Eine Frau benutzt einen Notrufknopf, den sie am Handgelenk trägt.

9.8.2019 | Von:
Ulrike Ehrlich

Familiäre Pflege und Erwerbsarbeit. Auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Aufteilung?

Auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel: Warum?

Pflegende Angehörige im erwerbsfähigen Alter waren und sind von enormer Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Lebensqualität von hilfe- oder pflegebedürftigen Personen. Zwar haben Männer im erwerbsfähigen Alter ihr Engagement in der familiären Pflege erhöht. Frauen im erwerbsfähigen Alter übernehmen aber noch immer häufiger Hilfe- oder Pflegetätigkeiten und leisten diese auch im höheren Zeitumfang als Männer. Darüber hinaus schaffen es Pflegepersonen seltener als Nicht-Pflegepersonen, und weibliche Pflegepersonen seltener als männliche Pflegepersonen, adult workers zu sein. Zwar haben Pflegepersonen ihre Erwerbsbeteiligung im Beobachtungszeitraum deutlich gesteigert, jedoch waren sie zu allen Messzeitpunkten seltener und im geringeren Umfang erwerbstätig als Nicht-Pflegepersonen. Innerhalb der Gruppe der Pflegepersonen hat sich die Erwerbstätigenquote der Frauen über die Zeit jener der Männer angeglichen. Jedoch kam es zu keiner Annäherung der wöchentlichen Arbeitszeitvolumina. Somit überrascht es auch nicht, dass sowohl Pflegepersonen im Vergleich zu Nicht-Pflegepersonen als auch weibliche Pflegepersonen im Vergleich zu männlichen Pflegepersonen stets ein geringeres Lohnniveau erzielten und deren erwerbsbasierte Existenzsicherung am geringsten ausfällt, was perspektivisch auch negative Auswirkungen auf die erwerbsbasierte Existenzsicherung im Alter haben wird. Eine Existenzsicherung von Pflegepersonen, insbesondere von weiblichen Pflegepersonen, erfolgt nur abgeleitet über die monetäre Umverteilungsleistung des Haushalts. Diese Umverteilungsleistung führt allerdings zu kurz- als auch langfristigen individuellen ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen vom Ernährer des Haushalts. Darüber hinaus kann eine Pufferwirkung des Haushalts schnell verschwinden, wenn sich die Konstellation ändert, beispielsweise durch Trennung oder den Verlust des Partners oder wenn ein zusätzliches Einkommen anderweitig verloren geht.

Warum ist eine geschlechtergerechtere Aufteilung von familiärer Pflege und Erwerbsarbeit also noch nicht erreicht? Zum einen deshalb, weil sich die in Deutschland verankerten explizit familialistischen pflegepolitischen Maßnahmen stärker auf Frauen auswirken, da Fürsorgetätigkeiten qua Tradition eher in ihren Verantwortungsbereich fallen.[12] Zum anderen hat ein solches Care-Regime angesichts resistenter geschlechtsspezifischer Erwerbs- und Lohnunterschiede sowie immer noch bestehender politischer Maßnahmen zur Förderung einer männlichen Ernährerehe (beispielsweise Ehegattensplitting, beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der gesetzlichen Krankenkasse)[13] stärkere negative Auswirkungen auf Frauen, da diese aus (haushalts-)ökonomischen Gründen eher familiäre Hilfe- oder Pflegetätigkeiten übernehmen als Männer und ihre Erwerbstätigkeit in Folge von Hilfe- oder Pflegetätigkeiten reduzieren oder sogar aufgeben.[14] Deshalb wird das deutsche Care-Regime auch als "geschlechtsspezifisch diskriminierende Variante des Familialismus" eingestuft, das eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung reproduziert.[15]

Wenn einerseits die Hauptverantwortung für die Versorgung hilfe- oder pflegebedürftiger Personen weiterhin bei den Familien liegen soll und andererseits Frauen wie Männer ihre Existenz durch eigene Erwerbsarbeit absichern sollen und auch immer häufiger wollen und müssen, müssen diese politische Zielsetzungen zusammen gedacht werden und Optionen geschaffen werden, die es ermöglichen, dass familiäre Pflege und Erwerbsarbeit geschlechtergerecht vereinbart werden können. Ein umfassenderes und kostengünstigeres Angebot professioneller Pflegedienstleistungen würde pflegende Angehörige bei der Vereinbarkeit von familiärer Pflege und Erwerbsarbeit entlasten und somit eine individuelle und erwerbsbasierte Existenzsicherung ermöglichen. Ist eine pflegebedingte Teilzeit- oder Vollzeiterwerbsunterbrechung dennoch nötig, sollte eine Lohnersatzleistung nach dem Vorbild des Elterngeldes gewährt werden. Diese würde nicht nur eine gewisse finanzielle Stabilität garantieren, sondern könnte auch ein vielversprechender Weg sein, eine geschlechtergerechtere Aufteilung von familiärer Pflege und Erwerbsarbeit zu erreichen, da so auch Männer zur Übernahme von familiären Hilfe- oder Pflegetätigkeiten motiviert werden könnten.

Fußnoten

12.
Vgl. Thomas Schmid/Martina Brandt/Klaus Haberkern, Gendered Support to Older Parents: Do Welfare States Matter?, in: European Journal of Ageing 1/2012, S. 39–50.
13.
Vgl. Sigrid Leitner, Familienpolitik, in: Herbert Obinger/Manfred G. Schmidt (Hrsg.), Handbuch Sozialpolitik, Wiesbaden 2019, S. 739–760.
14.
Vgl. Leitner (Anm. 1); Nadiya Kelle, Combining Employment and Care-Giving: How Differing Care Intensities Influence Employment Patterns Among Middle-Aged Women in Germany, in: Ageing & Society 2018 (online first).
15.
Leitner (Anm. 1), S. 126.
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