Eine Frau benutzt einen Notrufknopf, den sie am Handgelenk trägt.

9.8.2019 | Von:
Diana Auth

Politikfeld "Pflege"

Zahl der Pflegebedürftigen und aktuelle Prognosen

Die Zahl der Pflegebedürftigen ist seit der Einführung der Pflegeversicherung stetig angestiegen.[13] Waren 1999 gut 2 Millionen Menschen pflegebedürftig, so sind es 2017 bereits knapp 3,4 Millionen.[14] Das entspricht einer Steigerung um etwa 70 Prozent. Zwischen 2015 und 2017 ist der Anteil der Pflegebedürftigen infolge der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs um knapp ein Fünftel angestiegen. Der starke Anstieg geht auf die Integration der demenziell Erkrankten zurück, die zum Teil vorher auch schon Leistungen der "Pflegestufe 0" erhalten hatten. Infolge der längeren Lebenserwartung sind etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen weiblich.

Aufgrund des demografischen Wandels wird die Zahl der Pflegebedürftigen weiter steigen, darin sind sich alle Prognosen einig.[15] Nach einer Prognose des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), in die die Umstellung auf Pflegegrade noch nicht eingerechnet wurde, steigt die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2035 auf über 4 Millionen, wenn man von einem gleichbleibenden Gesundheitszustand ausgeht. Damit würde die Zahl der Pflegebedürftigen in 20 Jahren um ein Drittel zunehmen. Von dieser Entwicklung sind insbesondere die ostdeutschen Bundesländer betroffen, die einen höheren Anteil älterer Menschen aufweisen.[16] Das Bundesgesundheitsministerium geht auf der Basis der Geschäftsstatistik der Pflegekassen und unter der Annahme konstanter altersspezifischer Pflegewahrscheinlichkeiten aktuell davon aus, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf 4,6 und bis 2060 auf 5,9 Millionen erhöhen wird.[17]

Wandel von Versorgungsarrangements

Ein Blick auf die Haushaltsformen der Pflegebedürftigen zeigt, dass sich ein Trend zum Alleinleben abzeichnet: Während der Anteil der alleinlebenden Pflegebedürftigen – viele davon verwitwet – von 22 Prozent im Jahr 1998 auf 34 Prozent im Jahr 2016 angestiegen ist, so ist fast spiegelbildlich der Anteil der Verwitweten, die mit ihren Angehörigen in einem Haushalt wohnen, gesunken (von 28 auf 17 Prozent). Im selben Zeitraum wohnten konstant 28 Prozent der Pflegebedürftigen mit ihrem (Ehe-)Partner oder ihrer (Ehe-)Partnerin im selben Haushalt.[18]

Neben Haushaltsveränderungen seitens der Pflegebedürftigen zeichnet sich zudem ein soziodemografischer Wandel bei den häuslich Pflegenden ab. Aufgrund des Anstiegs der Frauenerwerbstätigkeit und der zunehmenden Mobilität nimmt das sogenannte häusliche Pflegepotenzial ab. Dennoch wird auch heute noch der größte Teil der Pflegebedürftigen (52 Prozent) zuhause ausschließlich durch Angehörige versorgt.[19] Auch 1999 wurde gut die Hälfte der Pflegebedürftigen zuhause allein durch Angehörige versorgt. Der Anteil sank bis 2009 auf 46 Prozent; seitdem steigt er wieder an.[20]

Ein genauerer Blick auf die häuslichen Hauptpflegepersonen ergibt, dass gut ein Drittel der Pflegebedürftigen von ihren Partner/innen gepflegt wird. Der Anteil ist seit 1998 relativ konstant. Gut ein Zehntel der Pflegebedürftigen wurde 2016 von ihren Söhnen, gut ein Viertel von ihren Töchtern gepflegt, wobei sich der Anteil der pflegenden Söhne von 1998 bis 2010 verdoppelt hat und seitdem stagniert. Demgegenüber ist der Anteil der pflegenden Töchter bis 2010 um 3 Prozentpunkte zurückgegangen und danach ebenfalls konstant geblieben.[21] Auch wenn nach wie vor der größte Teil der häuslich Pflegenden weiblich ist, pflegen Männer heute deutlich häufiger: Der Anteil der männlichen Hauptpflegepersonen ist seit 1998 um 11 Prozentpunkte von 20 auf 31 Prozent im Jahr 2016 angestiegen.[22]

