähigkeiten beziehen sich sowohl auf Satelliten auf erdnahen wie mittleren Umlaufbahnen als auch auf geostationäre Objekte. Auch andere Weltraummächte wie Indien positionieren sich, um zu zeigen, dass sie "gegnerische Objekte" im Weltraum abfangen können. Gleichzeitig wird sowohl an offensiver als auch an disruptiver Technologie gearbeitet, ferner an nicht-disruptiven Dual-Use-Technologien wie RPO, Cyber- und elektronischer Kriegsführung. So werden vermehrt Satellitenexperimente zu RPO-Zwecken aus den USA, China und Russland beobachtet. Diese lassen sich besonders gut tarnen, da sie zivile "Servicezwecke" wie das Betanken oder die Reparatur von anderen Satelliten haben können. Doch angesichts des Dual-Use-Potenzials mancher Weltraumfähigkeiten eines Konkurrenten können vorhandene Systeme als Counterspace-Waffe angesehen werden, die keine sind.

Transparenz gibt es zwar im recht durchsichtigen Weltraum, nicht aber bei den militärischen Vorbereitungen auf der Erde. Es findet eine Art wechselseitiges technologisches Wettrüsten statt, das keinen Regeln unterliegt, Unsummen kostet und die Weltraumsicherheit bedrohen kann. Aus den jetzigen Entwicklungen kann man schließen, dass künftige große militärische Konflikte mit hoher Wahrscheinlichkeit eine aktive Weltraumkomponente haben werden.

Fußnoten

15.
Weitere Tests des Interzeptors folgten 2005, 2006, 2010 und 2013. Vgl. Harrison/Johnson/Roberts (Anm. 8), S. 8.
16.
Weeden/Samson (Anm. 4), S. 2ff.
17.
Vgl. Harrison/Johnson/Roberts (Anm. 8), S. 10f.
18.
Weeden/Samson (Anm. 4).
19.
US Department of Defense, 2018 National Defense Strategy, Washington, D.C. 2018, S. 3, S. 6.
20.
Sarah Kaplan/Dan Lamothe, Trump Says He’s Directing Pentagon to Create a New "Space Force", 18.6.2018, http://www.washingtonpost.com/news/speaking-of-science/wp/2018/06/18/trump-says-hes-directing-pentagon-to-create-a-new-space-force/?utm_term=.353a3857a439«.
21.
Vgl. Patrick Illinger, Was fliegt denn da?, in: Süddeutsche Zeitung, 10.5.2017, S. 16.
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