Diese Entwicklung geht einher mit dem Trend zur Parallelität von Erwerbstätigkeit und häuslicher Pflege. Waren im Jahr 1998 noch 64 Prozent der Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter nicht erwerbstätig, sinkt der Anteil seitdem kontinuierlich. 2016 waren es schon nur noch 35 Prozent. Von allen Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter arbeiteten 2016 28 Prozent in Vollzeit und 36 Prozent in Teilzeit- oder geringfügiger Beschäftigung. Differenziert nach Geschlecht zeigt sich ein etwas höherer Anteil an Männern beziehungsweise Söhnen, die Pflegeaufgaben mit einer Erwerbstätigkeit vereinbaren. Dabei arbeitet die Hälfte der pflegenden Männer im erwerbsfähigen Alter Vollzeit, bei den Frauen ist es nur ein Fünftel.[23]

Mehr pflegende Männer beziehungsweise Söhne und mehr erwerbstätige Pflegende erklären, warum der Anteil der Pflegebedürftigen, die Unterstützung durch ambulante Pflegedienste in Anspruch nehmen, kontinuierlich angestiegen ist und zwar von 21 Prozent im Jahr 1999 auf 24 Prozent im Jahr 2017. Demgegenüber ist der Anteil der stationär versorgten Pflegebedürftigen von 28 Prozent (1999) zunächst bis auf 32 Prozent im Jahr 2007 angestiegen. Seitdem sinkt er wieder und liegt aktuell bei 24 Prozent.[24]

Fußnoten

13.
Die Pflegestatistik wird seit 1999 alle zwei Jahre vom Statistischen Bundesamt erstellt, die jüngsten Daten stammen aus dem Jahr 2017.
14.
Statistisches Bundesamt, Kurzbericht Pflegestatistik 1999. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse, Bonn 2011; dass., Pflegestatistik 2015. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse, Wiesbaden 2017. Anmerkung: Aufgrund einer Ermittlungsänderung bei der Erfassung der Zahl der Pflegebedürftigen im Jahr 2009 ist eine Vergleichbarkeit der Daten nur eingeschränkt möglich. Die Gesamtzahl der Pflegebedürftigen ist ab 2009 etwas niedriger (ca. 1 Prozentpunkt), weil Doppelzählungen im Bereich der teilstationär Versorgten stärker vermieden wurden. Vgl. Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2009. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse, Wiesbaden 2011, S. 27.
15.
Vgl. Heinz Rothgang/Rolf Müller/Rainer Unger, Themenreport "Pflege 2030". Was ist zu erwarten – was ist zu tun?, Gütersloh 2012; BMG (Anm. 3); Susanna Kochskämper, Die Entwicklung der Pflegefallzahlen in den Bundesländern. Eine Simulation bis 2035, IW-Report 33/2018; Gerlinger/Röber (Anm. 5).
16.
Vgl. Kochskämper (Anm. 15), S. 14ff.
17.
Vgl. BMG (Anm. 3), S. 15, ohne private Pflegeversicherung.
18.
Vgl. Schneekloth et al. (Anm. 6), S. 56.
19.
Vgl. Statistisches Bundesamt 2017 (Anm. 14); eigene Berechnungen.
20.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik, verschiedene Jahrgänge, eigene Berechnungen. Anmerkung: Der Anstieg des Anteils der "allein durch Angehörige versorgten Pflegebedürftigen" wird in der Pflegestatistik etwas zu hoch ausgewiesen. Die Vergleichbarkeit der Daten ist nur eingeschränkt möglich. Vgl. Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2011. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse, Wiesbaden 2013, S. 27; siehe auch Heinz Rothgang et al., Barmer Pflegereport 2012, Berlin 2012, S. 80ff.
21.
Vgl. Schneekloth et al. (Anm. 6), S. 56.
22.
Vgl. ebd., S. 57. Diese Entwicklung lässt sich auch mit den Daten der Deutschen Rentenversicherung zeigen. Vgl. Rothgang et al. (Anm. 20), S. 82.
23.
Vgl. Schneekloth et al. (Anm. 6), S. 58.
24.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik, verschiedene Jahrgänge, eigene Berechnungen.
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